Auf der Suche nach alternativen Behandlungsformen konzentrieren sich Forscher auf innovative Methoden – darunter das Trigeminale Nerven-Stimulation (TNS)-System. Wissenschaftler von King's College London und der University of Southampton analysierten dieses verschreibungspflichtige Gerät. Es wurde 2019 von der FDA für die Behandlung von ADHS genehmigt. Grundlage dieser Genehmigung war eine klinische Erprobung, an der 62 Kinder teilnahmen – sie nutzten das Gerät jede Nacht über einen Zeitraum von einem Monat. Doch das Problem liegt in der Strukturierung dieser ersten Studie.
Studienproblematik und Korrekturversuche
Ein Kritikpunkt an der ursprünglichen Studie ist der experimentelle Aufbau. Die Kontrollgruppe erhielt keine Stimulation. Es war somit unmöglich, eine Blinding durchzuführen – was die Wahrscheinlichkeit eines Placeboeffekts erhöhte. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf investierten die Forscher in eine größere, multizentrische Studie. 150 Kinder und Jugendliche zwischen acht und 18 Jahren testeten das Gerät nun unter veränderten Bedingungen. Die Versuchsteilnehmer trugen das TNS über Nacht für neun Stunden. Eine Hälfte erhielt die volle Behandlung, während die andere nur 30 Sekunden Stimulation pro Stunde in geringerer Frequenz bekam. Der Versuchsaufbau solle somit die Kontrolle sicherstellen.
Ergebnisse und Folgerungen der neuen Studie
Das Ergebnis war, dass das Gerät zwar unbedenklich war, jedoch im Vergleich zur Kontrollgruppe keine signifikante Symptombesserung bei den behandelten Probanden feststellte. Zu den beobachteten Symptomen zählten typische ADHS-Effekte wie Unaufmerksamkeit, depressive Verstimmungen und Schlafqualität. Die Forscher betonen die Bedeutung robuster wissenschaftlicher Studien vor der Genehmigung therapeutischer Geräte.
Der Aufruf zur evidenzbasierten Entscheidungsfindung
Professor Samuele Cortese stellte klar, die Studie liefere rigide Beweise. Dies sei entscheidend für fundierte Entscheidungen über ADHS-Interventionen. „Klare Evidenz ist notwendig. Sie ermöglicht es Individuen mit ADHS und ihren Familien, informierte Entscheidungen zu treffen“, erklärte er. Eine essentielle Anforderung bleibt die Beurteilung, welche Behandlungen tatsächlich wirken – basierend auf fundierten wissenschaftlichen Daten.
Wissenschaft hinter der Stimulation des TNS
Die vorliegende Evidenz deutet darauf hin, dass Stimulierungen über das TNS eventuell Bereiche des Hirns aktivieren, die mit Aufmerksamkeit in Verbindung stehen. Diese umfassen dortige Regionen wie das Frontal- und Thalamusgebiet, erreicht über den Hirnstamm. Da die Studie jedoch in den Anfängen steckt, sind die Ergebnisse noch uneinheitlich und zeigen ein breites Spektrum. Die Kontrolle des Placeboeffekts bleibt von entscheidender Bedeutung.
Verantwortung in klinischen Studien
Professor Katya Rubia merkte an, wie wichtig das Design einer geeigneten Placebo-Gruppe in klinischen Studien für Hirntherapien sei. Es waren erhebliche Placeboeffekte zu verzeichnen, besonders bei Hochtechnologie-Hirntherapien. Insbesondere bei Patienten, die erwarten, Differenzen im Gehirn, die mit ADHS assoziiert sind, beeinflussen zu können. Daher ist es unabdingbar, den Placeboeffekt in modernen Hirntherapien zu kontrollieren, um falsche Hoffnungen zu vermeiden.
Schlussfolgerungen zur Effektivität neuer Technologien
Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlicht. Die Forschungsherausforderungen, mit denen innovative Therapieansätze konfrontiert sind, sind sowohl vielschichtig als auch tonangebend. Ein sorgsames Abwägen ist unabdingbar, bevor neue Therapiegeräte breite Anwendung in der Öffentlichkeit finden können. Die Erwartungen müssen realistisch bleiben, solange die Forschung im Gange ist.