Der Treck nach Norden

Dieses Thema im Forum "Netzwelt" wurde erstellt von z3Ro-sHu, 11. Juli 2006 .

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  1. #1 11. Juli 2006
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    Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel: Europas Türen sind für Afrikaner fest verschlossen. Wer dennoch kommen will, muss tricksen. Jedes Jahr machen sich tausende Marokkaner, Senegalesen, Malier oder Nigerianer auf einen langen Weg nach Europa. Die EU-Staaten halten mit aller (Polizei-) Macht dagegen, in immer kürzeren Abständen müssen daher Schlepper und Flüchtlinge neue Wege auf das europäische Festland finden - doch die werden immer gefährlicher.

    Von Rüdiger Maack, ARD-Hörfunkstudio Rabat

    Die marokkanische Hafenstadt Tanger: Von hier aus erhoffen sich noch immer Tausende von Marokkanern, irgendwie per Laster, in Kühlräumen oder Kofferräumen von Pkws nach Spanien zu kommen. Bis vor kurzem hat sich hier oben, an der marokkanischen Mittelmeergrenze, sogar halb Afrika getroffen: Marokkaner und Algerier, Sierra Leoner, Nigerianer, Senegalesen, Kameruner, Malier. Doch jetzt kommen nur noch wenige neue an.

    In einem Rot-Kreuz-Lager in der spanischen Enklave Melilla sind die, die Glück gehabt haben. Seit knapp zwei Jahren überwachen Spanier und Marokkaner mit großem technischen Aufwand das Mittelmeer: sie bringen Boote auf, und schicken die Überlebenden zurück. Wer es nach Melilla geschafft hat, hatte Glück, so wie Don Simone Fortou aus Kamerun. "Ich habe Kamerun mit etwa 400.000 CFA-Francs verlassen (etwa 600 Euro) und als ich in Algerien war, war das Geld zu Ende. Dann habe ich nach Hause telefoniert, damit sie mir mehr Geld schicken. Sie haben mir nochmal 100.000 CFA-Francs geschickt, das hat mich bis Marokko gebracht."

    Wer über den Zaun will, riskiert sein Leben

    Doch auch hier haben sich die Zeiten geändert: Der Zaun, der Melilla und die zweite spanische Enklave Ceuta von Marokko trennt, wurde auf sechs Meter erhöht und verdoppelt, zwischen den beiden Zäunen liegt Stacheldraht. Wer drüber will, riskiert sein Leben. Wer drüber kommt, ist zwar in Spanien, wird aber von der spanischen Polizei gejagt, gefangen und wieder nach Marokko zurück geschickt. In Marokko werden sie oft nach Algerien abgeschoben, von dort zurück nach Mali.

    Denn das waren bisher die klassischen Routen. Bertien aus Kamerun hat eine davon bereist: "Ich bin 2003 aus Kamerun weg. Ich bin per Auto nach Nigeria. Von Nigeria bin ich nach Niger. Von Niger aus habe ich die Wüste durchquert. Durch die Ténéré nach Lybien. Nach Marokko bin ich dann über Algerien und die Stadt Maghnia gekommen."
    Wenige Wege führen nach Europa

    Wer über Land nach Europa will, muss durch die Sahara. Von den umliegenden Ländern aus sind Mali und Niger Haupttreffpunkte der Emigranten. Immer wieder treffen hier auch Emigranten aus Indien, Pakistan oder Somalia ein. Sie haben sich Schleppern anvertraut. Von Mali geht es weiter nach Algerien, von dort nach Marokko. Oder von Mali nach Mauretanien, um von dort per Boot auf die kanarischen Inseln zu kommen. Von Niger geht es nach Libyen, von dort per Boot Richtung Italien, oder über Algerien wiederum nach Marokko.

    Doch es spricht sich herum: Die Europäer geben viel Geld dafür aus, dass die Afrikaner ihre Leute daran hindern, nach Norden aufzubrechen. Die Mittelmeerrouten werden immer schwieriger. Lediglich von Algerien aus hat man derzeit noch ganz gute Chancen, übers Meer nach Frankreich übersetzen zu können - doch die Algerier nehmen keine Schwarzafrikaner mit. Und weil die Nordroute blockiert ist, werden immer gefahrvollere Routen ausprobiert.

    In der Nussschale von Senegal nach Gran Canaria

    Von der Westsahara zum Beispiel auf die kanarischen Inseln. Erst letzte Woche sind hier über 30 Menschen ums Leben gekommen, als ein Boot sank. Auch hier macht marokkanisches Militär ernst. Also wird nach Süden ausgewichen: Anfang des Jahres war Mauretanien ein Hot Spot, um auf die Kanaren zu kommen. Doch die Spanier haben Otto Schilys Vision von Lagern in Afrika wahr gemacht: sie transportieren die Unglücklichen, die die Überfahrt überlebt haben, in ein Lager an der mauretanischen Küste.

    Und so geht es eben weiter nach Süden. Die letzten Wochen sind immer öfter winzige Boote von Senegal aus aufgebrochen Richtung Kanaren. 1500 km in Nussschalen übers offene Meer, sieben bis zehn Tage Reise. Der senegalesische Konsul schätzt, dass im vergangenen Jahr 1800 Menschen dabei ums Leben gekommen sind. Und es wird nicht einfacher für die Flüchtlinge: Die Europäer haben jetzt den Westafrikanern die Zusage abgerungen, vor deren Küste Überwachungsflüge durchzuführen.
     

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