Auf der Jagd nach den Webvideo-Piraten

Dieses Thema im Forum "Netzwelt" wurde erstellt von Melcos, 25. August 2006 .

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  1. #1 25. August 2006
    Auf der Jagd nach den Webvideo-Piraten

    65.000 Videos stellen die Nutzer des populären Videodienstes YouTube jeden Tag ins Netz, Millionen davon werden täglich angesehen. Da all diese Filme ja irgendwo herkommen müssen, überrascht es wenig, dass viele der Werke urheberrechtlich geschützt sind TV-Aufnahmen und ganze Filme beispielsweise, aufgeteilt in 10-Minuten-Schnipsel. All das erfolgt dabei jeweils gänzlich ohne die Genehmigung der Copyright-Inhaber.

    YouTube und Co. kümmern sich um dieses Problem erst dann, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden schreibt der Rechteinhaber den Diensten einen Brief, schauen sie sich den Vorfall an und nehmen die Videos gegebenenfalls herunter. Doch bei der großen Anzahl hochgeladener Filme ist das eigentlich keine Lösung.

    Die Medienkonzerne suchen deshalb nach einer Möglichkeit, Piratenkopien aufzudecken, noch bevor sie online gegangen sind. Mit Hilfe digitalen Rechtemanagements (DRM) soll es außerdem möglich werden, diejenigen zu schnappen, die die erste Kopie erstellten.

    Entsprechende Technologien werden bereits getestet. So bastelt der Videodienst und YouTube-Konkurrent Guba an einer eigenen Software namens "Johnny". Dieses System legt einen mathematischen "Fingerabdruck" einer Filmdatei an und vergleicht ihn dann mit einer Datenbank kommerzieller Videos. Gibt es einen Treffer, kann das File dann ausgeschlossen werden.

    Auch bei Großkonzernen wie Philips und Thomson werkelt man an ähnlichen Systemen. Thomson hat eine Technik entwickelt, die Wasserzeichen in Filme integriert, die sich auch beim Abfilmen mit einem Camcorder im Kino erhalten lassen sollen. So lassen sich Online-Kopien dann zumindest zu bestimmten Lichtspielhäusern zurückverfolgen.

    Perfekt sind diese Technologien aber noch nicht. Einerseits existiert das schlichte Problem der gigantischen Menge an Material. Mehrere tausend Programmstunden versenden die US-TV-Netzwerke jeden Tag wie soll man diese zerschneiden und dann mit einem digitalen Filmabdruck versehen? Und auch ein Wasserzeichen hilft nicht dabei, den ganz konkreten Piraten zu ermitteln, sondern weist nur auf die richtige Spur. Und dennoch: Neue Urheberschutzverfahren könnten den Videoangeboten dabei helfen, nicht das gleiche Schicksal zu erleiden, wie einst Napster 1.0 oder MP3.com, die unter den Klagen der Inhalteinhaber zusammenbrachen.

    Tom McInerney, Gründer und CEO von Guba aus San Francisco, glaubt, dass rund ein Fünftel aller bei Videodiensten hochgeladenen Filme Piratenkopien seien. Die Sites profitierten von dem Material zwar dank erhöhtem Datenverkehr und dadurch mehr verkaufter Online-Werbung, hätten mit derlei Inhalten aber mehr Probleme als Nutzen.

    So drohte etwa der US-TV-Sender NBC im Februar YouTube damit, die Seite zu verklagen, wenn sie einen Ausschnitt aus der Comedy-Sending "Saturday Night Live" nicht herunternähme. (Ironischerweise wurde der Ausschnitt vor allem dank YouTube populär.) YouTube tat wie befohlen, fing sich aber viel Kritik von seinen Nutzern ein, die es nicht verstanden, wie der Dienst bei einem "Old Media"-Dinosaurier derart schnell nachgeben konnte. Im Juli wurde YouTube dann von einem Hubschrauberfilmer verklagt, der sein Video von den Unruhen in Los Angeles 1992 auf dem Dienst gefunden hatte. Der Mann will jetzt 150.000 Dollar Schadenersatz sehen für jede einzelne Betrachtung des Films.

    Wie man also sieht, könnten YouTube & Co. gut ohne diese Probleme leben. Genau deshalb hat Guba "Johnny" programmiert, das nach dem Keanu Reeves-Charakter "Johnny Mnemonic" benannt wurde. Die Firma wurde 1998 gegründet und bot anfangs ein Werkzeug an, mit dem Bilder und Videos in den Diskussionsgruppen des Usenet indiziert wurden. Doch als die Firma damit begann, solche Inhalte zusammenzuführen, kamen auch schon die ersten bösen Briefe und Abmahnungen der Copyright-Besitzer. "Wir wollten es einfacher machen, Inhalte zu finden, demonstrierten aber nur, wie viel urheberrechtlich geschütztes Material überhaupt da draußen verfügbar ist", meint McInerney.

    Das führte letztlich dazu, dass man seine Videoerkennungstechnik entwickelte. "Wir brauchten ein System, das kommerzielle Filme automatisiert identifizieren und klassifizieren konnte."

    Kernstück von "Johnny" ist eine gigantische Datenbank mit digitalen Fingerabdrücken urheberrechtlich geschützter Videos. Jeder davon wurde mit Hilfe einer Wavelet-Kompressionstechnik erstellt, die aus dem Videosignal einige recht kompakte, mathematische Repräsentationen macht. Ähnliches passiert mit der Tonspur. Gleichzeitig kommt eine Bilderkennungstechnologie zum Einsatz, die die Frequenz der Szenenwechsel misst. Das komprimierte Video- und Audiosignal wird dann zusammen mit diesem Zeitwert zu einem digitalen Fingerabdruck der Datei zusammengeführt.

    "Johnny" generiert diesen Fingerabdruck von jeder Datei, die auf Guba hochgeladen wird, und prüft dann, ob dieser bereits in der Datenbank steckt. Kommt es zu einer Übereinstimmung, wird die Datei zunächst zurückgehalten und einem Mitarbeiter vorgelegt, der sie sich näher ansieht. Das System sei so effektiv, sagt McInerney, dass nur ein Prozent der so markierten Videos nicht urheberrechtlich geschützt seien.

    DRM-Experten sind sich allerdings nicht sicher, ob derartige Fingerabdruckstechnologien tatsächlich auf Dauer gegen Videopiraten helfen, selbst wenn die Technik bereits im Musikbereich zu funktionieren scheint. Eines der Probleme ist wie bereits erwähnt die schlichte Menge an zu prüfenden und zu markierenden Inhalten. "Das Musik-Universum ist noch relativ klein, wenn man es einmal mit all diesen urheberrechtlich geschützten Videoclips vergleicht, die da jeden Tag auf den Fernsehstationen der ganzen Welt laufen", meint etwa Bill Rosenblatt, Redakteur bei Fachdienst "DRM Watch". Eine solch gigantische und derart schnell wachsende Datenbank an digitalen Fingerabdrücken sei kaum zu erstellen: "Sie ist zu ineffizient, um damit Seiten wie Guba zu filtern."

    McInerney ist da etwas hoffnungsfroher. Er glaubt, dass es unbedingt nötig sei, dass die Videodienste das Urheberrechtsproblem in den Griff bekommen: "Und wir denken, dass die beste Lösung eine technologische ist."

    quelle: Technology Review
     

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