Ihr seid Deutschland

Dieses Thema im Forum "Netzwelt" wurde erstellt von zwa3hnn, 9. Juni 2006 .

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  1. #1 9. Juni 2006
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 14. April 2017
    Rüdiger Suchsland 09.06.2006

    Warum es gut wäre, wenn die deutsche Mannschaft früh ausscheiden würde, und warum sie weit kommen wird
    Eigentlich muss man sich wünschen, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft bereits in der Vorrunde ausscheidet. Das wäre gut für den Fußball, denn von Klinsmanns gesichts- und herzlosem Team ist nicht wirklich irgendetwas zu erwarten. Es wäre auch gut für Deutschland.


    [​IMG]
    {img-src: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22851/22851_1.jpg}​

    Wir sind schon Weltmeister. Exportweltmeister. Eigentlich sind wir auch schon Fußball-Weltmeister. Der Herzen und der großen Klappe. Denn das junge, jugendfrische Team um Schweini und Poldi verdient unsere ganze Sympathie. Oder? Und Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat schließlich gesagt: "Wir wollen Weltmeister werden. Buchen Sie bis zum 10. Juli." Na dann. Jetzt müssen wir nur noch die blöde WM gewinnen.

    Die flotten Sprüche haben schon gefruchtet. Das Publikum erwartet von der Nationalmannschaft den Sieg. Irgendwie, den peinlichen Auftritten der Vorbereitungsspiele zum Trotz. Aber mit dem Mundwerk waren die Deutschen nicht nur im Fußball schon immer besser, als in ihren Taten. Eigentlich muss man sich aber wünschen, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft bereits in der Vorrunde ausscheidet. Ganz klar, ohne Ausreden, nicht wegen Ballacks Knie, nicht wegen ungerechter Schiedstrichter, nicht wegen einem Schuß, der blöderweise Pfosten oder Latte trifft. Ein solches Ausscheiden wäre gut für den deutschen Fußball, denn dann müsste man sich hierzulande endlich eingestehen, wo man wirklich steht: Im gesichtlosen Mittelmaß, eher untere Hälfte. Es wäre gut für Deutschland, das dann endlich Fußball nicht länger als Trostpflaster in der generellen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krise einsetzen könnte - kein Brot, also bitte auch keine Spiele.

    Shopping-WM

    Denn wie in nahezu allen anderen Bereichen herrscht auch im deutschen Fußball seit Jahren Konzeptlosigkeit und Reformstau. Es geht nicht darum, dass hierzulande etwa alles schlecht wäre, als dass man hierzulande unfähig ist, sich wirklich zu verändern und zu reformieren, wo es nötig ist. So kaputt und zweitklassig, wie das Bildungssystem, so marode ist auch die Fußballausbildung. Fachkräfte holt man aus dem Ausland, und verweigert ihnen - im Gegensatz zu den Franzosen oder den Engländern die Einbürgerung - in der Liga wie im Leben. Handlungslähmende Vielstimmigkeit und Kompetenzgerangel herrschen nicht allein beim "Deutschen Fußball Bund", vielmehr spiegeln die dortigen Verhältnisse nur die zum sich gegenseitig lähmenden Durcheinander erstarrten Föderalismusrituale.


    Und die grundsätzliche Käuflichkeit und Korruption, die gnadenlos auf die Spitze getriebene Kommerzialisierung der heute beginnenden Fußball-WM entspricht dem Wandel der Bundesrepublik zum Deutschland der Konzerne, zu einem Land, das seine sozialen Errungenschaften gerade auf dem Altar der Globalisierung opfert.

    Mehr als aus allen andern Gründen wäre ein frühes Ausscheiden genau darum wünschenswert: Es würde den Konzernen einen fetten Strich durch die Rechnung machen, Berge von Weltmeisterschaftsbötchen und gleichrangigen Gymmicks würden auf den Müllhalden verschimmeln, und die Deutschen könnten nebenbei noch ein paar Extra-Trainingseinheiten in Fair Play und Gastfreundschaft einlegen, und in Sympathie für vergleichsweise ineffiziente Schönspieler, zum Beispiel die Portugiesen und die Holländer, oder gar die Engländer, Spanier und Argentinier, die schon länger als Deutschland auf einen internationalen Titel warten.

    Aber wie gesagt: Vor allem die Konzerne und jene Wirtschaftsbosse, die von einem Fußballerfolg einen Schub für das Wachstum der Republik erhoffen, müssten sich grämen, und nur ein finanzielles Desaster für die Shopping-WM wird den Sport aus seiner Belagerung durch Kapitalismus und Effizienzdenken befreien, und uns vor noch schlimmern zukünftigen Exzessen retten.

    "Cleans-Männer"

    Bleiben wir ehrlich: Von Klinsmanns gesichts- und herzlosem Team ist sportlich nicht wirklich irgendetwas zu erwarten. In Lifestylemagazinen sieht man sie öfter, als auf dem Platz. Bleibt man aber realistisch, wird Deutschland trotzdem weit kommen. Denn wenige entsprechen besser dem Zeitgeist, als der 1964 geborene Jürgen Klinsmann. Erinnern wir uns gute zehn Jahre zurück, an die Zeit, als "Klinsi" zwischendurch mal "Cleans-man" hieß. Einerseits ein Mediendarling und Volksliebling, der ideale Werbeträger, der als gelernter Bäcker ein "Weltmeisterbrot" backt. Aber eben doch auch ein aalglatter doppelzüngiger Abzocker: Ein VW-Käfercabrio-Fahrer mit einem Porsche in der Garage, ein Greenpeacemitglied und Salonlinker mit Bogenhausener Wohnung, der jeden Verein vor dem regulären Vertragsende verließ.

    So wie einst beim FC Bayern ist Klinsi einer, der gern von seiner "eigenen Philosophie" redet, und andauernd darüber nörgelt, dass in Deutschland "immer so viel genörgelt wird". Auch als Bundestrainer nervt Klinsi durch seinen besserwisserischen Grundgestus. Allzugern erzählt er altklug von seinen Auslandserfahrungen, nölt darüber, dass immer nur Einzelinteressen im Vordergrund stünden, nicht "Teamgeist" - natürlich nur bei den anderen. Sein früher großer Gegenspieler Lothar Matthäus, der natürlich auch seine eigene Agenda hat, hat ihn treffend charakterisiert: "Einmal sucht er Ruhe, dann sucht er die Öffentlichkeit".

    Klinsmann hat Erfahrung im Durchlavieren. Und nach dem bekannten Modell der Turniermannschaft, des "über den Kampf zum Spiel findens", des Störens und Erschöpfens der spielfreudigen Gegner - "Ihr sollt sehen, wie schnell sie dann missmutig werden und aufstecken." (Sepp Herberger) - des Rennens und Kämpfens, gelegentlichen Grätschens - "deutsche Tugenden" - des lustlosen Durchlavierens ohne Lust, aber auch ohne Unlust, dürfte es, dank Heimvorteil auch diesmal klappen. Bis zum Viertelfinale jedenfalls.

    Dann ist Schluß. Denn das deutsche Team braucht einen unumstrittenen Trainer, und ein Mannschaftsgefüge. Einen herausragenden, unter den Mitspielern unumstrittenen Spielmacher. Ballack ist kein Nachfolger von Fritz Walter, Franz Beckenbauer und Matthias Sammer. All das ist nicht gegeben. Es ist nichts mehr zu spüren von den von Klinsmann beim Amtsantritt angekündigten Radikalreformen - "Im Prinzip müsste man den ganzen Laden auseinandernehmen". Behauptungen, Ankündigungen und Weglächeln ersetzen nicht die fehlenden Taten. Die Nationalmannschaft hat kaum Weltklassefeldspieler, und seit fünf Jahren keine große Fußballnation mehr geschlagen.

    Nicht so sehr Ballack, Klinsmann ist wie Angela Merkel: Aus der zweiten Reihe gegen Bessere als Profiteur der Krise nach vorne gekommen. Auch mit ihm ist ein neuer Stil, des Lernens von anderen eingezogen, der Reformrhetorik bei Kontinuität des Handelns. Laut redend, aber unsichtbar in seinen Taten. Die Folgen sind ab heute zu besichtigen. Oder hätte sich im deutschen Fußball seit Berti Vogts irgendetwas verbessert?


    quelle: Telepolis News
     

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