Nord Stream 2 - Der Streit zwischen EU und USA

Dieses Thema im Forum "Politik, Umwelt, Gesellschaft" wurde erstellt von graci, 20. Juli 2020 .

  1. #1 20. Juli 2020
    Die Energiepolitik der EU wird in der EU und nicht in den USA gemacht | uncut-news.ch

    Führen die neuen US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 zum Ende der Russland-Sanktionen der EU? | Anti-Spiegel

    Ich finde dieses Thema extrem spannend. Hoffen tue ich, dass die EU den Amis in den Hintern treten und Nord Stream 2 bald fertig wird. Natürlich könnte man diese Leitung einfach mal sabotieren. Als Gegenreaktion müsste EU oder Russland bei den Amis dann was sabotieren. Ich hoffe dieser Streit führt zum Bruch mit USA und Deutschland/EU baut intensive Handelsbeziehungen mit Russland auf, was für die Amis ein GAU ist und schon seit Jahrzehnten behindert wird (siehe Brzezinskis Buch).
     
  2. #2 20. Juli 2020
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juli 2020
    Hat man doch schon längst. Nur Russland hat leider nicht viel Auswahl zu bieten außer Energie/Rohstoffe in Form von Gas. Außerdem ist das super praktisch weil es sehr nahe liegt. Ein Handel ist quasi das naheliegendste was man tun kann. Russland kauft in Europa dafür Lebensmittel ein und Maschinen, Autos, usw

    Die USA kauft halt einfach vielfach so viel ein wie Russland... also sieht man schon das die USA einfach viel wichtiger sind für die Arbeitsplätze als Russland. Und man will natürlich auch keine Abhängigkeit haben, damit man am Ende wie die Ukraine ausgespielt wird über die Gaslieferungen.

    Russland ist also für Europa vom Handelsumsatz nicht interessanter als Afrika. China und USA sind erheblich schwerere Handelspartner die einen Großteil der ganzen Wirtschaft ausmachen.

    Das hat jetzt weniger mit Russland selber zu tun, als auch mit der Tatsache das es dort eben nicht so viele Menschen gibt, und ein niedriges Einkommen, also auch weniger Konsumenten. Russland an sich ist ein optimaler Handelspartner für Gas. Aber man sollte eben auch andere Gas-Liferungen als Alternative im Auge behalten. Russland ist sehr zuverlässig was das angeht, aber es geht halt auch um den Preis... und wenn man andere Anbieter auch erwägen könnte, hat das auch Auswirkungen auf die Preisverhandlung.
     
  3. #3 21. Juli 2020
    Zuletzt bearbeitet: 22. Juli 2020
    Deutschland hat einen jährlichen Erdgasverbrauch von Durchschnittlich 87 Milliarden Kubikmeter, dieser muss zwingend bereitgestellt werden. Die einheimischen Produktionsmengen sind seit Jahren stark rückläufig und werden zum größten Teil in meiner niedersächsischen Heimat (z.T. wenige Kilometer von meinem Wohnort, Erdbeben inbegriffen) gewonnen.
    Erdgasverbrauch.jpe
    (statista.com)


    Bislang wurde 2/3 des Bedarfs in Westeuropa gefördert (+8% Inland).
    1-format2020.gif
    Die Niederlande hat ihre Fördermengen massiv reduziert (2020 von 15,9 Milliarden Kubikmeter (geplant) auf 11,8 Milliarden), bis sie 2022 komplett zum erliegen kommen werden Quelle.
    Norwegen als unserer zweitwichtigster Erdgashandelspartner hat bereits zugesichert, dass es seine Poduktion erhöhen wird, aber ohne Russisches Erdgas sind wir Europäer aufgeschmissen.

    Durch die beiden Nord Stream 1 Röhren werden seit 2012 jährlich ca 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas gepumpt, was zusammen mit dem norwegischen und einheimischen Erdgas in etwa den Bedarf Deutschlands deckt.
    Wenn jetzt in absehbarer Zeit Nord Stream 2 fertiggestellt wird, werden die beiden Stränge noch einmal 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr zusätzlich liefern, somit wird Greifswald ein europaweiter Verteilungspunkt (Eugal, NEL und JAGAL).

    Aber wie kam Erdgas vor 2011 von Russland in die EU?

    Mit 120 Milliarden Kubikmeter nimmt die Transgas-pipeline den Löwenanteil der Erdgasversorgung ein (Russland -> Ukraine (Soyuz / Bruderschaft) -> Slowakei -> Tschechien
    Die ukrainischen Leitungen wurden zum Großteil von 1970-73 gebaut und sind marode, da sie nur unzureichend gewartet wurden. Der Modernisierungsbedarf ist hoch, wenn man den Transit fortführen will, dieser ist mit geschätzten 2,52 Dollar pro 1 000 Kubikmeter pro 100 km teuer (1,6 US-Dollar Nord Stream 1), zudem wollte Noftohas (staatlicher ukrainische Energiekonzern) 2019 von Gasprom nochmal 11,6 Milliarden US-Dollar für die Lieferung. Quelle

    Seit 1999 besteht die Jamal-Pipeline (Russland -> Weissrussland -> Polen -> Deutschland bzw. über Ukraine -> Österreich) bei 33 Milliarden Kubikmeter. An dieser Line verdient am meisten Polen, es hat zudem die Transitgebühren für das nächste Jahr nochmal um 16,5% erhöht.

    Jetzt kommen wir zu den USA, diese werden die Sanktionen gegenüber an Nord Stream 2 beteiligten Firmen verstärken (z.B. BASF, Uniper, Shell). Die USA ist der weltweit größte Erdgasförderer, welcher seine Produktionsmengen Jahr für Jahr erhöht.
    2009 557.6, 2010 575.2 2011 617.4 2012 649.1 2013 655.7, 2014 704.7, 2015 740.3, 2016 727.4, 2017 746.2, 2018 835.9, 2019 920.9 Milliarden m^3 Quelle

    Davon wird ein Großteil für den Inlandeigenverbrauch benötigt (2019 846,6 Milliarden m^3), der Überschuß wird für den Export zu Liquefied Natural Gas weiterverarbeitet.
    Ein LNG-Produktionszentrum befindet sich in der Nähe von Houston am Buffalo Bayou Rifer. Es ist eine der am schnellsten wachsenden Regionen für Öl- und Gasgeschäfte der Welt, z.B. hat die Firma Freeport LNG an der Küste ein neues Flüssigerdgasterminal fast fertiggstellt (für 17 Milliarden Dollar) Von hier aus gehen künftig 15-20 Millionen Tonnen Flüssigerdgas pro Jahr in die Welt.
    "Wenn es fertig ist, sind wir der drittgrößte LNG-Lieferant der Welt. Das Frackinggas, das wir in den USA haben, ist mehr als wir in den nächsten hundert Jahren verbrauchen können. Wir sollten unsere Ressourcen nutzen, um unsere Wirtschaft anzuheizen." John Tobola, Senior Vice President Freeport LNG. Quelle

    Doch das Flüssigerdgas ist nicht günstig, alleine für die Abkühlung auf -162°C (die für die Verflüssigung benötigt wird) werden 20% des ursprünglichen Energiewertes benötigt, dann kommt noch die Transport auf dem Seeweg, der Ausbau der Infrastruktur/Wiederumwandlung im Importierland hinzu. Dies führt dazu, dass die 36 LNG-Terminals in Europa im ersten Halbjahr 2020 nur zu 30% ausgelastet sind.
    „Der globale LNG-Markt war schon vor Corona übersättigt“, erklärt Jens Burchardt, Energieexperte beim Beratungsunternehmen BCG, den Preiseinbruch. „Die Nachfrage ist nicht in demselben Maß gewachsen wie die Kapazitäten.“ Quelle
    Die weltweiten Hauptabnehmer sind Länder (die zu weit weg von den großen Erdgasproduzenten liegen) im Fernen Osten. Japan Südkore und Taiwan kaufen 80% der Weltproduktion ein, diese Nachfrage ist jedoch endlich. Schon jetzt beträgt der jährliche LNG-Produktionsüberschuß bei annähernd 160 Millionen Tonnen.
     

    Anhänge:

    graci und raid-rush gefällt das.
  4. #4 22. Juli 2020
    Sehr interessanter Einblick.
     
  5. #5 21. April 2021
    Bei Gazprom/Moskau ist der Frühling kalt, bei den aktuellen Umfragedaten. Womöglich stellen die Grünen den nächsten Kanzler. Russland baut einen enormen Angriff auf die Grünen aus, um mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Einfluss zu groß wird. Man befürchtet das Nord-Stream-2 womöglich deutlich verzögert wird - was Milliarden kosten könnte.

    Aus Geheimdienst und Hackerkreisen hört man wohl Empfehlungen für verstärkten Personenschutz der Grünen. Wie schon mehrfach bekannt, muss man damit rechnen das es nicht nur bei einer massiven Desinformation und Hasskampagne durch die Trolle bleibt. Russland baut ein Milliardenschwere Anti-Grünen Kampagne auf, mit einem Niveau an Priorität wie bei der US-Wahl. Das zeigt, wie nervös man hier ist. In Russland selbst räumt man jede Opposition aus dem Weg, mit einer zunehmenden Brutalität. Es scheint also das Putin deutlich nervös ist, auch wegen der Innerpolitischen Risse.

    Wie schon bereits erwähnt, wurde die Pandemie genutzt um auch in der Ostukraine weiter möglichst unbemerkt Einfluss zu gewinnen. Der Landweg bis zur Krim durch die Ostukraine soll vollumfänglich entlang der Pipelines erschlossen werden. Ob es so schlau ist, die Schneise, noch vor dem Regierungswechsel und der damit veränderten politischen Haltung zu NordStream, zu schlagen.
     
  6. #6 25. September 2021
    Zuletzt bearbeitet: 25. September 2021
    Die steigenden Gaspreise in Europa sind kein Zufall... das ist ein klares Druckmittel aus Russland, um die umfängliche Inbetriebnahme NordStream2 durchzuwinken ohne auf die Problematik in der Ukraine einzugehen.

    Langfristig zeigt das auch wohin der Weg geht, Monopol - die Preise steigen und steigen.

    Eine Lösung (wenn die Preise dann extrem gestiegen sind), man kann Gas "strecken" mit Wasserstoff! Es gibt Möglichkeiten Wasserstoff in fossilen Gasen zu binden bzw mit pflanzlichen Ölen und Wasserstoff synthetische Gase herzustellen die ähnlichen Brennwert haben. Allerdings lohnt sich dieser Aufwand erst bei einem gewissen Gaspreis.

    Leider die die politische Lage im Nahosten auch nicht so besonders stabil und deshalb wurden dort Projekte nur schleppend oder gar nicht umgesetzt. Es sollten alternative Bezugsquellen ausgebaut werden und US-Gas ist aufgrund der Transportwege keine ausreichende Alternative. Auch wenn sich die Preise immer weiter annähern.

    In (Süd)Europa werden unterdessen Energiekosten durch Staatsschulden auf alle EU-Steuerzahler umgelegt. Inflationsreduktion durch Verlagerung in Anleihen die von der EZB gekauft werden. Andere verdonnern Konzerne dazu die Kosten der steigenden Rohstoffpreise zu tragen, in dem Preise gedeckelt werden. Ähnlich sieht es bei Wohnraum und Mieten aus. Das sind deutliche politische Eingriffe und Bürgerdruck um die Inflation zu drücken. Doch das wird keinen Erfolg haben weil es die Ursachen nicht angeht, es verlagert die Teuerung einfach auf andere Bereiche.

    Offensichtlich muss man das politische Klima durch künstliche Preisdrückung bei Energiekosten stabil halten... wie soll das dann mit der Klimawende überhaupt funktionieren, wenn nicht alle bereit sind die Kosten zu tragen?


    Lassen sich die Kosten in einer Inflation verstecken? Inflationsdynamik ist ein guter Mechanismus um dort viel Geld/Schulden zu Puffern. In der Anpassungsdifferenz zur Preisstabilität liegt also eine gewisse Lücke die wohl einige Billionen Wert ist, in dieses unsichtbare Loch kann man also einige Anleihen hineinwerfen.
    Der Demographische Wandel macht es zudem auch nötig das die Löhne wohl ansteigen um die Rentenlücke zu kompensieren, was wiederum zu Preissteigerung führt.

    Der Trick funktioniert aber nur wenn hinterher das Wirtschaftswachstum wieder ausgleichend zulegt und die Produktivität steigt. Doch Menschen werden selten produktiver, da braucht es wohl schon KI und Technologie die das übernimmt.

    Der Zwiespalt zwischen "mehr Freizeit=mehr Konsum" und "mehr Arbeit=mehr Produktivität" ist noch nicht ganz klar, da es je nach Bereich sehr unterschiedlich ist. Das sind zwei Faktoren die selten Hochzeit feiern. Ein Gleichgewicht selten. Hart Arbeiten und Sparen wird bestraft... das könnte ein Fehler sein, der uns die Preisstabilität langfristig nehmen wird.


    Energiewandel bei steigender Nachfrage und alle Kraftwerke abschalten?
    Womöglich müsste man den Atomausstieg noch mal Überdenken oder eine Europäische Idee wie man den Energiebedarf deckt und Synergien in der EU-Infrastruktur nutzen kann.
     
  7. #7 12. Oktober 2021
    Die Befürchtung ist wohl nicht unbegründet, in Europa will man offensichtlich etwas gegen die Inflationsdynamik machen. Das ist ganz klar der falsch Weg - die hohen Energiepreise sind einfach wichtiger Teil um Nachhaltigkeit, Innovationsdruck und Umweltschutz durchzusetzen.

    Einerseits will und kann man die Geldpolitik nicht ändern, was zur Inflation beiträgt, andererseits arbeite die Politik dagegen und will die Inflation drücken durch Preisdeckelung und massive Eingriffe in den sich gerade regulierenden Markt.

    Die Politik muss die Steuern auf Grundversorgung senken und die Kosten für die Nachhaltigkeit zB als CO2 Steuer einziehen, um die Inflation kommen wir ohnehin nicht herum. Die Inflation wird nicht ewig sein, sondern nur ein relativ kurze Periode von 1-2 Jahren mit über 4% und dann sinkt die Inflation wieder auf knapp über 2% - sie wird aber nicht mehr weniger und darf auch nicht, weil der Preisumbau zu Nachhaltigkeitsförderung einfach eine stetige Preisanpassung nötig macht.

    Wie schon vor Jahren beschrieben müsste der Ölpreis/Fossile Preis stetig ansteigen (10% pro Jahr), am besten durch Steuern, um Innovation und Alternativen attraktiver zu machen.

    Die Inflation wird den globalen Konsum drücken und zur Nachhaltigkeit zwingen, Wachstum auf Umweltkosten ist nicht mehr drin. Ich würde mich auf eine längere globale wirtschaftliche Stagnation einstellen.

    Auch wenn die Inflation kurzfristig zum Horten und Kaufrausch führt (siehe Rohstoffmangel und Chipmangel) das führt zu starken Schwankungen, weil danach ebbt die kurzfristige Nachfrage ab.

    Eine Zinserhöhung seitens der Zentralbanken sehe ich kritisch. Ich würde Inflation bis 8% zulassen und lediglich die Anleihenkäufe herunterfahren. Die globale Produktivität ist hoch und die Energiepreise steigen nur Schubweise durch den Umbau auf Erneuerbare bzw die CO2/Umwelt-Steuern.

    Es ist totaler Unsinn der Politik, welche Inflation stoppen will durch Energiepreis Deckelung und auf der anderen Seite Steuern auf Energie zu erhöhen.

    Entweder ich erhöhe die Preise oder nicht, Gasgeben und gleichzeitig Bremse drücken ist kontraproduktiv.
     

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