Interview: Der Herr der Navis

Dieses Thema im Forum "Netzwelt" wurde erstellt von zwa3hnn, 21. Dezember 2006 .

Schlagworte:
  1. Diese Seite verwendet Cookies. Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies. Weitere Informationen
  1. #1 21. Dezember 2006
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 14. April 2017
    SiRF-Gründer Kanwar Chadha über die Zukunft der Navigationssysteme
    Die Mehrzahl der mobilen Navigationsgeräte, also PDAs, Smartphones oder mobile Navigationssysteme (PNA), bauen auf den GPS-Chipsatz einer einzigen Firma: SiRF. Jörg Langer sprach für Golem.de mit Kanwar Chadha, dem Gründer der SiRF Technologies Holding.



    Golem.de: Herr Chadha, Sie haben hier sehr viele Navigeräte auf den Tisch gelegt. Wollen Sie damit demonstrieren, wie erfolgreich Ihr SiRFStarIII ist?

    Kanwar Chadha: Nein, denn es ist ja keine Frage, dass wir Marktführer sind - unser Anteil bei Konsumenten-Navigeräten ist größer als der aller Mitbewerber zusammen. Ich möchte Ihnen vielmehr demonstrieren, wie sich der GPS-Markt seit unserer Gründung 1995 entwickelt hat und weiter entwickelt. 1995 gab es praktisch keinen Konsumentenmarkt für Navigeräte. Die damaligen Firmen haben Profigeräte hergestellt, für das Militär, für Flugzeuge und Schiffe oder für Landvermesser. Unser Konzept war ein anderes: Wir glaubten daran, dass Positionsbestimmung zentral wichtig für mobile Geräte werden würde. Aus dieser Zeit stammen auch die Konzeptzeichnungen, die ich Ihnen gerade gezeigt habe. Etwa der Child Locator - so etwas können Sie heute in Toys’R Us kaufen, auch wenn es anders aussieht als in meinem Ideenbuch von damals.

    Golem.de: Also ein Handy, dass die Position des Kindes verrät.

    Kanwar Chadha: Ich habe diesen Child Locator meiner zehn Jahre alten Tochter gezeigt, und sie mag ihn. Aber mein Zwölfjähriger sagt bereits, das ist ja nur was für Kinder, er meint damit das Design. Wir sprachen 1995 aber auch über eine andere Sache: portable Navigation für jedermann und zum Überall-hin-Mitnehmen. Denn so was gab es damals nicht, nur riesige Kästen in Flugzeugen oder Schiffen. Dieser Traum ist wahr geworden, schauen Sie sich nur mal das N100 von Fujitsu-Siemens an.

    Golem.de: Dessen Formfaktor scheint den nächsten Schritt anzukündigen: Geräte, die so klein sind, dass man sie einfach immer dabei haben kann, und sie so auch beim Radfahren oder zu Fuß benutzt.

    [​IMG]
    {img-src: http://scr3.golem.de/screenshots/0612/sirf-interview/sc02k.jpg}

    Konzeptzeichnung 1: So stellte sich Chadha 1995 einen PDA vor - mit einer Teleskopantenne wie bei einem Transistorradio ​

    Kanwar Chadha: Genau, wir sprechen vom Companion Device, vom Begleitgerät. 1995 gab es noch keine MP3-Player, aber es gab Walkmans. Also haben wir - sehen Sie, hier - ein Konzept für eine Art GPS-Walkman gemacht. Das N100, das ja auch MP3s abspielt, ist die moderne Fassung dieser Idee, nur kleiner, weil die Musikkassette durch Flash-Speicher ersetzt ist. Ein weiterer wichtiger aktueller Trend sind Smartphones mit GPS, weil wir mit ihnen Echtzeit-Informationen nutzen und darstellen können. Viele dieser Dinge waren 1995 noch Konzeptzeichnungen - und heute sind sie Wirklichkeit.

    [​IMG]
    {img-src: http://scr3.golem.de/screenshots/0612/sirf-interview/sc04k.jpg}

    Wie fast alle Mitbewerber setzt auch Fujitsu-Siemens bei ihren PDAs (hier: PocketLOOX N560) auf den SiRFStarIII-Chipsatz. ​

    Golem.de: Können Sie sagen, wieso Kfz-Navigationssysteme ab Werk so überteuert und veraltet wirken, wenn sie mit aktuellen PNA- oder PDA-Lösungen verglichen werden?

    Kanwar Chadha: Der traditionelle Innovationszyklus der Automobilindustrie ist sehr viel langsamer als in der Unterhaltungselektronik. Wir sprechen gerade mit den Autoherstellern über neue Produkte, aber da geht es um das Jahr 2010. Mit den PDA-Herstellern reden wir auch über neue Produkte, aber die werden bereits Mitte 2007 erscheinen. Die Autohersteller können nicht mithalten, da das Wagendesign viel früher beginnt und die Navigation nahtlos in das Innenraum-Design und die Elektronik integriert sein soll. Außerdem haben die Verbraucher eine ganz andere Erwartung an die Lebensdauer von Werkseinbauten: Sie fahren ein Auto sieben Jahre, also soll ein fest eingebautes Gerät zehn Jahre halten. Es müssen auch ganz andere Extremtemperaturen verkraftet werden bei einem Kfz-Gerät. Allein solche Qualitätssicherungsprozesse dauern ein Jahr – in dieser Zeit entwickeln PDA-Hersteller zwei komplette Geräte. An diesem grundsätzlichen Unterschied wird sich nichts ändern, weshalb ich glaube, dass es einen noch viel größeren Markt für portable Navigeräte gibt.

    Golem.de: Aber die Autohersteller könnten doch standardisierte Ports einbauen. In die könnte man dann ein beliebiges portables Navigerät stecken, um es sicher zu befestigen und mit der Auto-Elektronik zu koppeln.

    Kanwar Chadha: Das wird passieren, wenn sich die Automotive-Hersteller auf einen Standard einigen. Aber es wird dauern. Seit einiger Zeit gibt es Autoradios ab Werk, an die man seinen iPod anschließen kann. Etwas Ähnliches wird es auch für Navigeräte geben, wir reden gerade mit Herstellern über eine Kopplung per Bluetooth.

    Golem.de: Ihr aktuelles Produkt ist SiRFStarIII. Wann kommt IV?

    Kanwar Chadha: Wir haben normalerweise drei bis vier Produktzyklen pro Technologiezyklus. Und für SiRFStarIII ist bereits der dritte Produktzyklus erreicht, es wird also nicht lange dauern. Version I kümmerte sich um das Problem der Stadtschluchten, in denen man zwar den Himmel sieht, aber nur einen Teil davon. Mit SiRFStar II lösten wir das Problem von Bäumen und Sträuchern, die das GPS-Signal stark abschwächen. Version III brachte zwei Dinge. Erstens: eine sehr schnelle Positionsbestimmung, gerade dann, wenn man ins Flugzeug steigt und dann in einem anderen Land sein Navi wieder einschaltet. Zweitens haben wir die Empfindlichkeit der Antenne erhöht, so dass die Navigeräte auch in Innenräumen funktionieren.

    Golem.de: Was werden die Neuerungen in SiRFStarIV sein?

    Kanwar Chadha: Zum einen startet Europa ja Galileo als Konkurrenz zu GPS, das wird der neue Chip also ebenfalls unterstützen. Zum anderen verbessern wir nochmals die Signalverarbeitung, so dass auch schlechte, also reflektierte Satellitensignale oft noch zur genauen Positionsbestimmung verwendet werden können. Der Trick ist, zu ermitteln, wann ein reflektiertes Signal noch gut genug ist und wann man es nicht mehr verwenden darf. Version IV wird natürlich auch noch schneller werden.

    [​IMG]
    {img-src: http://scr3.golem.de/screenshots/0612/sirf-interview/sc03k.jpg}

    Konzeptzeichnung 2: Das Konzept des Personal Entertainment Book setzte auf eine CD zum Abspielen von Multimedia – erschwinglicher Flash-RAM-Speicher war vor elf Jahren noch nicht absehbar. ​

    Golem.de: Und noch mal einige Jahre weiter gedacht?

    Kanwar Chadha: Meine Vision sind Geräte, die man anziehen wird, die sich in einer Uhr befinden. Ich denke an Uhren, die sich automatisch auf die lokale Zeit umstellen dank GPS. Es gibt zwar "anziehbare" GPS-Geräte, aber sie sind heute noch zu groß und unhandlich. Um solche Geräte wirklich alltagstauglich zu machen, müssen eine Menge Probleme gelöst werden. Etwa der Größenfaktor, man hat kaum noch Platz für Antennen. Und die Akkulaufzeit - kein Mensch würde seine Armbanduhr einmal täglich aufladen wollen, nur weil sie jetzt auch GPS bietet. Wir wollen es auch schaffen, dass die Geräte mittelfristig wirklich sofort ihre Position finden, egal, wo auf dem Planeten man gerade ist, und egal, ob man gerade einen langen Flug zurückgelegt hat. Aber das ist mit GPS oder Galileo allein nicht zu schaffen, dazu müssen auch andere Daten verwendet werden. Etwa das Mobilfunknetz, in das sich das Handy nach einem Flug einbucht - dadurch wüsste der GPS-Chip, in welchem Land er sich befindet, was die Satellitenortung sehr beschleunigen würde.

    Golem.de: Ihre Firma hat ein Monopol bei den GPS-Chips. Liegt das vor allem daran, dass Sie so früh gestartet sind?

    Kanwar Chadha: Ich möchte das nicht Monopol nennen, sondern Marktführerschaft. Es gibt keinen bestimmten Grund dafür. Wir hatten nur die Vision, wohin sich der GPS-Markt entwickeln würde. Das Militär hatte ganz andere Anforderungen an GPS, da ging es vor allem um den Schutz vor Störsignalen. Die Firmen für professionelle GPS-Geräte kümmerten sich um höchste Genauigkeit, machten aber eine für den Endkunden unrealistische Grundannahme: Dass das Gerät immer klare Sicht zum Himmel hat, also zu den GPS-Satelliten. Das ist in der Luft und auf dem Wasser so, aber nicht in Städten und auch nicht in fast allen anderen Terrains, in denen Konsumenten GPS benutzen wollen. Immer stören Bäume, Berge, Stadtschluchten, Tunnels, Brücken und so weiter. GPS war für solche Terrains nie gedacht, deshalb haben wir viel Zeit darin investiert, es durch bestimmte Algorithmen und Datenbanken doch tauglich für diese Einsatzgebiete zu machen.

    Golem.de
    : Bestimmt halten Sie Ihre Mitbewerber auch durch die vielen Patente klein, die Sie besitzen.

    Kanwar Chadha: Wissen Sie, wir wollen durch Leistung vorne bleiben, nicht durch Rechtsmittel. Unser Erfahrungsvorsprung ist einfach sehr groß, und zwar nicht nur bei der Hardware. Wir haben zum Beispiel auch komplexe Algorithmen und Datenbanken, die sich mit einzelnen Städten beschäftigen. Das Straßenbild von San Francisco etwa unterscheidet sich grundsätzlich von dem in München, also unterscheiden sich auch die Routinen zur Positionsbestimmung. Wir benutzen Pattern Matching, sehen uns also die Struktur eines Großraums an und ordnen ihn dann Archetypen wie "bewaldetes Gebiet" oder "amerikanische Metropole" zu. Solche Dinge zu kopieren, das ist sehr schwer, das dauert seine Zeit. Und das gibt uns unseren Vorsprung.

    Golem.de: Wir danken für das Interview.

    Ganz ohne Patentstreitigkeiten geht es offenbar nicht, denn nach dem Interview reichte SiRF in dieser Woche Klage ein gegen den Konkurrenten Global Locate und dessen Distributor. Der Vorwurf: Vier der US-amerikanischen GPS-Technologie-Patente (Nr. 7,091,904; 7,043,363; 6,850,557; 6,636,178) des Unternehmens sollen verletzt worden sein. SiRF will eigenen Angaben zufolge mit der Klage sowohl den Ersatz des entstandenen finanziellen Schadens als auch eine einstweilige Verfügung erreichen, um weiteren Patenrechtsverletzungen vorzubeugen.

    "Die Einreichung dieser Klage zeigt unseren festen Willen, unser geistiges Eigentum zu schützen", betonte Nicolas S. Gikkas, Chief Intellectual Property Counsel. "SiRF nimmt seine Verantwortung gegenüber den Aktionären und Mitarbeitern enorm ernst und schützt das geistige Eigentum des Unternehmens, das mit hohem finanziellem Aufwand entwickelt oder eingekauft wurde. SiRF ist auch in Zukunft darauf bedacht, dass das geistige Eigentum, das unter anderem GPS-Komponenten und -Systeme betrifft, respektiert und ausschließlich von autorisierten Personen und Unternehmen genutzt wird."

    [Das Interview führte Jörg Langer]


    quelle: Golem.de
     

  2. Anzeige
    Dealz: stark reduzierte Angebote finden.

  3. Videos zum Thema
Die Seite wird geladen...
  • Annonce

  • Annonce