Googles ganz großes WLAN

Dieses Thema im Forum "Netzwelt" wurde erstellt von Melcos, 6. Oktober 2006 .

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  1. #1 6. Oktober 2006
    Googles ganz großes WLAN

    Neben der Religionsfreiheit und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit scheint in vielen US-Gemeinden inzwischen noch ein drittes signifikantes Bürgerrecht zu gelten: Das Recht zur Nutzung eines von der Stadt betriebenen WLAN-Netzes. So sieht das zumindest Gavin Newsom, seines Zeichens Bürgermeister von San Francisco, dem Tor zum Silicon Valley. Und so kam es, dass das städtische Drahtlos-Internet mit dem schönen Projektnamen "TechConnect" seit August 2005 vorangetrieben wird.

    Die große Ankündigung entsprach Newsons politischem Stil - er gilt Beobachtern als Machertyp und Medienmensch, der die Show liebt. Und dennoch: Der Bürgermeister von San Francisco ist keineswegs der einzige US-Gemeindeführer, der sich für stadtweite Drahtlos-Internet-Zugänge stark macht - auch um die so genannte digitale Spaltung zwischen Arm und Reich aufzuheben. Außerdem glauben viele Gemeinden, dass sie mit solchen WLAN-Netzen selbst Geld sparen können und ihre wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben. Da wundert es kaum, dass allein in den USA derzeit rund 300 solcher Projekte laufen.

    Aber ist der WLAN-Boom in den amerikanischen Städten tatsächlich ein Vorteil für die Bürger oder eher nur eine gut gemeinte Zeitverschwendung? Kritiker meinen bereits, dass die aktuelle Internet-Funktechnik mit ihren verhältnismäßig niedrigen Geschwindigkeiten bereits veraltet ist, wenn die ersten Gemeindenetze tatsächlich fertig sind. In Orlando in Florida sowie einigen asiatischen Städten kämpfen Pilotnetze derweil mit einem ganz anderen Problem: Sie werden von den Bürgern kaum genutzt. Dem WLAN-Projekt von Philadelphia, das man in den USA allgemein als großes Vorbild zitiert, gingen hingegen genaue Planungen voraus, bei denen geprüft wurde, warum die Gemeinde das drahtlose Netz überhaupt braucht, wer es verwenden und was es kosten würde.

    Derlei strategische Planungen dürften im Rahmen von TechConnect ziemlich schnell über Bord geworfen worden sein, nachdem sich im Februar 2006 der Suchmaschinengigant Google mit dem großen Provider EarthLink zusammentat, um gemeinsam ein Gebot für das Projekt abzugeben. Bürgermeister Newsom kultiviert seine Verbindungen zu Google schon länger. So wurde er im Januar 2005 netterweise von den Firmengründern Larry Page und Sergey Brin vom Weltwirtschaftsforum in Davos im Privatjet zurück nach San Francisco mitgenommen (Newsom bezahlte später dafür).

    Die Anforderungen, die San Francisco an das Drahtlos-Projekt stellt, sind ziemlich extrem. So soll das Netz auch dann noch funktionieren, wenn sich der Nutzer mit 30 Meilen pro Stunde fortbewegt, was mit WLAN-Technik nur schwer möglich ist. Die Stadt will außerdem eine Abdeckung von 95 Prozent im Freien und 90 Prozent in den Häusern sehen, wozu eine gigantische Anzahl an Basisstationen her müsste - und San Francisco ist auch noch ziemlich hügelig.

    Google und EarthLink wollen das alles aber hinbekommen. Kostenlos soll das Netz mit langsamen 300 Kilobit pro Sekunde sein, immerhin fünf Mal schneller als ein Internetzugang per Modem. Wer EarthLink, dem Anbieter der Netzwerk-Hardware, zusätzlich 20 Dollar im Monat zahlt, soll hingegen im Megabit-Bereich versorgt werden - inklusive Kundendienst. Das vorgeschlagene Netz würde pro Quadratkilometer mindestens sieben Basisstationen benötigen, die man an städtischen Straßenlaternen und Ampeln befestigen will.

    Bei dieser Dichte würde das Netz zwar die Abdeckungswünsche der Stadt erreichen, allerdings keine Bandbreite für Menschen oberhalb des zweiten Stockwerkes in Gebäuden garantieren können. Dennoch wurde das Gebot im April vorläufig angenommen, sollte man sich nun auf Vertragskonditionen einigen können.

    Im Mai traf sich dann die kalifornische Kommission für Auftragsvergabe im Rathaus von San Francisco, um das vorhaben zu debattieren. Die anwesenden Gemeindevertreter machten allerdings keinen besonders interessierten oder auch nur informierten Eindruck. Einer gab zu, noch sein Modem zu benutzen, während die anderen vor allem schwiegen.

    Immerhin stellte ein Distriktrepräsentant von den amerikanischen Grünen die richtigen Fragen. So wollte er wissen, wie das Gratis-Netz werbefinanziert werde: "Geht es einfach über das Google-Portal oder müssen die Nutzer Pop-up-Anzeigen ertragen?" Google wolle außerdem besonders relevante Anzeigen einblenden, die auch mit dem Standort des Nutzers "und seinen Vorlieben" zu tun haben sollen: "Was hält Google davon ab, zu überwachen, wo der Nutzer sitzt?", so der Distriktrepräsentant.

    Auf solche Fragen gab es von Seiten der IT-Abteilung der Stadt San Francisco und ihren hinzugezogenen Beratern jedoch nur eingeschränkt Antworten. Stattdessen betonte man immer wieder, dass die Stadt hier einen tollen Deal völlig kostenlos erhalte.

    Die Chefs der IT-Abteilung wollten sich auch nicht dazu äußern, dass man Google und EarthLink mit dem Vertrag über einen Zeitraum von zehn Jahren quasi ein Monopol auf den WLAN-Zugang in der Stadt geben wird - was auch den technischen Fortschritt aushebeln könnte. "2021 werden 300 Kilobit nur lächerlich wirken, das ist eine Lösung für 1996", meinte etwa Ralf Muehlen, Direktor des Non-Profit-WLAN-Projektes SFLan.

    Der Ansatz im viel gelobten Philadelphia ist hingegen ein anderer - hier finanziert, baut und managt EarthLink zwar das Netz und investiert in eine Infrastruktur im Wert von 7 bis 10 Millionen Dollar. Die Umsätze werden anschließend aber mit dem "Wireless Philadelphia"-Projekt der Stadt geteilt, und EarthLink verkauft zudem Bandbreite an andere Provider. Spätere Upgrades des Netzes stehen zudem bereits im Vertrag.

    EarthLink gab Philadelphia einen besseren Deal, weil die Stadt das so wollte - und nicht aus humanitären Gründen. Die Stadt führte dazu im Vorfeld eine detaillierte technische Studie durch, in der es zu Pilotprojekten in vier verschiedenen Stadtteilen kam - und zwar noch vor der Annahme irgendwelcher Angebote.

    Zudem gab es repräsentative Studien unter mehreren Gesellschaftsschichten. Die Stadt arbeitete mit Bezirken, Einwohnergruppen, Kirchengruppen und anderen Organisationen zusammen und veranstaltete zudem große Einweihungspartys, wie der WLAN-Berater Craig Settles berichtet. In San Francisco wurde hingegen noch nicht einmal eine Machbarkeitsstudie durchgeführt.

    Kurzum: Philadelphia machte seine Hausaufgaben und wusste, was es wollte. In San Francisco fürchtet man sich hingegen davor, dass Bürgermeister Newsom einen Deal mit der Kabelfirma Comcast wiederholen könnte, der man 2005 ohne Aushandelung verbesserter Konditionen einen weiteren Vierjahresvertrag zukommen ließ.

    Aber warum ist es überhaupt wichtig, dass Philadelphia einen besseren Deal bekommen hat, so lange Google und EarthLink der Stadt nur ein funktionierendes WLAN-Netz spendieren? Weil es noch gar nicht feststeht, dass solche Netze sich für die Städte rechnen. Im Januar 2005 stellte Orlando sein kostenloses WLAN in der Innenstadt ein, weil es nur von 27 Menschen pro Tag genutzt wurde und trotzdem 1800 Dollar im Monat kostete, wie die Lokalpresse schrieb.

    Das Netz in San Francisco wird zwar wesentlich größer, doch genau deshalb ist seine gut geplante Ausgestaltung um so wichtiger - die Stadt könnte dadurch zu spät merken, dass das Netz zu teuer, zu löchrig oder schon bei der Einweihung veraltet ist.

    Quelle: Technology Review
     

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