Der Abschied vom egoistischen & rationalen Individuum

Dieses Thema im Forum "Politik, Umwelt, Gesellschaft" wurde erstellt von n0b0dy, 5. Dezember 2009 .

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  1. #1 5. Dezember 2009
    Abschied vom Homo Oeconomicus

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    Axel Ockenfels hat als erster Ökonom seit langer Zeit 2005 den Leibniz-Preis bekommen. Mit DW-WORLD redete er darüber, warum der "Homo Oeconomicus" ausgedient hat und was Fairness mit Wirtschaft zu tun hat.

    DW-WORLD: Die klassischen Theorien der Wirtschaftswissenschaften gehen davon aus, dass der Mensch rational und egoistisch ist und für sich nur das Beste will. Ist das inzwischen nicht mehr so - oder warum erforschen Sie so intensiv das Verhalten von Menschen in ökonomischen Entscheidungssituationen?

    Axel Ockenfels: Die Hypothese, dass der Mensch vor allem egoistisch und rational sei, ist eine Hypothese der Ökonomen, die lange Zeit nie getestet worden ist. Aber der Mensch war vermutlich nie so rational und so eigennützig, wie der Ökonom ihn gerne hätte in seinen Modellen. Insofern hat sich der Mensch nicht geändert, sondern die Wirtschaftswissenschaft hat sich geändert, indem sie diesen neuen Ideen und neuen empirischen Befunden Rechnung trägt und den "Homo Oeconomicus" langsam verabschiedet. Denn der "Homo Oeconomicus" ist eine Fiktion, die so nicht existiert.

    Und was macht der moderne Mensch anders? Will er etwa nicht mehr das meiste für sich?

    Die Menschen sind immer noch egoistisch, aber sie haben ihren eigenen Egoismus. Sie schauen zum Beispiel nicht nur auf das, was sie unterm Strich bekommen, sondern sie schauen auch darauf, was die anderen bekommen und welchen Status sie - relativ gesehen - in einer bestimmten Vergleichsgruppe haben.
    Wir wissen eindeutig, dass Menschen durchaus bereit sind, andere zu bestrafen, die sich unfair verhalten - selbst wenn es sie selbst eine ganze Menge kostet. In Verhandlungssituationen zum Beispiel spielt Fairness eine große Rolle. In solchen Situationen sollten sich selbst Leute, die eigentlich eigennützig und egoistisch sind, fair verhalten. Und Leute, die eigentlich fair und altruistisch sind, sollten sich durchaus egoistisch verhalten.

    Da aber niemand über seinen Schatten springen kann: Kann man solches Verhalten lernen?

    Ja, man kann lernen, wie man gut verhandelt. Die Verhandlungstheorie sagt Ihnen, wie man das geschickt und clever macht - wobei auch diese Theorie nicht perfekt funktioniert.
    Nehmen wir zum Beispiel das Ultimatum-Spiel: Sie haben 100 Euro zu vergeben, und Sie müssen entscheiden, wieviel Sie mir davon abgeben; ich sage "Ja" oder "Nein". "Ja" heißt: Wir beide bekommen anteilig Geld. "Nein" heißt: Wir bekommen beide nichts. Wenn wir also erfolgreich verhandeln, stellen wir uns beide besser. Die Frage ist nur: Wie verteilen wir die Effizienzgewinne?
    Die klassische Wirtschaftstheorie macht eine klare Prognose: Die sagt, Sie geben mir 1 Euro – denn das ist das, was "Homo Oeconomicus" tun würde unter der Annahme "Mehr Geld ist besser als weniger Geld". Wenn Sie mir 1 Euro geben und ich annehme, dann bekomme ich 1 Euro. Wenn ich ablehne, bekomme ich nichts. Und da 1 Euro besser ist als nichts, nehme ich an. Da Sie "Homo Oeconomicus" sind, antizipieren Sie dieses Verhalten und dürfen sich darauf freuen, dass Sie fast den gesamten Kuchen kriegen und ich fast nichts.

    Lesen Sie im zweiten Teil, wie das Ultimatum-Spiel ausgeht und warum Theorie und Praxis manchmal weit auseinanderklaffen.
    Weiter gehts hier:
    http://www.dw-world.de/dw/article/0,,1505080_page_2,00.html
    --------------------------------------

    Sehr ähnlich dazu, der Wandel bzgl. der Gemeingüter (engl. "commons").
    Jüngst ging sogar der Nobelpreis an die Commons-Forscherin Elinor Ostrom.

    Das Handelsblatt dazu:
    "Die traditionelle Volkswirtschaftslehre postuliert, dass es bei diesen sogenannten Allmendegütern (commons/Gemeingütern) einen Hang zur übermäßigen Ausbeutung der Ressourcen gibt – weil jeder Nutzer nur seinen privaten Nutzen im Sinn habe, während sich die Kosten auf die gesamte Gesellschaft verteilen. Daher empfehlen Ökonomen meist die Privatisierung solcher Gemeinschaftsgüter – oder aber deren staatliche Regulierung.
    Ostrom dagegen hat in zahlreichen Fallstudien gezeigt: In der Realität sind Menschen häufig sehr wohl in der Lage, Gemeinschaftseigentum nachhaltig und vernünftig zu verwalten – ohne staatliche Vorschriften und ohne das Eigentum zu privatisieren."


    Nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Kommandowirtschaft und passend zur aktullen Krise des Kapitalismus zeichnet sich also immer deutlicher ein grundlegend anderer Weg abseits von autoritärem Staat & verselbstständigem Markt ab, nämlich die bewusste kooperative Selbstorganisation auf Basis von Gemeingütern.
     

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  3. #2 5. Dezember 2009
    AW: Der Abschied vom egoistischen & rationalen Individuum

    Und jetzt? Das ist in den Wirtschaftswissenschaften Standard.
    1. Semester.


    Das ist vielleicht außerhalb der (Wirtschafts)Wissenschaft, speziell zu den Marxisten
    noch nicht durchgesickert.
    Es zeichnet sich eher nix ab, es ist altbekannt.
    Du machst dir da falsche Hoffnungen.


    Grad in den Wiwis wird doch einiges in Richtung menschliches Verhalten geforscht,
    zB Spieltheorie.
    Naja, aber als guter Marxist kann man sich um solche Kleinigkeiten nicht kümmern.
    Da hat man größeres im Sinn ;)


    MfG
     
  4. #3 5. Dezember 2009
    AW: Der Abschied vom egoistischen & rationalen Individuum

    auch wenn es tendenzen zu einer veränderung in bezug auf das verhalten gibt, ist der mensch noch weit von dem hier gewünscht verhalten weg...leider um ehrlich zu sein
    ich muss dir recht geben, dass unser system auf leistungsdruck aufgebaut ist, verbunden mit dem kapitalismus, das nur bedingt kapitalsoziales verhalten zulässt.
    jeder mensch denkt immer noch in erster linie an sich und an seinen finanziel maximalen vorteil
    ich bin da leider nicht anders...
    warum?
    eben weil unser westlcihes system radikal auf profit aus ist und ein mennsch mit weniger kaufkraft, egal ob es sich nur um einen euro handelt oder um hundert , automatisch in unserer gesellschat einen minderen wert hat
    und bei manchen löhnen kann mann sich nicht einmal diese gabe von einem euro leisten....ein armutszeugnis....
     
  5. #4 5. Dezember 2009
    AW: Der Abschied vom egoistischen & rationalen Individuum

    Mir scheint das eher zu den Liberalen noch nicht durch durchgedrungen zu sein. Letztens hat hier ein vwl'er nooch genauso argumentiert. Damit brechen nämlich alle liberalen Grundannahmen zu Gemeineigentum ala Hobbes, Locke & co in sich zusammen. Und damit auch die legitimationstheoretischen Modelle zum bürgerlichen Privateigentum.

    @axelso1337: Es geht nicht um Altruismus vs. Egoismus, sondern um Kooperation statt Konkurrenz. Sozialdarwinistischer Blödsinn vom konkurrenzgeilen nutzenmaximierenden Menschen als einzig möglicher Antrieb der Gesellschaft sollte sich somit erledigt haben. Damit ist zumindest theoretisch auch eine Welt jenseits der Marktkonkurrenz denkbar. Denn gerade wenn die Menschen die Wirtschaft kooperativ selbstverwalten würden, so würden alle profitieren außer die oberen 10% Kapitalbesitzer, die eh keiner braucht.
     
  6. #5 5. Dezember 2009
    AW: Der Abschied vom egoistischen & rationalen Individuum

    Ich hätte hier erstmal eine Frage an dich nobody, da du ja glaube immer so damit prahlst "Das Kapital" gelesen zu haben. Wenn nicht und du es garnicht gelesen hast, dann umso schlimmer.
    Aber die Frage wäre: Hast du jemals schon ein ordentliches Wirtschaftsbuch gelesen? VWL, BWL, Wirtschafspolitik etc.pp.
     
  7. #6 5. Dezember 2009
    AW: Der Abschied vom egoistischen & rationalen Individuum

    meine rede. wer sich mit dem "kapital" beschäftigt, muss sich zwangsweise auch mit der anderen seite beschäftigen.
     
  8. #7 5. Dezember 2009
    AW: Der Abschied vom egoistischen & rationalen Individuum

    irgendwie verwirrt mich das beispie mit dem 100€ im text. für mich handelt im endeffekt jeder egoistisch. person A will so wenig wie möglich abgegen, Person B will, dass person A so wenig wie möglich bekommt. für mich geht das in richtung räuberische erpressung.
    jeder schaut, dass er für sich an maximum rausholt.
     
  9. #8 6. Dezember 2009
    AW: Der Abschied vom egoistischen & rationalen Individuum

    Uralt...steht in jedem Schulbuch das Interview
     
  10. #9 6. Dezember 2009
    AW: Der Abschied vom egoistischen & rationalen Individuum

    @V|Ru$-X:
    Hast du auch die zweite Seite gelesen? Dann sollte es eigentlich klar werden.
    wüsste nicht, dass ich das tue, wenn überhaupt, dann damit dass ich mich damit beschäftige, während andere lieber ihr einfaches weltbild behalten wollen.
    sogar eins von der übelsten neoliberalen arbeitgeberlobby (INSM)
    zumindest in ideologiekritischer hinsicht sehr interessant. ;)
     
  11. #10 6. Dezember 2009
    AW: Der Abschied vom egoistischen & rationalen Individuum

    Also ich musste erstmal kurz nach INSM schauen, was das überhaupt sein soll. Diese Bücher scheinen aber wohl kaum Fachliteratur im herkömmlichen Sinn sein, sondern wie du eben sagtest ideologiekritischer Sicht.
    Außerdem sind die so dünne (dickste war glaube 300 Seiten, meisten weniger), da kann ja überhaupt nichts drin stehen. Kann mir auch nicht vorstellen, dass in diesen Büchern AUSSFÜHRLICH sämtliche Modelle behandelt werden. Und auch scheint mir diese Vereinigung vielleicht nicht die beste Grundlage, um die VWL, BWL, WiPo usw. zu erfassen.
    Wenn man wirklich ein wenig über die wirtschaftlichen Vorgehensweisen bescheid wissen will, dann sollte man Bücher alá Mankiw, Baye, Wöhe usw. lesen. Natürlich ist auch hier anzumerken, dass man sich seine eigene Meinung bilden muss, aber vorallem der Mankiw beleuchtet IMMER beide Seiten und hilft einen dabei selbst zu einer Entscheidung zu kommen.
     
  12. #11 7. Dezember 2009
    AW: Der Abschied vom egoistischen & rationalen Individuum

    Es ist lustig anzusehen wie viele über den Menschen und sein Verhalten schimpfen. Doch: Ist es nicht vielmehr die Wirtschaft, wie sie im Moment ist, die das "nicht wünschenswerte Verhalten", welches wir beim Menschen immer als so verächtlich ansehen, fördert?

    Vielleicht muss mal eine humanere Wirtschaft her, damit es überhaupt ohne große Nachteile möglich ist, nicht an sich selbst zu denken.
     

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