US-Raketenabwehr: Der merkwürdige Test

Dieses Thema im Forum "Netzwelt" wurde erstellt von Melcos, 23. September 2006 .

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  1. #1 23. September 2006
    US-Raketenabwehr: Der merkwürdige Test

    Das seit Langem in der Entwicklung befindliche US-Raketenabwehrsystem musste sich kürzlich einem weiteren Test unterziehen. Doch an diesem ließen Experten kein gutes Haar: Zu einfach und in vielen Bereichen zu geheim sei der gewesen.

    Anfang des Monats testete das Pentagon im pazifischen Ozean eine Komponente des lange geplanten US-Raketenabwehrsystems. Militärs und Regierung jubelten, es handele sich um einen "großen Schritt" bei der Entwicklung von Technologien, um ballistische Langstreckenraketen abfangen zu können, die etwa von nordkoreanischer Seite drohen.

    Doch zahlreiche technische Beobachter sahen das ganz anders: Der Test habe nur frühere Erkenntnisse bestätigt und auch keine Gegenmaßnahmen mit einbezogen, die der Feind anwenden könnte. Gleichzeitig hagelte es Kritik, weil die Testdaten geheim gehalten wurden, sodass sich unabhängige Überprüfungen gar nicht erst durchführen ließen.

    Beim am 1. September durchgeführten Test traf eine von der kalifornischen Vandenberg Air Force Base abgefeuerte Abfangrakete eine Gefechtkopfattrappe, die vom Standort Kodiak in Alaska aufgestiegen war. Ähnliche Tests im Dezember 2004 und Februar 2005 waren fehlgeschlagen, was die amerikanische Raketenbehörde dazu bewog, die Probeläufe zunächst einzustellen. Doch bei diesem neuerlichen Test traf die Abfangrakete ihr Ziel. Ebenfalls erfolgreich gezeigt wurde ein neuartiges Radartracking sowie die Kommandofernsteuerung. Gleichzeitig war es der erste Test von US-Landterritorien aus. Zuvor hatte man nur ein Atoll auf den Marshall-Inseln verwendet.

    "Was wir hier gesehen haben, ist ein großer Fortschritt bei unserer systematischen Arbeit, ein Raketenabwehrsystem für die Vereinigten Staaten, unsere Verbündeten, Freunde und Truppen auf der ganzen Welt aufzubauen und zu entwickeln", meinte Lt. General Henry "Trey" Obering, als er die Ergebnisse am 1. September bekannt gab. Wenn Nordkorea nun eine Rakete auf die USA abschießen würde, hätte man "gute Chancen", sie mit bestehender Technologie abzufangen.

    Das ultimative Ziel ist aber ein System mehrerer Schichten, mit dem alle Arten von Raketen und Marschflugkörpern abgeschossen werden könnten: Von der Kurzstreckenwaffe bis zur Interkontinentalrakete, und zwar in allen Phasen des Fluges. Der Test am 1. September erprobte nur landbasierte Systeme, die auf Langstreckenraketen in der mittleren Flugphase gerichtet waren. Seit Mitte der Achtzigerjahre gaben die USA bereits mehr als 90 Milliarden Dollar für ihr Raketenabwehrsystem aus – bislang ergab sich daraus nur eine eingeschränkt nutzbare Technik.

    Beobachter kritisierten, dass der jüngste Test die Achillesferse in der Abwehr von Langstreckenraketen unterschlug: Wie lassen sich echte Raketen von Attrappen unterscheiden, die neben ihnen im Vakuum über der Atmosphäre fliegen?

    "Es stellt sich immer die Frage, wie man mit solchen Gegenmaßnahmen umgehen kann, und das Hauptproblem sind und bleiben die Attrappen", meint George Lewis, Physiker an der Cornell University. Er erinnert sich an frühere Tests, in denen damit experimentiert wurde. "Schauen Sie sich den Fortschritt an: Die ersten beiden Probeläufe in den späten Neunzigern drehten sich nicht um das Abfangen von Raketen, sondern vor allem um ziemlich fortschrittliche Attrappen. Dann gab es Tests, bei denen auf den Sprengkopf geschossen wurde und gleichzeitig ein kugelförmiger Ballon aufstieg. Nun gibt es gar keine Attrappen mehr. Wir bewegen uns also zurück."

    Erreicht habe man zugleich aber nichts Neues: Treffer auf ballistische Langstreckenraketen gab es schon öfter. "Das ist nicht bedeutsam. Wir trafen bereits vor mehr als 20 Jahren erstmals ein Objekt im Weltraum mit einer Abfangrakete." Das seien Tests, die immer funktionierten, sollte dabei nichts Gröberes schief gehen: "Wir haben hier kein neues Prinzip getestet. Wir wissen, dass wir einen Sprengkopf mit einer Abfangrakete treffen können, das haben wir hinter uns", so der Cornell-Physiker.

    Philip Coyle, einst Vizeverteidigungsminister unter Präsident Clinton und heute ein Berater des Washingtoner Think Tank Center for Defense Information, stimmt Lewis zu: "Der Test war einfacher als jeder Flugtest, der jemals innerhalb dieses Programmes vorgenommen wurde."

    Die Raketenbehörde sieht das naturgemäß anders. "Dieser Test war enorm komplex, der komplexeste, den wir je unternommen haben. Hier musste alles zusammenspielen, und das tat es auch. Die Kritiker verstehen einfach nicht, wie komplex das Unterfangen war", meint der Sprecher der Behörde Rick Lehner. "Es war der erste operative Start von Vandenberg mit einsatzfähigen Systemen plus "Command and Control"- Systemen aus Colorado Springs." Außerdem habe man einen verbesserten Radar zur Zielbestimmung eingesetzt. "Jedes Mal, wenn wir testen, zeigen sich Verbesserungen bei der Abfangtechnik selbst. Das ist ein sich ständig weiterentwickelnder Prozess. Und er ist nicht einfach."

    Die Raketenbehörde hält ihren Test zudem für repräsentativ – er sei so abgelaufen, wie ein Angriff aus Nordkorea abgelaufen wäre, inklusive Winkel und Antriebssystem. Da allerdings keine Daten an die Öffentlichkeit herausgegeben wurden, ist es unmöglich, tatsächlich zu bestimmen, wie realistisch der Test war, meint David Wright, Physiker und Co-Direktor des Global Security Program bei der Union der kritischen Wissenschaftler in Cambridge. "Vor einigen Jahren begann die Behörde damit, alle Informationen ihrer Tests geheim zu halten. Es stehen weniger Daten zur Verfügung als früher", meint er. Man höre immer, wie die Militärs davon redeten, wie realistisch das alles gewesen sei. "Doch es gibt keine Möglichkeit, dies zu überprüfen. Es gibt keinerlei Details."

    Der nächste Test des Raketenabwehrsystems ist für Dezember vorgesehen. Er könnte erneut Attrappen enthalten – und andere Feindmaßnahmen. Doch bislang stehe das noch nicht genau fest, so die Raketenbehörde.

    Quelle: Technology Review
     

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