Eheende nach der Silberhochzeit - warum scheitern Ehen im Alter?

Artikel von Tommy Weber am 17. Februar 2021 um 08:50 Uhr im Forum Politik, Umwelt, Gesellschaft - Kategorie: Ratgeber & Wissen

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Eheende nach der Silberhochzeit - warum scheitern Ehen im Alter?

17. Februar 2021     Kategorie: Ratgeber & Wissen
War es früher das verflixte siebte Jahr, so ist heute erst nach 25 oder mehr Jahren Schluss. Immer mehr langjährige Ehen sind scheidungsanfällig und die Tendenz ist steigend. Die Zahl der Scheidungen nach der Silberhochzeit hat deutlich zugenommen und sich seit den 1970er Jahren mehr als verdoppelt. Eine Scheidung ist bei der Generation 50 Plus keine Seltenheit mehr. Aber wo liegen die Gründe? Warum trennen sich zwei Menschen, die über Jahrzehnte eine Partnerschaft geführt haben? Oder müsste die Frage vielleicht eher heißen: Warum wurde die Ehe über einen so langen Zeitraum aufrechterhalten?

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Viele unterschiedliche Faktoren
Noch vor 50 Jahren galten Scheidungen als eine Art Makel. Politik und Kirche zeichneten das Bild der heilen Familie und besonders Frauen hatten es nach der Scheidung schwer. Die Zeiten haben sich jedoch geändert und Scheidungen sind heute keine Seltenheit und auch kein Makel mehr. Für Aufsehen sorgt jedoch immer noch, wenn sich ein Paar nach langen Jahre der Ehe im Alter trennt. Nicht selten waren diese Ehen schon lange vor der Scheidung schwierig, die Beziehung war für beide Seiten nicht einfach und die Paare haben gewartet, bis die Kinder erwachsen waren. In früheren Zeiten wirken sich Faktoren wie die gemeinsamen Kinder und der Besitz eines Hauses als stabilisierend für eine Ehe aus. Die Paare waren tendenziell darum bemüht, die Ehe weiterzuführen. Für Frauen kam eine Scheidung zudem aus finanziellen Gründen nicht infrage, da sie vielfach in dieser Hinsicht von ihrem Ehemann abhängig waren.

Heute sind Frauen in wirtschaftlicher Hinsicht eigenständig geworden und das macht eine Scheidung auch nach der Silberhochzeit möglich, dazu kommen dann noch bestimmte Neuregelungen im Scheidungsrecht. Sie sorgen für eine faire finanzielle Aufteilung zwischen beiden Partnern.

Die Emanzipation der Frauen
Wer glaubt, dass Ehepaare in früheren Zeiten pauschal glücklicher miteinander waren, irrt sich. Die Emanzipation der Frauen hat zugleich dazu geführt, dass die Zahl der Scheidungen im Alter größer geworden ist. Noch in den 1960er Jahren war es völlig normal, dass Frauen ihre eigenen Wünsche und Interessen für die Familien nach hinten gestellt haben. Mit steigendem Alter und dem zunehmenden Bewusstsein, dass das Leben nicht unendlich lange dauert, haben sich die Frauen emanzipiert und den Mut gefunden, etwas für sich selbst zu tun, zu genießen und ihre unerfüllten Träume zu leben.

Spielte die Kirche noch vor fünf Jahrzehnten eine wichtige Rolle beim Eheleben, so hat sie heute kaum noch Macht und sehr viel von ihrem Einfluss verloren. Auch so etwas gibt vielen Frauen den Mut, einen neuen Anfang zu wagen, ohne Angst haben zu müssen, in der Gemeinde unten durch zu sein. Viele Frauen nutzen diese Freiheit und gehen ihren eigenen Weg.

Warum Paare sich entfremden
Entfremdung ist der am häufigsten genannte Grund, warum eine Ehe in späten Jahren noch scheitert. Die Paare haben sich, wie es so schön heißt, auseinandergelebt, und zwar infolge von völlig veränderten Erwartungen, Persönlichkeitseigenschaften oder Wertvorstellungen. Sehr häufig wird diese Entwicklung vom jeweiligen Partner dann als negativ empfunden. Ist aber die eigene Person betroffen, dann wird so etwas als positiv angesehen. Dazu kommt die fehlende Nähe, das früher so angenehme Gefühl der Geborgenheit und Gemeinsamkeit und nicht zuletzt die fehlende Kommunikation. Viele Ehepaare jenseits der 50 haben sich einfach nichts mehr zu sagen. So entsteht der schleichende Prozess der Entfremdung, bis schließlich beide Partner nicht mehr miteinander, sondern nur noch nebeneinander her leben.

Sie haben das Interesse aneinander verloren, sie schenken sich nicht mehr genug Aufmerksamkeit oder gar keine mehr. Die alte Vertrautheit ist weg und sie lässt sich nicht mehr zurückholen.

Das Bedürfnis nach Freiheit
Das Bedürfnis nach Freiheit und das Aushandeln von Zugeständnissen bei Distanz und Nähe stellt in immer mehr Ehen ein sehr starkes Thema dar, was mit Konflikten beladen ist. Vor allem Männer fühlen sich in ihren späten Jahren schnell einengt und eingesperrt. Aus ihrer Sicht wird die Selbstbestimmung zu arg beschnitten, wenn sie der Ehefrau zuliebe, auf lange Sicht gesehen, auf ihre Gewohnheiten verzichten müssen. So entsteht nicht selten das übermächtige Gefühl, nie mehr frei über etwas entscheiden zu können, und die Scheidung scheint der einzige Weg aus diesem vermeintlichen Ehegefängnis zu sein.

Wenn auf Dauer keine Kompromisse mehr möglich sind und die Partner, was das persönliche Bedürfnis nach Freiheit angeht, immer weiter auseinanderdriften, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es auch lange nach der Silberhochzeit noch zu einer Scheidung kommt.

Inkompatibilität - auch ein Grund, sich scheiden zu lassen
Mit zunehmendem Alter haben immer mehr Paare das Gefühl, dass sie irgendwie nicht mehr so recht zusammenpassen. Diese „Unverträglichkeit“ der Eheleute führt ebenfalls häufig zur Scheidung, selbst wenn die 50 bereits überschritten wurden. Es gibt viele relevante Bereiche, die zu dieser Inkompatibilität führen. Neben unterschiedlichen politischen Ansichten kann es die Gestaltung der Freizeit sein oder wenn jeder einen eigenen Freundeskreis hat. Ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Vorstellungen prägen oftmals über viele Jahre eine Beziehung, sie verursachen regelmäßig Konflikte, sodass es zu Streitigkeiten kommt. Auf der anderen Seite werden Bedürfnisse auch jahrelang gezwungenermaßen unterdrückt. Letztendlich lassen sich diese Differenzen zwischen den Partnern nicht mehr überwinden und es kommt zur Trennung.

Eine neue Liebe
Geht mit den vielen Ehejahren die Liebe verloren? Bei vielen Paaren ist es tatsächlich der Fall. Hier sind es vor allem die Männer, die eine neue und zugleich jüngere Partnerin suchen, wenn sie in die berühmt-berüchtigte Midlife-Crisis kommen. Mit dieser meist deutlich jüngeren Frau wollen sie dann einen Neuanfang wagen. Viele Männer in dieser Situation neigen dazu, die Ehe trotz der neuen Beziehung weiterlaufen zu lassen. Der Entschluss, sich scheiden zu lassen, kommt in den meisten Fällen von der betrogenen Ehefrau. Nicht weiter überraschend ist dabei, dass diese Scheidungen oft sogenannte schmutzige Scheidungen sind. Hier spielt neben Eifersucht und der Wut noch das Gefühl der Ungerechtigkeit eine wichtige Rolle. Die Ehefrau hat ihrem Mann jahrelang zur Seite gestanden, die Kinder großgezogen und die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt.

Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der gemeinsame Lebensabend beginnen kann, wird die Ehefrau gegen eine junge Geliebte eingetauscht. Dass Frauen in dieser Situation wütend werden, ist nur verständlich.

Vielleicht hat das alte Sprichwort ja recht, in dem es heißt: Verliebe dich oft, verlobe dich weniger und heirate nie!

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