Ich-TV auf Sendung

Dieses Thema im Forum "Netzwelt" wurde erstellt von Melcos, 8. September 2006 .

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  1. #1 8. September 2006
    Ich-TV auf Sendung
    Technology Review 09/2006, Fokus


    Was hat James Bond nur, was andere nicht haben? Mit einer Software der kanadischen IPTV-Firma VideoClix lässt sich diese Frage nun ein für alle Mal klären: ein schickes Auto (BMW Z3), eine coole Sonnenbrille (Ray Ban Wayfarer II) sowie eine schöne Frau an seiner Seite (Izabella Scorupco).

    Am Beispiel des Bond-Streifens „GoldenEye“ zeigt VideoClix, wie Film und Werbung einander durchdringen können. Erscheint in einem mit VideoClix bearbeiteten Film etwa eine interessante Sonnenbrille, können die Zuschauer diese während der laufenden Szene anklicken. In einem benachbarten Fenster erscheinen dann Produktbeschreibung sowie ein Button für die direkte Bestellung. Das Prinzip funktioniert ebenso mit den Biografien der Schauspieler oder mit Informationen zum Drehort.

    VideoClix ist nur eines von vielen Unternehmen, die völlig neue Geschäftsmodelle auf IPTV aufbauen. Der Nachholbedarf ist groß. Von den drei Mediengattungen Print, Radio und TV hat sich das Fernsehen bisher am hartnäckigsten geweigert, Anschluss an das Internetzeitalter zu finden. In der Aufholjagd stoßen nun zwei TV-Kulturen aufeinander: die des Fernsehsessels („Lean-Back-TV“) und die des Schreibtisches („Lean-Forward- TV“). Auch wenn das Fernsehen am Schreibtisch und via PC-Monitor längst nicht so bequem ist wie im guten alten Fernsehsessel, entspricht es eher dem Lebensstil jüngerer Zuschauer, die während des Fernsehens auch noch im Web surfen oder mit Freunden chatten wollen.

    Die entscheidende Frage für die Zukunft von IPTV ist aber wohl nicht, ob die Zuschauer nun lieber zurückgelehnt oder vornübergebeugt fernsehen möchten, sondern schlicht, welche Formen der Finanzierung, Werbung und Interaktion sich durchsetzen werden.

    Dass der traditionelle 30-Sekunden-Spot noch eine große Zukunft hat, ist unwahrscheinlich; auch im konventionellen TV nutzen schon immer mehr Zuschauer ihre digitalen Videorecorder, um jegliche Werbung zu überspringen. „Medienmanager, die jetzt primär auf Lean-Back- Fernsehen setzen, sind ohnehin nostalgisch“, sagt dazu Mike Lanza, der Gründer von ClickTV, einem kleinen IPTV-Start-up aus San Francisco. „Die mit dem Internet aufgewachsene Generation ist nicht mehr bereit, sich dem Fernsehen passiv zu unterwerfen. Nach spätestens 30 Sekunden will sie wieder selbst das Kommando übernehmen.“ Lanzas ClickTV ermöglicht den Zuschauern, ihre eigenen Kommentare in jedes beliebige Online-Video einzutippen.

    Zuschauer können dann beispielsweise nicht nur die Regierungserklärung von US-Präsident Bush sehen, sondern auch nur bestimmte Zitate Bushs gleich mit eigenen Blog-Einträgen verlinken oder die Kommentare anderer Blogger als Untertitel dazuschalten – Funktionen, die den Informations- und Unterhaltungswert einer Sendung durchaus erhöhen. Neben Kommentaren erlaubt ClickTV auch die Einbettung von Textwerbung und grafischen Werbebannern in Online-Videos.

    ClickTV ist noch nicht profitabel, genauso wenig wie die meisten anderen IPTV-Start-ups. Dennoch herrscht in der Branche Goldgräberstimmung. Es zeichnen sich drei wesentliche Geschäftsmodelle ab: Zum Teil schon profitabel sind die technischen Dienstleister, die Hosting, Verschlüsselung und Verkauf von IPTV-Inhalten übernehmen. An zweiter Stelle folgen Unternehmen, die sich auf die Einspeisung von Werbung in IPTVProgramme spezialisieren, gefolgt von Suchmaschinen wie Blinkx, Google und Yahoo, die versuchen, sich als zentrale Anlaufstelle für IPTV-Sendungen zu positionieren.

    Doch auch diese Suchmaschinen müssen umlernen. Während die Suche nach Texten im Internet bereits recht zuverlässig funktioniert, ist das bei bewegten Bildern noch nicht so einfach. Statt die Inhalte der Videos zu erfassen, verlassen sich die meisten Suchmaschinen deshalb bis jetzt auf eine Analyse der sogenannten Meta-Daten eines Videos und der Webseite, in die der jeweilige Film eingebettet ist. Spezialisten wie Blinkx verwenden bereits eine Kombination aus Spracherkennung und Textanalyse, aber auch diese neueren Suchmaschinen sind keine Antwort auf die täglich wachsende Flut von Videodateien im Internet.

    In den USA ist die Lösung dieses Problems etwas einfacher, weil die Sender gesetzlich dazu verpflichtet sind, ihr gesamtes Programm zu transkribieren – wenn es sein muss, auch mit teuren Gerichts- Stenografen – und diese Texte als Untertitel zu senden. Das Gesetz wurde zwar einst im Interesse der Gehörlosen verabschiedet, dürfte sich jetzt aber als unerwartete Starthilfe für die amerikanische IPTV-Branche erweisen.

    In Europa soll diese sogenannte „semantische Lücke“ zwischen Bild und Text unter anderem durch die Initiative „K-Space“ (Knowledge space of semantic interference for automatic annotation and retrieval of multimedia content) geschlossen werden. Dieser von der EU geförderte Forschungsverbund soll Methoden der Signalverarbeitung, der Mustererkennung und der künstlichen Intelligenz miteinander verknüpfen, um Multimedia-Dateien suchmaschinentauglich aufzubereiten.

    Eine präzise Verschlagwortung von Videos ermöglicht Werbeformen, die genau auf den Inhalt der jeweiligen Sendung abgestimmt sind. Der Erfolg von Googles Textwerbung hat bereits gezeigt, dass Werbung umso erfolgreicher ist, je exakter sie den Interessen ihres Publikums entspricht. „Das Marktpotenzial von kontext-sensitiver Werbung ist enorm“, sagt auch ClickTV-Gründer Lanza. Zudem sei die zum Sendeinhalt passende Textwerbung am Bildschirmrand unaufdringlicher als die klassischen TV-Spots.

    IPTV kann auch interaktive Show-Formate hervorbringen, bei denen ausgewählte Zuschauer beispielsweise über die eigene Webcam von zu Hause aus in eine laufende Sendung eingeblendet werden können. Noch weiter geht eine Software der französischen Firma Alcatel namens MyOwnTV, mit der IPTVAnbieter ihren Kunden auch den Betrieb eigener TV-Kanäle ermöglichen können.

    Der Kunde Maier muss dann lediglich seine selbst produzierten Videos auf den Server des IPTV-Providers hochladen, anschließend erscheint der Kanal „Maier-TV“ im Programmverzeichnis des Anbieters.

    Auch die Produktion von bewegten Bildern selbst wird sich vor dem Hintergrund einer Übertragung im Internet verändern: Ein IPTV-Sender, der beispielsweise viele seiner Zuschauer via Handy erreichen möchte, wird beispielsweise dazu neigen, kürzere Sendungen zu produzieren. Ein Sender, dessen Zuschauer vor allem am PC sitzen, wird darauf achten, weniger Kamera-Schwenks und Zooms zu verwenden, weil die gängigen Kompressions-Algorithmen für Online-Videos diese Effekte nicht gut wiedergeben können.

    Vor allem aber dürften nicht-kommerzielle IPTV-Angebote die TV-Branche bald ähnlich unter Druck setzen wie Blogs und Podcasts dies schon heute mit Zeitungen und Radiosendern tun. Die Zeit des Einbahnstraßen-Fernsehens ist vorbei. IPTV macht aus jedem Zuschauer mit Kamera auch einen potenziellen Sender.

    quelle: Technology Review
     

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