Zehn Gründe, warum wir uns immer schlechter fühlen, während es uns immer besser geht

Dieses Thema im Forum "Politik, Umwelt, Gesellschaft" wurde erstellt von Shnuppl, 30. März 2009 .

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  1. #1 30. März 2009
    Hey Raid-Rushers im Politik-Forum,

    bin gerade total zufällig über diesen Essay gestolpert. Und als ich ihn fertig gelesen hab,
    fiel mir ein, dass er bestimmt für den ein oder andern hier interessant sein könnte. Deckt er
    doch ein Großteil der Themen ab, die hier immer wieder besprochen werden. (bzw. handelt
    darüber) Überhaupt ist das Thema doch der Dauerbrenner schlechthin. Deswegen musst ich den
    unbedingt hier reinkopieren^^

    Das war im Original eine pdf Datei und dementsprechend **** ist die Formatierung.
    Aber ich habs versucht so auszubessern, dass es lesbar ist.
    Wers aber trotzdem lieber im Original lesen möchte:

    hier bitteschön (Veröffentlicht in Cicero 11/2004)

    Weiterführende Gedanken, interessante Anmerkungen und Meinungen sind natürlich erwünscht.
    Los geht's:



    Die hysterische Gesellschaft
    von Matthias Horx

    Die Deutschen werden immer älter und gesünder, die Umweltbedingungen verbessern sich.
    Trotzdem nehmen die Ängste zu – zehn Gründe, warum wir uns immer schlechter fühlen,
    während es uns immer besser geht.

    Wer sich längere Zeit mit dem Wandel unserer Welt beschäftigt, macht irgendwann eine
    schockierende Entdeckung. Nachdem er alle Datenreihen ausgewertet, alle medialen
    Behauptungen überprüft, alle Studien abgeglichen hat, stellt er fest, dass eigentlich alles ständig
    besser wird. Lebenswartung, Gesundheitsversorgung, Sterblichkeit, Ernährung, Mobilität,
    Bildung, Technologie, Umwelt, Kriminalität, Lebensqualität – alle Kennziffern dessen, was
    menschliches Leben ausmacht und begrenzt, befinden sich auf einer ständigen, hartnäckigen
    Aufwärtskurve. Natürlich gibt es Gegen-Trends, hartnäckige Problemfelder, Regionen der Erde, in
    denen immer noch Bürgerkriege und Armut dominieren. Aber sobald man die menschliche
    Entwicklung in einen längerfristigeren Kontext, in einen globalen Trend einordnet, gilt: Das
    menschliche Leben verbessert sich. À la longue – so könnte man die Zukunfts-Formel auf den
    Punkt bringen – kommen immer mehr Menschen in den Genuss dessen, was man „Fortschritt“
    nennt.
    Und das gilt längst nicht mehr nur für die privilegierte Hälfte des Planeten. Eine Kostprobe? 1973
    konnten 47 Prozent aller Menschen lesen und schreiben. Heute sind es 73 Prozent. 1995 lebten
    1,6 Milliarden Menschen in nach UN-Terminologie „mittleren Lebensverhältnissen“. Heute sind es
    3,5 Milliarden, und es werden, im weltweiten Wirtschaftsaufschwung unserer Tage, täglich viele
    mehr. Große Volkswirtschaften wie China, Indien, selbst Vietnam und Brasilien entwickeln derzeit
    alle Anzeichen aufstrebender Mittelstandsgesellschaften – wie etwa Deutschland in den
    fünfziger Jahren.

    Man muss noch nicht einmal die Zeitung aufschlagen oder den Fernseher einschalten. Es reicht,
    sich einfach mit dem Nachbarn zu unterhalten, dann entsteht ein radikal anderes Bild unserer
    Wirklichkeit. Eine Lawine von Weinen und Greinen, Klagen und Bedauern, Bemängeln und
    Negieren, Befürchtung und banger Erwartung geht auf uns nieder. Eiskatastrophe, Krieg der
    Generationen, Krieg der Armen gegen die Reichen, Krieg der Kulturen, Verfall der Werte,
    Sozialkrieg – keine Metapher scheint stark und abgenutzt genug. Unentwegt dröhnt um uns
    herum, bis in die tiefsten Tiefenschichten unserer Kultur, eine Rhetorik des „Endismus“, des
    Niedergangs, des endgültigen Verlustes, des permanenten Ausnahmezustands. Und in dem
    existiert nur eine einzige, heilige Regel, ein Mantra, gegen das Widerspruch einzulegen völlig
    zwecklos scheint: Alles wird immer schlechter!

    Woran liegt das? Wie entsteht diese bizarre Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Rezeption,
    Welt-Gefühl und Welt-Entwicklung? Eine weltweite Studie des US-Marktforschungsinstituts Galup
    zur Zufriedenheit und zum Zukunftsbild der Menschen zeigt, dass nur 15 Prozent aller Deutschen
    glauben, dass „die Zukunft besser werden könnte als die Vergangenheit“. Gleichzeitig liegt
    dieser Hoffnungs-Indikator in Vietnam, China, Indien und selbst in gebeutelten Ländern wie
    Burkina Faso oder Botswana drei- bis viermal über unserem. Warum genießen und entwickeln
    wir nicht unseren Wohlstand? Sind wir ein Land der Miesepeter? Zehn Gründe, warum wir uns
    immer schlechter fühlen, während es uns immer besser geht.


    1. BEFRIEDIGTE ERWARTUNGEN. Menschen in Wohlstandsgesellschaften,
    so argumentiert der amerikanische Publizist Gregg Easterbrook in seinem Buch „The Progress
    Paradox“, funktionieren psychologisch wie Börsenkurse. Glücklich sind wir nicht, indem wir
    unsere Lebensumstände objektiv messen und für gut (oder auch verbesserungswürdig)
    befinden. Glücklich sind wir dann, wenn wir Zuwachs erwarten können, wenn wir
    Steigerungserwartungen haben.
    Steigerung ist leichter vorstellbar, wo Mangel herrscht. In einer saturierten
    Wohlstandsgesellschaft, in der ein Zweitwagen für mehr als die Hälfte der Bevölkerung eine
    reale Option darstellt, entwickelt sich schnell das so genannte „Zenit-Gefühl“: „Weil es uns
    heute so gut geht, kann es uns Morgen nur schlechter gehen …“ Die versteckten Traumata
    historischer Erfahrungen verstärken in unserem Land diesen Effekt. „Heute, das ist wie der
    Felsvorsprung über dem Abgrund“, schrieb die Fernost-Korrespondentin der Süddeutschen
    Zeitung, Charlotte Wiedemann, bei ihrer Rückkehr aus Vietnam über ihre alte Heimat. „Morgen,
    übermorgen, in zehn, zwanzig Jahren, was mag da sein? Ein Land in Melancholie, wie im
    kollektiven Herbst des Lebens; das Beste liegt hinter uns, unwiederbringlich.“

    2. SELEKTIVE WAHRNEHMUNG. Wir konzentrieren auf ein bestimmtes Problem und
    vergessen den Rest. Dass eine erhöhte Anzahl dicker Kinder existiert, nehmen wir für das Ganze
    – und vergessen dabei, dass heute die meisten Kinderkrankheiten (man denke an
    Kinderlähmung, Rachitis) nahezu ausgerottet sind, dass Karies massiv auf dem Rückzug ist, das
    heute sogar eher mehr Sport getrieben wird als noch vor zwanzig, dreißig Jahren. Sars wird zu
    einem überragenden Problem, während wir Rückgänge in der Infarktmortalität (wie sie in vielen
    Ländern stattfinden) einfach ausblenden. Ähnliches gilt für Phänomene wie Klima, Umwelt, Krieg:
    Die Medien zoomen einzelne Versatzstücke aus diesen Angst-Themen so nahe an uns heran,
    dass wir das Große, Ganze aus dem Auge verlieren.
    Der Philosoph Odo Marquard spricht in diesem Zusammenhang listig vom
    „Prinzessin-auf-der-Erbse“-Syndrom, oder, unterkühlter, von der „Erhaltung des
    Negativitätsbedarfs“: „Wo Kulturfortschritte wirklich erfolgreich sind und Übel ausschalten,
    wecken sie selten Begeisterung; sie werden vielmehr selbstverständlich, und die
    Aufmerksamkeit konzentriert sich dann auf die Übel, die übrig bleiben. Dabei wirkt das Gesetz
    der zunehmenden Penetranz der Reste: Je mehr Negatives aus der Welt verschwindet, desto
    ärgerlicher wird – gerade weil es sich vermindert – das Negative. Knapper werdende Übel
    werden negativ kostbarer …“ Dazu kommt der „Naming“ –Wahn der modernen Medien-
    Sprache, die uns ständig neue „Erbsen“ suggeriert, die zu monströsen Elefanten aufgeblasen
    werden. Die alltägliche Widerwärtigkeit von Menschen untereinander heißt nun plötzlich
    „Mobbing“ und nimmt, so steht es jeden Tag in der Zeitung “epidemieartige Züge“ an. Dass
    Menschen andere Menschen auf die Nerven gehen und verfolgen, nennt sich jetzt“ Stalking“ :
    Jeder fünfte Deutsche schon gestalkt!, tönt ein Boulevardblatt. Dabei geraten Maßstäbe und
    Interpretationsebenen völlig aus dem Ruder, es findet, frei nach Norbert Bolz, eine „Verübelung
    des Normalen“ statt. Eine Studie des Hochschulmagazins Unicum fand – Skandal – dass doppelt
    soviel Studentinnen (9 Prozent) wie andere Frauen an Essstörungen leiden! Besonders der
    Einfluss von Alkohol sei frappierend: 16 Prozent der 2500 Befragten seien schon einmal wegen
    einer durchzechten Nacht zu spät in die Vorlesung gegangen!“

    3. VERGESSLICHKEIT UND NOSTALGIE. Nichts blenden wir so gerne aus unseren
    Wirklichkeitskonstruktionen aus wie vergangene Not. So „vergessen“ wir einfach die Zeiten, in
    denen die Hälfte des Planeten vom Kommunismus tyrannisiert wurde. Kann sich noch jemand an
    die gar nicht lang zurückliegende Zeit erinnern, als waffenstarrenden Atomarsenale in
    Mitteleuropa aufeinander gerichtet waren? Als ein Krieg – wie etwa der Iran-Irakkrieg in den
    frühen 80ern – in zwei Jahren zwei Millionen Tote forderte. Alles vergessen, zugunsten der –
    angeblich – viel größeren Schrecken der Gegenwart. Wir dämonisieren die heutigen Schulen als
    Brutstätten der Verwahrlosung und Gewalt – wie schrecklich und autoritär die Schulen unserer
    Kindheit waren, fällt unter das Amnesiegebot. Wir klagen die „Kälte“ des heutigen
    „Medizinapparates“ an. Aber wer erinnert sich noch daran, wie es war, in den 60er Jahren zum
    Zahnarzt gehen zu müssen?
    Warum das so ist, hat mit einer ganz simplen menschlichen Grundkonstruktion zu tun: „Kindheit
    ist Heimat“. Erinnerung verklärt, macht milde, zeichnet weich. Menschlich ist dies verständlich.
    Aber diese amnesische Nostalgie bildet das psychologische Fundament reaktionärer und
    zukunftsfeindlicher Weltbilder, wie sie in unserer Diskurs common sense geworden sind. Wenn
    „früher“ sowieso alles besser war, dann haben die Nachgeborenen, die Zukünftigen, diejenigen,
    die etwas anderes wollen, keine Chance. Dann ist „die Jugend“ immer nur „Generation Fun“, und
    alle Erscheinungen der Moderne lassen sich nur als Anzeichen von Dekadenz, Wertverfall und
    Disziplinlosigkeit (oder Mangel an Solidarität/ Politiker-Ehrlichkeit et cetera) interpretieren. Im
    „nostalgistischen“ Weltbild ergibt Moderne keinen Sinn, wird Zukunft zum versiegelten,
    unbetretbaren Terrain.

    4. DIE DEPRESSIV-ELITÄRE GEISTESELITE. Immer schon haben die Intellektuellen den
    Untergang als Stachel, Peitsche und Selbstbeweihräucherung goutiert. In den 20er Jahren des
    vergangenen Jahrhunderts war Yeats mit seiner Poesie von der „Verlorenen Mittelschicht“ in
    aller Munde („The Centre Cannot Hold!). In den 50er Jahren wurden Spengler und Sartre
    („Untergang des Abendlandes“, „Der geworfene Mensch “) zu Taktgebern des intellektuellen
    Lebens. In den 70er Jahren begann dann der große Aufstieg der 68er-Intellektuellen, die mit
    ihrem düsteren Negativismus nicht zuletzt mit ihren Vätern abrechneten. Und die innerhalb nur
    eines Jahrzehnts die Meinungsbastionen in Presse, Funk und Fernsehen eroberten. Sie prägen
    bis heute den Grundtenor unserer Kulturproduktion– bis in die tiefsten semantischen
    Verästelungen.
    „Sechs nackte Damen flicken deutsche Fahnen, ein Kinderchor plärrt und eine nackte blonde Eva
    bietet ihre Rückenansicht über flackernden Kerzen dar – dazu knallen Nazi-Stiefel, und man
    labert gegens Kapital und die Nächstenliebe“ – so eine typische Theaterbesprechung im Spiegel,
    mit der Kresnik oder Schlingensieff oder beliebig alle anderen deutschen Regisseure
    seit 1966 gemeint sein können. Dazu bieten Martin Walser und Botho Strauss das unentwegte
    Moll des Niedergangs der Seelen und Gemüter, mal neo-liberal, mal konsumterroristisch
    begründet. Nein, das ist nicht feingeistig, es ist nicht „kritisch“, es ist im hohen Grade
    selbst-ökonomisch. Denn der Intellektuelle als säkularer Sinnstifter kann Gehör nur als Retter
    finden, in der Aura des Erzengels, des moralisch Überlegenen.
    Es begründet aber auch, warum sich die Intellektuellen so umstandslos aus der Zukunftsdebatte
    wegstehlen konnten. Wenn der Wandel real wird, haben sie nichts mehr zu sagen.

    5. DIE INDUSTRIE DER ANGST. 2003 erschien eine Studie, die dem Feldhasen innerhalb
    eines Jahres eine kräftige Populationszunahme – von 11 auf 13 Tieren pro Quadratkilometer,
    das macht stolze 4,6 Millionen deutsche Hasen – nachwies. Im Frühjahr 2004 gab es eine
    Meldung, der deutsche Feldhase sei auf der Liste der Roten Arten gelandet. Die Art sei durch
    vielfältige zivilisatorische Aktivitäten in ihrem Bestand bedroht. Wie das? Die erste Studie
    stammte vom Deutschen Jägerverband, der damit darauf hinwies, dass es Zeit sei, mehr Hasen
    vor die Flinte zu nehmen. Die Zweite vom Bundesamt für Naturschutz argumentierte im Interesse
    des Guten, also der Natur.
    Wenn es uns schon mit den Hasen so geht, dass sie „political animals“ sind, die der Wahrheit
    davonhoppeln – könnte es nicht mit anderen Themen und Tieren auch so sein? Greenpeace
    etwa. Ist es vorstellbar, dass diese Organisation, die für die Deutschen auf Rang zwei der
    „glaubwürdigsten Institutionen oder Personen“ rangiert (nach Mutter Theresa), ein knallhartes
    Eigeninteresse verfolgt? Dass vielleicht sogar Bürgerinitiativen, Hilfsorganisationen,
    Globalisierungsgegner oder Klimaforscher die Wirklichkeit in ihrem Sinne, sagen wir,
    uminterpretieren?
    Aber genau hier liegt der Hase im Pfeffer. In der Ökonomie der Aufmerksamkeit sind die Akteure
    auf drastische Bilder angewiesen. Greenpeace muss, auf der Suche nach lukrativen Spenden,
    ständig die Dosis der Weltgefährdung erhöhen – geschlachtete Wale, Chemieopfer,
    Meeresverseuchung. In Verbindung mit den modernen Medien wuchert so eine „Headline
    Amplified Anxiety“ (Easterbrook), ein durch die Medien in ihrer verzweifelten Suche nach Auflage
    und Empörung verstärkter „Markt der Bedrängnis“ (Pascal Bruckner), eine „Symbolindustrie
    der Angst“.
    Das Ende vom Lied sind dann Bohrinseln, die gar nicht gefährlich sind. Oder, weitaus schlimmer,
    Kindesmissbräuche, die niemals stattgefunden haben, und durch die menschliche Existenzen
    zerstört, ja vernichtet werden. Das Ende von Lied kann, wenn es schlecht läuft, eine
    grassierende Hysterie sein, die sich ihre eigenen Opfer und Wirklichkeiten schafft. Und
    irgendwann Abstumpfung, Zynismus. Und wenn es wirklich brennt, ist niemand mehr da, der dem
    Alarmruf folgt.

    6. GRANDIOSE INSZENIERUNG. Die wenigen Publizisten, die die Probleme unserer Welt
    auch von ihrer Haben-Seite formulieren (die Alterung zum Beispiel – ist das nicht eine
    bemerkenswerte Öffnung der Lebenshorizonte?), kommen in Feuilletons und Talkshows
    praktisch nicht vor. Die wenigen Publizisten, die dem öffentlichen Klagechor zu widersprechen
    wagen – man denke an den dänischen Politologen und Umweltökonomen Björn Lomborg oder
    die deutschen Anti-Alarmisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch – sind Gegenstand vielfältiger
    Hassattacken.
    Sind wir wirklich an der Klima-Katastrophe interessiert oder goutieren wir vielmehr die
    Inszenierung, die mit einer solchen „Story“ verbunden ist? Roland Emmerichs Film „The Day after
    Tomorrow“ zeigt diesen Effekt wie unter dem Brennglas.
    Emmerich macht aus etwas Undeutlich-Unheimlichem einfach – eine Flutwelle. Ein Märchen. Damit
    gibt er unseren diffusen Ängsten eine archaische Gestalt, die sie in die in Bilder aus den Tiefen
    der menschlichen Geschichte einordnet: Sintflut – Schuld –Erfrieren – Errettung – eine schönere
    Angstbannung kann es nicht geben.
    Die religiösen Wurzeln dieser Stilisierung sind nicht zu übersehen, und sie durchziehen wie ein
    Code die gesamte Ökologiedebatte. Die ketzerischen Öko-Optimisten Maxeiner und Miersch
    formulieren es drastisch: „Wie im Christentum rankt sich die Vorstellungswelt des Ökologismus
    um die Erwartung einer Endzeit, auf die man sich durch Verzicht und Buße vorbereiten soll. Das
    Schrifttum zur „Klimakatastrophe“ steckt voller solcher Motive. Die Natur ist gut, der Mensch ist
    schlecht. Und wenn der Mensch nicht gehorcht, droht ihm „die Rache der Natur“.

    7. OHNMACHTSBANNUNG DURCH SELBSTÜBERHÖHUNG. Im Niedergangsgefühl steckt so
    auch eine narzistische Komponente, deren Kraft man nicht unterschätzen sollte. Menschen sind
    ohnmächtig. Auch im Zeitalter der Technologie sind sie auf vielfältige Weise äußeren Kräften
    ausgesetzt. Wir sterben. Wir sind endlich. Wir scheitern. Es gibt Naturkatastrophen, die wir nicht
    beeinflussen können. Das ist schwer zu ertragen, und so „machen“ wir uns lieber das Wetter zu
    einem menschengemachten Desaster. Wir deklarieren den Ausnahmezustand, weil das immer
    noch leichter zu ertragen ist als Ohnmacht. Es zeugt von einer „reversen Hybris“: Sind wir nicht
    so mächtig, dass wir den Wohlstand/ den Frieden/ die ganze Biosphäre zum Kippen bringen
    können?
    „Noch nie wurde so viel …“ „Immer mehr …“ „Unsere Gesellschaft hat heute …“ – in diesen
    negativen Dramatisierungen wird die Gegenwart als ein ganz besonderer Moment der
    Geschichte, ein Scheitelpunkt, eine „große Bifurkation“ interpretiert.
    Das schmeichelt unserem Lebensgefühl. Wer möchte nicht in einer ganz besonderen Zeit leben?
    Und wer erträgt Normalität? Während Normalität dem Einzelnen Geduld und Selbstbescheidung
    abfordern, wird in der Phantasie des Unter- und Niedergangs das Existenzielle in uns geweckt.
    Harmlos ist das keineswegs. Es begründet vielmehr den Hang zum Ausnahmezustand,
    die „Drift ins Existentielle“, in die Katharsis, die in der deutschen Geschichte manchen
    Stiefelabdruck hinterlassen hat. Ernst Jünger brachte es in seinem „Stahlgewitter“ auf den
    Punkt, wie im Ersten Weltkrieg eine ganze Generation der Langeweile in Richtung auf eine
    „heroische Zeit“ davonlief: „Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen (…)
    Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem
    Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr …“

    8. EVOLUTIONÄRE KONDITIONIERUNG. Könnte es nicht auch schlicht sein, dass uns die
    Evolution selbst den Hang zur ständigen Besorgnis in die Wiege gelegt hat? Aus nahe liegenden
    Gründen war es in der Steinzeit von Vorteil, ständig auf der Hut vor Weltuntergängen in Form
    von Buschbränden, Mammuts oder Säbelzahntigern zu sein. Es lohnte sich also, ständig
    Adrenalin in den Adern zu haben, auch wenn der Winter mild und die Vorratskammern gefüllt
    waren. Diesen Reflex haben wir in einer Moderne übernommen, die uns mit lauter Komfort und
    Annehmlichkeiten verwirrt und dadurch nur von einer Panik in die andere scheucht …

    9. IDEOLOGISCHE ÜBERTRAGUNGEN. Der Soziologe Karl Otto Hondrich schrieb vor einigen
    Jahren im Spiegel: „Letztlich wollen wir nicht wissen, ob Erkenntnisse wahr sind, sondern wohin
    sie gehören.“ Dieses tief greifende Bedürfnis – Orientierung im ideologischen Raum,
    Schuldzuweisung und Eigenentlastung – hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten eher
    noch verstärkt. Denn unsere Welt ist vielfältiger, offener, widersprüchlicher geworden. In der
    bipolaren Welt des Kalten Krieges waren die Dinge durchaus geordnet. (Nichts war schöner als
    in den goldenen Wirtschaftswunderzeiten strammer Verzichts-Kommunist zu sein!). Heute aber
    gilt zunehmend, was ein Ex-Arbeitsminister der USA über die Arbeitswelt der Zukunft sagt: „Mehr
    Jobs. Mehr Chancen! Weniger Sicherheit!“
    Viele Menschen reagieren auf diese Zumutung mit verstärkter Sehnsucht nach neuen Frontlinien.
    Aus dem „Schweinesystem“ wird nun das Imperium, der Kapitalismus heißt jetzt
    Neo-Liberalismus, und Armut ist einfach eine Verschwörung der Reichen. Überhaupt,
    Verschwörungen, in all ihren Spielarten: Die Amerikaner haben den 11. September selbst
    verursacht /Die Amerikaner sind nie auf dem Mond gelandet/ In der Wirtschaft der Zukunft
    werden nur noch 20 Prozent der Menschen gebraucht. All das entlastet die Hirnzellen und
    Gefühlsnerven von allzu viel Komplexität.

    10. JAMMERPROFITE. Und schließlich ist alles auch ganz banal: Das Lamento ist eine
    Basis-Figur des Menschen, eine soziale Entlastungsübung, ein notwendiges Geräusch. Wir
    klagen gegenüber den Eltern, dass sie uns nicht genug beachtet haben.
    Gegenüber den Lehrern, dass sie uns falsche Noten geben. Gegenüber dem Partner, dass er
    unsere Wünsche nicht richtig erfüllt. Der „Gesellschaft“, dass sie uns keine „sicheren
    Arbeitsplätze“ gibt. Ohne Klage ist soziales Leben gar nicht möglich.
    Ein Experiment der Wissenschaftlerin Antonia Hamilton an der Universität London zeigt, wie
    drastisch und zuverlässig dieser Mechanismus funktioniert. In einem Feldversuch ließ Hamilton
    Menschen Kisten heben und deren Gewicht schätzen.
    Solange sie dies alleine taten, waren die Schätzungen sehr realistisch. Sobald eine Gruppe in
    der Nähe ebenfalls Kisten hob, wurde das Gewicht der eigenen Kiste deutlich höher geschätzt.
    Die Figur des Opfers, die Pose des ungerecht Behandelten, ist in vielerlei Hinsicht komfortabler
    als alle anderen Konstruktionen des Selbst. Man entzieht sich dem moralischen Vorwurf
    des Privilegs. Man begibt sich auf Augenhöhe mit den Schwächeren. Wer klagt, gewinnt also im
    relativem Kosmos des Sozialen an Terrain. Das ist in einigermaßen balancierten Kulturen (man
    denke an die südliche „Mamma-Mia“-Gestik) kein größeres Problem, weil es durch eine Vielzahl
    von vitalen Impulsen ausgeglichen wird. In unserem Kulturkreis wird die Klage jedoch
    ideologisiert und kulturell totalisiert – und dadurch erlernte Hilflosigkeit tief in unsere Kultur
    einzementiert. Pascal Bruckner schrieb in seinem Buch „Ich leide, also bin ich“ vom „Infantilismus
    und der Viktimisierung“ moderner Gesellschaften. „Zu beidem gehört jenes Paradox des
    heutigen Individuums, das bis zum äußersten auf seine Unabhängigkeit bedacht ist, zugleich
    aber Fürsorge und Hilfe beansprucht, das die Doppelgestalt des Dissidenten und des Kleinkindes
    miteinander verbinden möchte und die doppelte Sprache des Nonkonformismus und der
    unstillbaren Forderungen spricht.“ Und er fährt fort: „Warum ist es ein Skandal, so zu tun, als
    gehe es einem schlecht, wenn man unter nichts zu leiden hat? Weil man dadurch den wirklich
    Armen den Platz wegnimmt!“
    Aus all diesen Gründen wird das Fortschrittsparadox uns wahrscheinlich so schnell nicht
    verlassen. Denn genau darum geht es: Wir wollen die Welt nicht anders, zukunftsoffen
    interpretieren, weil wir dann bestimmte Plätze räumen müssen, auf denen wir es uns
    eingerichtet haben. Das ist keineswegs ein Randphänomen moderner Medien- und
    Individualgesellschaften, sondern unser eigentliches Problem. Denn es mündet in der Gefahr
    einer hysterisierten Gesellschaft, die ihre „Soziostase“ verliert, ihre Fähigkeit, Gefahren und
    Risiken richtig einzuordnen und zu beantworten. Sie geht – das ist vielleicht noch schlimmer –
    auf Dauer jeder lebendigen Liebenswürdigkeit verlustig, die wir dringend brauchen, um zu
    wissen, was es zu verteidigen gilt. Existentielle menschliche Eigenschaften wie Dankbarkeit,
    Achtsamkeit und Verantwortung, aber auch Realitätssinn, Hoffnungsbereitschaft und
    Zukunftsglaube kommen in ihren nur als fragile Raritäten vor.


    MATTHIAS HORX
    ist einer der einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Zuletzt
    erschienen von ihm „Future Fitness“ und „Smart Capitalism“
     

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  3. #2 30. März 2009
    AW: Zehn Gründe, warum wir uns immer schlechter fühlen, während es uns immer besser geht

    habe mir mal die zeit genommen es zu lesen, kannte horx aus dem philosophieunterricht..

    da ist auf jeden fall was dran mit dieser massenhysterisierung durch die medien, werde mal versuchen das ganze in zukunft umgekehrt anzuwenden, und wieder mehr positive nachrichten an mich ran zu lassen... diese skandal- und missstandsgeilheit hab ich nämlich, wie er beschreibt, ausgeblendet und als normal angesehn.
    bin gespannt ob sich die erkenntnis auch umgekehrt dazu nutzen lässt, sich wieder besser zu fühlen.

    merci.bw.
     
  4. #3 30. März 2009
    AW: Zehn Gründe, warum wir uns immer schlechter fühlen, während es uns immer besser geht

    Habs mr auch durchgelesen, finde besonders Punkte 2 und 3 sehr zutreffend.
    Joa was kann man dazu sagen, stimme im Großen und Ganzen da überein, aber ändern kann man das nicht ^^ man handelt so ja eher unbewusst, auch wenns einem jetzt vor Augen geführt wird und man zustimmt, hat mans in der nächsten Situation in der man so handelt wieder vedrängt und nörgelt wieder an allem rum :D

    Wobei es Leute gibt die es schon übertreiben und die ganze Zeit rumheulen wie :poop: doch alles ist, ein gesundes Mittelmaß dürfte jedoch nicht schaden^^
     

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