China - Nächstenliebe, ganz nüchtern

Dieses Thema im Forum "Politik, Umwelt, Gesellschaft" wurde erstellt von graci, 25. Dezember 2008 .

Schlagworte:
Status des Themas:
Es sind keine weiteren Antworten möglich.
  1. Diese Seite verwendet Cookies. Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies. Weitere Informationen
  1. #1 25. Dezember 2008
    DIE ZEIT, 17.12.2008 Nr. 52 [http://www.zeit.de/2008/52/Autounfaelle]

    In China helfen die Menschen seltener bei Autounfällen als im Westen. Sind sie herzlos? Oder fühlen sie einfach anders?

    Peking - Im Westen kann man umgeben von seiner Familie sterben, ohne dass sich jemand um einen kümmert. In China wiederum kann man auf der Straße sterben, ohne dass einem geholfen wird. Diese beiden Beobachtungen werden öfter genannt, wenn die Unterschiede der Empathie in China und im Westen diskutiert werden. Natürlich ist das sehr pauschal – aber irgendetwas ist schon dran. Tatsächlich fällt auf, dass in China bei Unfällen deutlich weniger Menschen spontan helfen als im Westen. Da liegt sie auf der Straße, die Frau mit dem Gemüsekorb. Sie ist mit einem Kleinbus zusammengestoßen. Jetzt blutet sie am Kopf und wimmert leise. Etwa 15 Menschen stehen um sie herum, stumm, mit großen Augen, und warten, was passiert. Stoisch. Fast, als dürfe man in das Schicksal anderer Menschen nicht eingreifen. Das sind Bilder, die man als Westler nicht so schnell vergisst. Kann man das Verhalten mit Haftungsfragen erklären? Wohl kaum. Zwar haben Polizei und Gerichte oft genug Unfallhelfer mitschuldig gesprochen, wenn beim Unfallverursacher nichts zu holen war. Doch darüber sollte sich Empathie schon hinwegsetzen können. Sind die Chinesen herzlos?

    Natürlich nicht.

    Ebenso offensichtlich ist, dass die Jungen gegenüber den Alten, vor allem den eigenen Verwandten, eine sehr viel größere Verpflichtung fühlen, als das im Westen der Fall ist. Das gilt auch für das moderne, städtische China. Sind die Eltern in Schwierigkeiten, werden selbst junge, wilde Chinesen plötzlich pflichtbewusst. Es gibt viel zu organisieren. Das chinesische Krankenhaus stellt meist nur die Behandlung und die Unterkunft. Frische Blutkonserven, Infusionen – fast alles, was verbraucht wird, müssen die Verwandten selbst besorgen. Und auch für Essen sorgen sie. Wieder könnte man einwenden, die Hilfsbereitschaft sei nur das Ergebnis eines mangelhaften Sozialstaates und schlechter Krankenhäuser. Richtiger ist: Der Staat kann sich auf die vorhandene Empathie verlassen. Im Zweifel kampieren die Verwandten auf Isomatten in den Krankenhausgängen. Sie wollen den Nächsten nahe sein, selbst wenn sie das Geld für ein Hotel nicht haben, weil die Behandlung so teuer ist.

    Chinesen fühlen sich auch der entfernten Verwandtschaft stärker verpflichtet. Sie denken noch in verwandtschaftlichen Kategorien, wenn unsere Vorstellung von Verwandtschaft längst verblasst, weil die Beziehungsgeflechte zu unübersichtlich geworden sind. In China ist das anders: In den großen chinesischen Städten gibt es auch deshalb keine Slums, weil selbst die Neulinge unter den Wanderarbeitern eine Anlaufstelle haben, bei »Verwandten« aus der Heimatregion, die sich dort niedergelassen haben. Sie wissen, wo es Arbeit und Unterkunft gibt, wo ein »Cousin« Vorarbeiter ist, der beim Baustellenleiter ein gutes Wort einlegen kann oder zumindest weiß, wo die Rekrutierungsbüros der Bauunternehmer sind. Einen Schlafplatz und eine Suppe gibt es auch. Das ist wichtig. Denn ein Fremder hilft einem Fremden kaum.

    Funktioniert also das Mitgefühl in China mit Menschen, denen man verbunden ist, besser, während im Westen das Mitgefühl für den Unbekannten stärker ausgeprägt ist? Dagegen sprechen die spontanen Hilfsaktionen bei dem Erdbeben in diesem Frühjahr in der Provinz Sichuan, bei dem etwa 70000 Menschen starben. Umgerechnet sechs Milliarden Euro haben die Menschen damals in kurzer Zeit gespendet. Viele sind spontan mit nur dem Nötigsten losgereist, um anderen Menschen zu helfen.

    Aber es war wohl vor allem eine Frage des nationalen Zusammenhalts. Denn auch das ist in China offensichtlich: Ein Chinese empfindet für einen anderen Chinesen deutlich mehr Mitleid als für einen Nichtchinesen. Diese Bindung und Verpflichtung gegenüber der eigenen Nation ist sehr viel größer als im Westen. Das kollektive Wissen um eine mehrere Tausend Jahre alte gemeinsame Geschichte hat eine eigene Kraft, jenseits der Propaganda, die unmittelbarer wirkt. Der unsichtbare Draht zwischen dem Einzelnen und der Nation ist kürzer als im Westen, selbst kürzer als in den USA. Insofern ging es bei dem Erdbeben in China mehr um die Nation als um den Einzelnen. Die Nation wurde in ihren Grundfesten erschüttert – und die Menschen standen zusammen.

    Stellt man sich gegen China, zeigen die meisten kein Verständnis

    Das war noch wenige Wochen vor dem Beben auf ebenso erstaunliche Art anders. Als nach dem 10. März unzufriedene Tibeter einen erst friedlichen, dann gewalttätigen Aufstand anzettelten, der von der chinesischen Polizei und Armee gewaltsam niedergeschlagen wurde, hatten sowohl viele Exiltibeter als auch Menschen im Westen gehofft, dass sich die Hanchinesen, angesichts der eigenen Probleme mit der Obrigkeit, solidarisch einklinken würden. Doch stattdessen war zu hören: »Die Tibeter sind undankbar. Wir haben viel für die Modernisierung der Region getan«, »Wir müssen uns alle einfügen« und »Sie gefährden die Einheit der Nation«. Die erste Reaktion im Westen war: Die Menschen müssen Opfer der Propaganda geworden sein. Doch dann zeigte sich, dass selbst viele liberale, fortschrittliche Chinesen, die sich international informieren können, wenig Empathie für den tibetischen Freiheitsdrang zeigten. Hitzige Gespräche entflammten zwischen Tibetern und Hanchinesen in den tibetischen Kneipen der Pekinger Altstadt. Manche Tibeter sagten: »Der Kampf für ein autonomes Tibet ist auch der Kampf für ein besseres China.« Die Hanchinesen entgegneten: »Wir haben es alle schwer. Die Behörden gehen mit politisch-religiösen Chinesen auch nicht viel besser um.« – »Wir müssen zusammenhalten, und da kann nicht jeder um eine Sonderbehandlung kämpfen, und Unabhängigkeit geht gar nicht.« Für den Außenstehenden war vor allem eines schwierig zu begreifen: Wenn man sich gegen China stellt, zeigt die Mehrheit der Chinesen weder Verständnis noch Mitgefühl mit dem Gegner.

    Was der Westler heimlich macht, muss der Chinese nicht verbergen

    Betrachtet man die Bindung zur Nation auf der einen und die Bindung zur Familie auf der anderen Seite des Pols, fällt auf, dass dazwischen ein Vakuum besteht. Das Mitleid über mittlere Distanzen ist nicht sehr ausgeprägt. Ein Zustand, der durch die große Konkurrenz im boomenden China noch verstärkt wird. In Zeiten des Aufbruchs und im Wettbewerb mit 1,3 Milliarden Menschen kann man sich nicht um jeden kümmern, scheint das Credo zu sein. Das Gefühl des Mitleides wird von der Angst bedrängt, den Anschluss zu verpassen. Man riskiert nichts für einen Unbekannten. In dieser Hinsicht ist das chinesische Mitleid darwinistischer.

    Der Milchpulverskandal, der kurz nach den Olympischen Spielen die Welt empörte, ist ein Beispiel dafür: Den Managern war es egal, dass 300000 Kinder an dem verseuchten Milchpulver erkrankten. Und die Behörden wussten intuitiv, was zu tun war. Während der Olympischen Spiele schickte es sich nicht, den Dreck unter dem Teppich hervorzukehren – selbst, wenn dadurch Menschen in Lebensgefahr gerieten. Die Empathie reichte nicht für Säuglinge, mit denen man selbst nichts zu tun hatte. Oder vorsichtiger formuliert: Die nationale Pflicht war stärker.

    Dass Chinesen anders Mitleid fühlen, hat auch historische Ursachen. Denn obwohl der Buddhismus in China auch eine Rolle spielt, sind die Menschen vor allem vom Konfuzianismus geprägt. Und in ihm ist Mitleid traditionell weder an Gebote noch an Vorschriften gebunden, sondern entspringt dem Gefühl der Nichtgleichgültigkeit, manchmal sogar dem der Unerträglichkeit von Unrecht oder Unglück.

    Im Westen hingegen stehen Mitleid und Theologie eng beisammen, auch wenn seit der Aufklärung Philosophen versuchen, die Moral aus dieser Vormundschaft zu befreien. Dennoch: Moral und Mitleid sind im Westen stärker mit der Angst vor Strafe verbunden. Das Mitleid des Westens wird von den Verlockungen des Paradieses und den Schrecken der Hölle gesteuert. In China hingegen kennt man keine Todsünden. Dort gibt es keinen übersinnlichen moralischen Aufpasser. Im Westen sieht Gott alles.

    So weit die Theorie. Denn zu Hause, allein mit Gott und ohne die soziale Kontrolle der Gesellschaft, neigt der Westler dazu, es nicht ganz so genau zu nehmen mit der Gottesfürchtigkeit. Was der Westler heimlich macht, muss der Chinese nicht verbergen. Er kann es sich erlauben, in diesen Fragen intuitiver und auch selektiver zu entscheiden. Der Chinese muss nicht beichten und hat weder Himmel noch Hölle im Kopf, wenn er handelt. Während das Christentum verlangt, alle Menschen gleich zu behandeln, lässt der säkulare Konfuzianismus mehr Raum für Prioritäten. Kein Wunder bei den vielen Menschen. Im Christentum ist jeder dein Nächster. In China ist das nicht unbedingt so.

    Diese Art, Mitleid selektiv anzuwenden hat sich nicht allmählich entwickelt, sondern war von Anfang an in den Vorstellungen der alten Denker verankert. Bereits gegen 500 vor Christus stellte Konfuzius einen Satz an den Beginn seines Denkens: »Der Mensch ist des Menschen Maß!« Der sittliche Mensch muss nur sein Herz prüfen und sehen, dass er keinen Grund zu Selbstvorwürfen findet. Um sittlich zu werden, sucht er nach einem guten Menschen, um dessen Beispiel zu folgen, oder einem schlechten – »und vermeidet es, zu sein wie dieser«. Sein Schüler Menzius formuliert es kompakter: »Der gute Mensch ist menschlich, und das ist alles.«

    Vereinfacht gesagt, gehorcht der Chinese mehr einem Gefühl, der Westler mehr einer Pflicht. Selbst Kant, der versucht hat, die Moral Gott zu entreißen und der Vernunft zur Verwaltung zu übergeben, kommt von dem abendländischen Pflichtbewusstsein nicht los. Auch Vernunft verpflichtet.

    Vielleicht sind die Herrschenden in China manchmal sogar ein wenig neidisch auf das westliche Moralmodell. Staatspräsident Hu Jintao hat niemanden, mit dem er, und sei es nur unausgesprochen, drohen kann, wenn das Volk nicht gehorcht. Über Hu steht keiner mehr. Im Gegenteil, das Volk kann ihm per Gewissensentscheidung das »Mandat des Himmels« entziehen. Dazu muss es sich nicht einmal zu einer Wahlurne bemühen. Wenn in China der Himmel spricht, dann spricht nicht Gott, sondern die Summe aller Vorstellungen, die Menschen von der Welt haben. Das Mandat des Himmels wiederum ist auch eine Gewissensentscheidung, die vom Mitleid mit denjenigen gespeist wird, die unter den Herrschenden leiden. Wenn die chinesischen Führer unentwegt von der ideologischen Leere im China des 21. Jahrhunderts sprechen, drücken sie damit nicht nur die Sorge über ein haltloses Volk im Boom aus, sondern auch den Wunsch, größere und unmittelbarere Kontrolle über die Menschen auszuüben.

    Anderseits wird die chinesische Führung, und das ist ihr von großem Vorteil, nicht durch den christlichen Grundsatz, alle Nächsten wie sich selbst zu lieben, unter Druck gesetzt. Im konfuzianischen China neigt man dazu, im Mitleid nüchterner zu sein: Wie viel muss man den Armen geben, dass sie nicht auf die Barrikaden gehen? lautet die Frage.

    Das chinesische Mitleid ist unabhängiger, realistischer, aber auch anfälliger für Einbrüche als das westliche. Und: je größer der Erfolgsdruck, desto schwächer das Mitleid.

    ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
    schon krass mit dem Familiengefühl da drüben. In Deutschland habe ich über Hilfen zur Familie nix gelernt, eher verlernt. Polen helfen der Familie auch viel.
     

  2. Anzeige

  3. Videos zum Thema
Die Seite wird geladen...