Alkohol: Wie viel ist unbedenklich für die Gesundheit?

Artikel von Burg und Er am 8. Juni 2018 um 19:29 Uhr im Forum Gesundheit & Körperpflege - Kategorie: Wissenschaft

Schlagworte:
  1. Diese Seite verwendet Cookies. Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies. Weitere Informationen

Alkohol: Wie viel ist unbedenklich für die Gesundheit?

8. Juni 2018   Burg und Er   Kategorie: Wissenschaft
Mit bleibenden Schäden müsste keiner rechnen, wenn er maximal 100 Gramm Alkohol pro Woche zu sich nimmt, so ein Studie die im Fachblatt "The Lancet" veröffentlicht wurde. Doch Grenzwerte trügen oft, so entfacht dieser Befund neue Diskussionen wie schädlich oder verträglich Trinkgewohnheiten sind. Generell sind Grenzwerte irreführend, da jeder Mensch individuell ist und daher die verträgliche Dosis unterschiedliche ist, egal welcher Substanz (auch in Lebensmitteln).

alkohol-gesundheit.jpg

Die Berichterstattung einer Studie im Fachmagazin »The Lancet« haben die Diskussion um Grenzwerte neu belebt. Gibt es eine "Freispruch", für Schwellenwerte unterhalb derer der Alkoholgenuss dem Körper in diesen Mengen keine bleibenden Schäden zufügt? Die Autoren der Studie legen sich auf einen für Frauen und Männer gleichermaßen geltenden Wert von 100 Gramm Alkohol in der Woche fest – das entspricht, je nach Alkoholgehalt, rund 2,5 Litern Bier oder fünf Gläsern Wein - unerwartet hoch wenn man bedenkt, dass in Deutschland aktuell 11,4 Litern reiner Alkohol pro Kopf pro Jahr getrunken werden. In jedem Jahr sterben in Deutschland geschätzt 74 000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums. Rund ein Viertel aller Patienten, die in die Krankenhäuser kämen, hätten mit Alkohol initiierten Erkrankungen zu tun. Doch das sind dann wohl nur die Menschen, die ihre Grenzen nicht kennen und einfach zu tief und zu häufig ins Glas blicken?

Alkoholsucht ist nach Tabak- und (Glücks-)Spielsucht die häufigste Suchterkrankung in Europa. Der Staat verdiente an den 265.000 Spielautomaten (mit Slotgames wie z.B. Book of Ra), die es in Deutschland gibt, gerade mal 2,85 Milliarden Euro. Durch die Alkoholsteuer nimmt der deutsche Staat dagegen im Jahr 2017 rund 3,14 Milliarden Euro ein. Doch den größten Batzen macht die Tabaksteuer mit 14,4 Milliarden Euro. Doch die Kosten für das Gesundheitssystem, Sozialsystem und damit den Steuerzahler und die Gesellschaft liegen weit höher - eine Schatten an Belastung der so in keiner Statistik eindeutig zugeordnet ist.

Der Schein von Grenzwerten trügt



Wer maximal die oben genannten 100g Alkohol pro Woche trinkt, riskiere am wenigsten, einmal von einer Herz-Kreislauf-Erkrankung betroffen zu sein beziehungsweise vorzeitig (bezogen auf die Lebenserwartung, die ihm die Statistik zuweist) zu sterben. »Wer bereits Alkohol trinkt, dem kann weniger zu trinken helfen, länger zu leben«, sagt die Studienleiterin Angela Wood von der University of Cambridge. Manfred Singer sieht das etwas anders. Zusammen mit seiner Frau hat er die Stiftung »Biomedizinische Alkoholforschung« gegründet, die die Forschung auf dem Gebiet der alkoholbedingten Erkrankungen fördern will. »Es gibt keinen risikofreien Alkoholkonsum. Man kann nicht sagen, unterhalb dieser oder jener Dosis gibt es keine gesundheitlichen Folgen.«

Was bringt die Diskussion um den Schwellenwert (in Deutschland liegt er laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und der S3-Leitlinie für Alkoholstörungen bei 20 bis 24 Gramm pro Tag für Männer und 10 bis 12 Gramm pro Tag für Frauen)? Warum führen wir diese Debatte überhaupt, und haben geringe Mengen Alkohol nicht auch einen positiven Effekt auf den Organismus?

Noch einmal zur »Lancet«-Studie, die aus mindestens drei Gründen besonders ist: Sie ist groß (knapp 600 000 Menschen, die Alkohol trinken); sie ist prospektiv (es handelt sich um eine Langzeitstudie mit hohem Aussagewert), und sie hat eine klare Zielsetzung (welche Auswirkung haben die getrunkenen Mengen auf die Sterblichkeit, und wie wirken die alkoholischen Getränke auf Gefäße und Herz?).

Laut den erhobenen Daten verringert sich die Lebenserwartung bereits bei Alkoholmengen über 100 Gramm in der Woche um sechs Monate (bei 200 bis 350 Gramm die Woche um ein bis zwei Jahre, bei mehr als 350 Gramm die Woche gar um fünf Jahre). Je mehr Alkohol getrunken wird, desto größer wird das Risiko, eines Tages von einem Schlaganfall, einer koronaren Herzerkrankung oder einem Herzversagen betroffen zu sein oder an Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck oder Aneurysmen zu sterben. Ein klares Bild offenbar, mit einer Ausnahme. Während alle anderen Risiken der untersuchten Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigen, sinkt laut der Statistik das Risiko für einen Herzinfarkt.

Alkohol ist ein Zellgift, das dem Körper umso mehr schadet, je mehr er sich damit auseinandersetzen muss. Bei mehr als 200 Krankheiten kann der Alkohol seine Hände im Spiel haben. Wie aber ist der »Schutz« vor dem Herzinfarkt zu erklären, und lässt sich daraus die Aussage ableiten, ein Gläschen hin und wieder sei gar nicht so schlecht, sondern sogar gut und förderlich für die körperliche Gesundheit?

Wie die aktuelle »Lancet«-Studie hatten zuvor schon andere, beispielsweise eine Übersichtsarbeit, die insgesamt 84 Einzelstudien einschloss, Hinweise auf einen schützenden Effekt von allerdings sehr geringen Alkoholmengen (2 bis 14 Gramm am Tag) auf das Herz gefunden.

Auch Helmut Seitz, Professor für Innere Medizin, Gastroenterologie und Alkoholforschung an der Universität Heidelberg, ist skeptisch: »Eine generelle Aussage über den günstigen Effekt von Alkohol lässt sich nur theoretisch machen.« Alkohol verbessere die Fließeigenschaften des Bluts und wirke antiarteriosklerotisch. Also nütze eine kleine Menge (zirka 15 Gramm pro Tag) nur Menschen, die bereits einen Herzinfarkt gehabt hätten oder Risikofaktoren für eine koronare Herzerkrankung aufwiesen. Ausgenommen Bluthochdruck, da Alkohol den Blutdruck steigere. »Ist dies nicht der Fall, kann Alkohol, auch in kleinen Mengen, anderen Organen oder dem Stoffwechsel auf die Dauer schaden, wenn er regelmäßig getrunken wird«

Kritisch ist außerdem, dass viele Untersuchungen andere Merkmale nicht berücksichtigen, die neben dem Alkoholkonsum ebenfalls ausschlaggebend für Erkrankungsrisiken sind, wie Übergewicht und Tabakrauchen. Falsche Schlüsse könnten aus den Ergebnissen auch dann gezogen werden, wenn Studienteilnehmer allesamt älter sind als 50 Jahre. Männer und Frauen, die womöglich infolge des Trinkens schon früher gestorben sind, werden so gar nicht erfasst.

"Das Problem sind eigentlich nicht die Richtwerte, sondern die Einhaltung der bereits vorhandenen Empfehlungen"


»Über die Hälfte der Deutschen, die Alkohol trinken, trinken mehr, als laut Richtwert gut für sie ist. Und gerade die Abhängigen können Sie mit den aktuellen Zahlen nicht beeindrucken«

Das Trinken von Alkohol kann auch jenseits der Sucht gesundheitliche Folgen haben. Erstaunlich viele wissen das nicht. »So mancher glaubt, er sei auf der sicheren Seite, wenn er nicht andauernd betrunken ist«, sagt Tanja Endrass. Damit liege er aber falsch. Laut einer aktuellen Umfrage unter 35 000 Deutschen wissen 60 Prozent nicht, dass sie ihr Risiko, an sieben verschiedenen Krebsarten zu erkranken, senken könnten, wenn sie weniger Alkohol trinken würden.

Der hier großzügig Zitierte Quellartikel von Ulrike Gebhardt ist im original erschienen auf Spektrum.de am 06.06.2018


Nach wie vor ist Alkohol leicht zugänglich und günstig - neben Süßwaren steht der Schnaps - das auftreten ist harmlos. Ein hoher Preis und erschwerte Zugänglichkeit inklusive Werbeverbot und entsprechenden Warnungen auf Hochprozentigem, könnte ebenso wie beim Tabak dazu führen, dass weniger Jugendliche zu regelmäßigen Konsumenten werden, welche diese "Gewohnheit" meist ihr Leben lang beibehalten und als natürlich und unschädlich empfinden.

Gegen Genuss gibt es nichts einzuwenden, doch genau dieser wird häufig als falsche Rechtfertigung verwendet für einen doch zu hohen Konsum. Selbst ein seltener Rausch sei jedem gegönnt, wenn er denn bewusst ist. Diese Freiheit mit Drogen umgehen zu dürfen sollte jedem zustehen, aber dazu gehört auch eine Aufklärung und kein Angebot in jedem Laden, verharmlost zugänglich wie Schokolade.
Der Wert und Genuss von (legalen) Drogen sollte sich also auch in einem entsprechend wertschätzendem und bewusstem Konsum zeigen, und nicht als günstiges Grundnahrungsmittel präsentieren.
 

Kommentare