Die Krux mit synchronisierten Filmen

Artikel von Jonas Hubertus am 11. Juli 2022 um 13:24 Uhr im Forum Kino, Filme, Tv - Kategorie: Technik

Die Krux mit synchronisierten Filmen

11. Juli 2022     Kategorie: Technik
Es ist ein Thema, über das sich Cineasten schon streiten, seitdem die allerersten Tonfilme in die Kinos kamen: Filme (und natürlich Serien) werden in aller Regel in der Sprache ihres Produktionslandes vertont. Bloß versteht nicht jeder diese Sprache. Da wird es dann knifflig: Synchronisationen sollen diese sprachliche Hürde beseitigen. Leider tun sich dabei jedoch viele neue Hürden auf.

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Ich selbst ertappe mich gerade bei englischsprachigen Medien immer wieder dabei, wie ich Vergleiche anstelle und möchte auf den folgenden Zeilen mit euch meine Gedanken dazu teilen.


Wer hats erfunden?


Nein, ausnahmsweise mal nicht die Schweizer, sondern deren nördliche Nachbarn. In den frühen 1930er Jahren begannen Tonfilme erstmals, sich international durchzusetzen – was nicht zuletzt eine Technikfrage war, da damalige Kinos zunächst erst einmal passende Projektoren anschaffen mussten, die eine Tonspur lesen konnten.

Heute dürfen wohl die meisten von uns sich rühmen, wenigstens eine Fremdsprache halbwegs zu beherrschen – meist Englisch. Damals jedoch waren die Fremdsprachenkenntnisse in der Bevölkerung deutlich schlechter ausgeprägt. Zwar gab es an deutschen Schulen schon vor dem Ersten Weltkrieg verpflichtenden Fremdsprachenunterricht, vornehmlich in Latein, Englisch und Französisch. Das Problem: Der Unterricht war weit weniger auf sprachliche Expertise ausgelegt als aufs Schreiben und Lesen.

Als Tonfilme aufkamen, hatten deshalb selbst diejenigen, die eigentlich Englisch konnten, ein veritables Doppelproblem:

  1. In Deutschland unterrichtete man British English, das sich bekanntlich in Aussprache und Vokabular ziemlich vom American English unterscheidet; bloß kamen schon damals viele Tonfilme aus den USA.

  2. Nur wenige konnten aufgrund der Unterrichts-Vorgehensweise Gehörtes simultan im Kopf übersetzen und somit dem Film wirklich folgen.

Für den Tonfilm an sich war das eine Katastrophe. Wer will sich schon einen Streifen ansehen, bei dem er bestenfalls die Hälfte versteht?

Anfangs versuchte man es deshalb mit der bis heute bekannten Vorgehensweise: deutsche Untertitel. Das jedoch störte viele Zuschauer, weil sie sich dauernd aufs geschriebene Wort konzentrieren mussten. Also verfiel man auf die Synchronisation. Die versuchte damals aber, unsagbar lippensynchron zu arbeiten. In der Folge bekamen Sätze und teils sogar ganze Filme einen völlig anderen Zusammenhang. Man achtete bei der Übersetzung viel eher auf zur Lippenbewegung als zum Sinn des Originaltexts passende Worte.

Nachdem die damaligen Filmkritiker solche Versuche in der Luft zerrissen, versuchte man sich sogar an Remakes von Filmen, die dann gleich deutsch eingesprochen wurden – was naturgemäß ebenfalls nicht das Wahre war.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fand dieses langandauernde Dilemma eine Lösung, als man hierzulande das Thema Synchronisation völlig überdachte – und somit die deutsche Filmsynchronisation in Sachen Dialogtreue und Professionalität zu einer der besten der Welt machte. Das gilt tatsächlich bis heute. In kaum einem anderen Land werden so viele Filme und Serien so hochwertig synchronisiert.

Die sprachlichen Limits der Synchronisation


Was in Deutschland gezeigt wird, gehört zum Besten, was weltweit synchronisiert wird. Und vielleicht fragt sich mancher von euch, warum man deshalb überhaupt einen Film im Original schauen soll.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich spreche hier, first and foremost, von englischsprachigen Medien. Einfach, weil die meisten von uns damit durch Schule, Games und das Internet am stärksten vertraut sind. Wer nur noch Französisch-Bruchstücke aus seiner Schulzeit beherrscht, muss sich definitiv nicht daran versuchen, Le fabuleux destin d’Amélie Poulain oder einen anderen französischen Filmklassiker im Original anzuschauen.

Im Englischen sieht es jedoch anders aus. Warum? Fangen wir damit an: Das Englische ist eine eigene Sprache. Und es enthält zahlreiche Slang-Begriffe, die sich beim besten Willen nicht korrekt ins Deutsche übersetzen lassen – teils sogar regional- oder themenspezifische Wörter.
Nehmen wir einen begrifflichen Klassiker aus der Sportwelt: Sportsbook. Klar könnte man den Begriff als Wettanbieter oder Buchmacher übersetzen. Aber das wäre zumindest nicht ganz richtig, weil hinter dem Wort eigentlich noch viel mehr steht – tatsächlich sogar die ganze Geschichte britischer Sportwettkultur.

Ein anderes Beispiel: Hierzulande kennt man den ersten James Bond mit Timothy Dalton als Der Hauch des Todes. Im Original heißt er dagegen The Living Daylights. Dieser Halbsatz lässt sich sicher nicht als „die lebenden Tageslichter“ übersetzen, sondern hat einen breiten Sinn zwischen „beating the living daylights out of him“ bis hin zu „scare the living daylights out of somebody“ – also jemanden entweder windelweich prügeln oder zu Tode erschrecken.

  • Im Englischen sagt Bond im Film „I must have scared the living daylights out of her”.
  • Im Deutschen sagt Bond hingegen „Sie hat bestimmt den Hauch des Todes gespürt“.

Ihr merkt es vielleicht: Der Todeshauch ist zwar ein netter Versuch, kommt aber sinngemäß einfach nicht ans Original heran – und das ist bei unglaublich vielen Filmen und Serien so. Wenn Ihr es selbst prüfen wollt, schaut einen Film auf Deutsch und schaltet englische Untertitel ein.

So gut die deutsche Synchronisationsindustrie ist, sie muss an vielen Stellen einfach aus nicht veränderbaren sprachlichen Gründen scheitern. Damit geht viel Sprachwitz und Kontext verloren, egal wie hochwertig die Synchro insgesamt ist.

Störendes Stimmen-Einerlei und plötzliche Wechsel


Preisfrage: Was haben Brad Pitt, Kiefer Sutherland, Tim Robbins, Jack Black und Ice Cube gemeinsam, außer männliche Schauspieler zu sein? Sie werden im Deutschen meistens von Tobias Meister synchronisiert. Bei vielen anderen Schauspielern und deren deutschen Stimmen sieht es ähnlich aus. Etwa Benjamin Völz, er spricht unter anderem

  • Keanu Reeves,
  • David Duchovny,
  • Charlie Sheen und
  • Matthew McConaughey.

Sowas fällt vielleicht nicht jedem auf. Wenn es jedoch geschieht, dann gilt jedoch analog zum bekannten Meme What’s been seen can’t be unseen – man wird es immer wieder merken. Und es wird sich ziemlich merkwürdig anfühlen.

Dass ein Synchronsprecher (egal wie gut er nun ist) mehrere Schauspieler spricht, ist für viele schon störend genug. In Deutschland kommt jedoch noch hinzu, wie viele dieser Stimmen wegen ihres Bekanntheitsgrades für die Werbung genutzt werden. Klar müssen die Sprecher ebenfalls ihre Brötchen verdienen. Für viele Cineasten gilt jedoch ebenfalls: Es fühlt sich irgendwie sehr merkwürdig an, wenn plötzlich eine bekannte Filmstimme Werbung für Getränke, Hundefutter oder Elektronik-Discounter macht.

Der „finale Schock“ geschieht jedoch in solchen Fällen wie den beiden aktuellen Akte-X-Staffeln. Neun Staffeln lang wurde Agent Mulder vom erwähnten Benjamin Völz gesprochen. Für viele Deutsche „ist“ Völz der sprachliche Teil des Fox Mulder. Aus unbekannten Gründen wurde für die Staffeln 10 und 11 jedoch Sven Gerhardt verpflichtet. Viele deutschsprachige Fans waren fassungslos – gelinde gesagt.

Dies ist ebenfalls etwas, was häufig vorkommt. Manchmal sogar aus ganz natürlichen Gründen, weil ein Synchronsprecher das Zeitliche segnet. Durch die intensive Verbindung der Stimme mit dem Schauspieler ist es jedoch für viele Menschen verstörend.

Erneut gilt: Deutschlands Synchronsprecher und die dahinterstehende Industrie mögen hervorragend sein. Aber es gibt einfach zu wenige, um jedem Schauspieler über seine ganze Karriere eine eigene Stimme zu geben.

Die Hälfte der schauspielerischen Leistung – einfach weg


Kennt Ihr den Kriegsfilm Fury von David Ayer? Falls nicht, liegt es vielleicht daran, dass erneut die Tücken der Übersetzung dazwischenkamen: Hierzulande kennt man den Film als Herz aus Stahl.

Natürlich ist sowas ebenfalls fragwürdig, worauf ich jedoch eigentlich herausmöchte, ist die schauspielerische Leistung der fünf Hauptdarsteller, die die Crew des im Film gezeigten US-Panzers bilden, vor allem Brad Pitt und Jon Bernthal.

  • John Bernthals Charakter stammt aus Arkansas. Und Bernthal bekommt es im Original wirklich grandios hin, in einem entsprechenden Südstaaten-Slang zu reden – inklusive verschiedener nur regional bekannter Wörter. In der Synchro geht dies völlig verloren.

  • Brad Pitt hingegen liefert sprachlich fulminant einen vom Krieg fix und fertig gemachten, äußerst nihilistischen und zornigen Mann zu verkörpern, dem nur eins am Herzen liegt: seine Crew möglichst unbeschadet durch den Krieg zu bringen. Vergleicht hierzu gerne die Szene, in der Pitt den Neuling Norman Ellison zusammenstaucht, nachdem der Leitpanzer durch seine Schuld abgeschossen wurde. Pitts ungezügelte Wut auf den jungen Mann kommt in der Synchronisation (meiner Meinung nach) ebenfalls nur deutlich abgemildert durch.

Die Sprache ist ein extrem wichtiges Standbein einer schauspielerischen Leistung. Wird sie durch einen Synchronsprecher überdeckt, geht praktisch immer etwas verloren. Teils, weil jeder Mensch etwas anders schauspielert. Teils auch, weil erneut die bereits angesprochenen Übersetzungsprobleme dazukommen.

Unterm Strich bleibt eine Tatsache: Erst ohne Synchronisation kann ein Schauspieler auf Leinwand und Bildschirm wirklich sein volles Potenzial für uns als Zuschauer erlebbar machen. Ohne irgendwelchen Notwendigkeiten geschuldeten Änderungen.

Zugegeben, nicht jeder Schauspieler spricht wirklich gut. Gerade im Englischen wird zudem manchmal genuschelt, dass man selbst als guter Englischsprecher die englischen Untertitel einschalten muss. Und außerdem können sich Synchronsprecher – im Gegensatz zu Schauspielern – voll und ganz auf das Sprechen konzentrieren. Dennoch gilt: Wenn ihr eine unverzerrte schauspielerische Leistung sehen möchtet, dann geht das nur im Originalton.

Learn English ganz nebenbei


Eine weitere Preisfrage – die letzte dieses Texts: Warum können unter anderem die Einwohner der Niederlande und Skandinaviens so gut Englisch, dass sie regelmäßig bei diesbezüglichen Länder-Rankings auf den ersten Plätzen landen?

Ein wichtiger Teil davon ist die dortige Filmkultur: Da es sich um so kleine Länder handelt, wird dort bis heute fast gar nicht synchronisiert. Ausländische Filme und Serien laufen im Originalton mit Untertiteln.

Vielleicht erinnert Ihr euch an dieser Stelle noch an die Schule, als vielleicht der Englischlehrer euch beibrachte, eine Sprache würde man nur dann beherrschen, wenn man sie regelmäßig hört und spricht. Bei letzterem kann euch sicherlich kein OT-Film helfen. Wohl aber bei ersterem.

Klar, anfangs wird sich das ungewohnt anfühlen, vielleicht sogar das Filmerlebnis schmälern. Nach ein paar Stunden allerdings werdet Ihr merken, wie Ihr immer seltener auf die Untertitel schaut. Vielleicht versteht Ihr nicht jedes Wort, aber Ihr bekommt genug mit, um die Zusammenhänge zu verstehen. Das ist dann vielleicht der Moment, an dem Ihr erst auf englische Untertitel umschalten und sie dann später ganz weglassen solltet.

Sicher wird niemand zum Fremdsprachenexperten durchs Filmeschauen. Aber um Gelerntes zu vertiefen und eine Sprache im Kopf aktiv zu halten, ist der Originalton grandios!

Wie gesagt: Ihr müsst nicht alles künftig unsynchronisiert anschauen. Doch wenigstens bei englischsprachigen Medien solltet Ihr es hin und wieder tun. Es ist ein völlig anderer Genuss, der in jedem Fall deutlich dichter an dem ist, was Drehbuchautoren, Regisseure und Schauspieler im Sinn hatten.
 

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