Es kommt selten vor, dass ein Raubtier wie ein Löwe seine Präsenz nicht nur durch sein Brüllen, sondern auch durch stillere und dennoch wirkungsvolle Mittel mitteilt. Rehe hingegen begegnen dieser Herausforderung anders. Laut den Ergebnissen einer aktuellen Untersuchung in der Fachzeitschrift Ecology and Evolution bestehen die Gefahren für Rehe darin, durch Lärm ihre Zähmung und die des Lebensraumes zu preiszugeben. Dies fordert von ihnen innovative Kommunikationsstrategien.
Das Phänomen der Photolumineszenz
In der besagten Studie beschreiben die Forscher einen Prozess, der als Photolumineszenz bekannt ist. Bei diesem Vorgang absorbiert ein organisches Objekt Licht von kurzer Wellenlänge und emittiert es dann wieder mit längerer Wellenlänge. Daniel DeRose-Broeckert, der leitende Autor der Studie, und sein Team untersuchten über 800 Acres im Whitehall Forest. Ihr Ziel war es, die aktiven Zeichenstellen der Rehe zu finden. Diese Stellen sind durch das Rubbeln (antler rubs) und das Scharren (scrapes) gekennzeichnet.
Die Ergebnisse waren aufschlussreich - die Marker strahlen Licht in Wellenlängen aus, die sich klar vom restlichen Umfeld abheben, sobald ultraviolettes Licht (UV-Licht) ins Spiel kommt. Die Sensibilität der Rehe gegenüber blauen Wellenlängen ist höher. Sie sehen die emittierten Wellenlängen von etwa 450-460 nm und 537 nm. Diese Entdeckung wirft einen neuen Blick auf die Art und Weise, wie sich Rehe untereinander verständigen. Die Aktivität findet hauptsächlich in der Dämmerung statt, wenn das Sonnenlicht schwindet und die Sichtbarkeit abnimmt.
Die Rolle der Umwelt für die Kommunikation
Rehe nutzen ihre Geweihe und Kopfdrüsen, um Rinden an Bäumen zu rubbeln. Die freigelegten Bereiche der Baumrinde leuchten unter UV-Licht. Offene Fragen bleiben: Entstehen die leuchtenden Stellen durch die Rubbelverfahren oder liegt es an den freigelegten Partien des Baumes? Zusätzlich gibt es die Scharren, bei denen Rehe den Boden unter tief hängenden Ästen aufkratzen und Duftstoffe abgeben. Diese Duftstoffe, die von der interdigitalen Drüse zwischen den Klauen freigesetzt werden, sind ebenfalls photolumineszent.
Außerdem uriniert das Reh an denselben Orten - auch der Urin trägt zur Fluoreszenz bei. Seine chemische Zusammensetzung, die Porphyrine und Aminosäuren enthält, ist dafür verantwortlich, dass er im UV-Licht leuchtet.
Ein Kommunikationstool?
„Die Signale der Rehe wirken wie ein schwarzes Brett für die Gemeinschaft“, äußerte DeRose-Broeckert in einem Interview. Die Tiere nutzen diese Signale, um Informationen über die Anwesenheit anderer Rehe und deren Fortpflanzungsstatus zu erfahren. Diese Signale leuchten während der Paarungszeit heller auf, was die Hypothese unterstützt, dass intensiveres Rubbeln zu einer stärkeren fluoreszierenden Wirkung führt.
In einem eindringlichen Gedanken bemerkte Jonathan Goldenberg, ein Ökologe an der Universität Oslo, dass die Interpretation dieser geheimen Kommunikation mit Vorsicht betrachtet werden müsse. Photolumineszenz könnte weit verbreitet sein, ohne unbedingt funktionale Bedeutung zu haben.
Fazit
Die beeindruckenden Ergebnisse dieser Studie eröffnen neue Wege, um das Verhalten von Rehen und ihre Kommunikationsstrategien genauer zu verstehen. Dabei bleibt jedoch viel Raum für weitere Forschungen. Künftige Studien könnten dazu beitragen, das komplexe Zusammenspiel zwischen Umwelt und Tierverhalten besser zu entschlüsseln, während die Welt der Photolumineszenz weiterhin ihre Geheimnisse in den Wäldern birgt.
Das Verständnis dieser Dynamiken hat nicht nur für die Biologie von Tieren Bedeutung, sondern könnte auch ökologische Implikationen haben, die weit über die Grenzen des Waldes hinausreichen.
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Ecology and Evolution veröffentlicht.