Bild: Schwangere misst ihre Temperatur. Paracetamol wird vor allem auch als Fiebersenker verwendet.
Einführung in die Thematik
Acetaminophen, in den USA verkauft als Tylenol oder in Europa als Paracetamol (Generika: Paracetaminophen) bekannt, wurde als relativ ungefährlich für Schwangere angesehen. Zahlreiche werdende Mütter greifen darauf zurück. Bis zu 65 % der Schwangeren nutzen dieses Medikament. Doch eine aktuelle Studie aus den USA gibt Anlass zur Besorgnis. Die Forschung zeigt, dass die Einnahme von Acetaminophen während der Schwangerschaft offenbar die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kinder an Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden werden.
Die Studie im Detail
Im Rahmen einer lange angelegten Untersuchung wurden Blutproben von mehr als 300 Frauen analysiert. Die Proben stammen aus einer Zeitspanne von 2006 bis 2011. Interessanterweise entdeckte das Forschungsteam der Universität Washington, dass Frauen mit nachgewiesenem Acetaminophen-Konsum Kinder zur Welt brachten, die doppelt so häufig an ADHS litten. Um die Zahl zu verdeutlichen, lag die ADHS-Rate bei Müttern ohne Acetaminophen im Blut bei 9 %. Für diejenigen, die das Medikament eingenommen hatten, stieg dieser Wert auf 18 %.
Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Erkrankungshäufigkeit
Eine wichtige Erkenntnis der Studie ist die signifikante Differenz zwischen den Geschlechtern. Der Zusammenhang zwischen der Einnahme von (Para)Acetaminophen während der Schwangerschaft und der Entwicklung von ADHS war bei Mädchen etwa sechs Mal stärker als bei Jungen. Die Ursachen dafür sind den Forschern momentan noch unklar. Besonders alarmierend ist, dass die Entdeckung von Acetaminophen im Blut der Mütter im zweiten Trimester das Risiko für ADHS bei den Nachkommen um den Faktor drei erhöhte. Diese Ergebnisse werfen Fragen auf. Wie kommt es zu diesen Unterschieden? Wie beeinflusst Acetaminophen die neurodevelopmentalen Prozesse der Föten?
Eine Neuauswertung der Medikamentensicherheit ist erforderlich
„Diese Medikation wurde vor Jahrzehnten zugelassen. Sie könnte eine Neuauswertung durch die FDA erfordern“, merkte Sathyanarayana, der leitende Autor der Studie, an. Die Behauptung, dass Acetaminophen nicht auf seine langfristigen neuroentwicklungsbezogenen Auswirkungen hin untersucht wurde, verlangt nach einem Umdenken. Diese Erkenntnisse stehen im Kontrast zu der weit verbreiteten Annahme, dass das Medikament sicher ist, solange es in moderaten Mengen eingenommen wird.
Methoden und Validität der Ergebnisse
Die Forscher hoben hervor, dass frühere Untersuchungen oft auf Selbstberichten basierten. Hier setzte die aktuelle Arbeit auf die Stärke von Blutmarkern. Dies könnte zu einer genaueren Einschätzung geführt haben. In einer früheren Studie wurde festgestellt, dass Acetaminophen in 20 % der Frauen gefunden wurde, die angaben, das Medikament nicht verwendet zu haben. Die Genauigkeit der Blutuntersuchungen könnte hier also entscheidende neue Informationen liefern.
Praktische Implikationen und Empfehlungen
Baker, der Hauptautor der Arbeit, betont, dass schwangere Frauen diese Ergebnisse kennen sollten. Trotzdem empfehlen die Forscher nicht, Acetaminophen grundsätzlich zu meiden. Es bleibt das wohl einzige sichere Medikament zur Behandlung von Schmerzen oder Fieber während der Schwangerschaft. Die Resultate könnten jedoch wichtige Gespräche zwischen Müttern und Ärzten über Schmerzmanagement und die Verwendung von Acetaminophen anstoßen.
Alternativen zu Acetaminophen
Der Wissenschaftler verweist auf Optionen wie die Klasse der Triptane. Diese zeigen sich als wirksam und sicher zur Bekämpfung von Migräne, was eine Überlegung wert ist. „Es gibt offensichtlich noch mehr Forschungsbedarf in diesem Bereich“, stellt Baker fest. Offenbar ist es wichtig, medizinische Leitlinien fortlaufend zu aktualisieren.
Schlussfolgerung: Ein weiterer Schritt in der Risikobewertung während der Schwangerschaft
Die vorliegenden Ergebnisse dürften weitreichende Diskussionen im medizinischen Sektor und darüber hinaus auslösen. Die Herausforderung besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen Schmerzmanagement und den potenziellen Risiken für das ungeborene Kind zu finden. Die Studienergebnisse sind ein eindringlicher Aufruf zur kritischen Reflexion und einem umsichtigen Umgang mit der Medikamentenverordnung für Schwangere.
Quelle: Baker, B.H., Bammler, T.K., Barrett, E.S. et al. Associations of maternal blood biomarkers of prenatal APAP exposure with placental gene expression and child attention deficit hyperactivity disorder. Nat. Mental Health (2025). DOI: https://doi.org/10.1038/s44220-025-00387-6