Jugendgewalt in der Türkei:Wenn ich groß bin, kann ich besser schlagen

Dieses Thema im Forum "Politik, Umwelt, Gesellschaft" wurde erstellt von subx, 1. Februar 2008 .

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  1. #1 1. Februar 2008
    Auch in der Türkei nimmt die Jugendgewalt zu. Die Organisation "Neuanfang für die Kinder" nimmt sich Zeit für die Jugendlichen, die teilweise von Gerichten, teilweise freiwillig kommen – viele stammen aus Migrantenfamilien. Ihnen soll eine Alternative zum gewaltreichen Alltag geboten werden.
    „Vor kurzem sprach ich mit einem der Jungs", sagt Fulya Seda Giray (23). „Ich fragte ihn, was er später einmal werden wird, wenn er groß ist. Er antwortete: Wenn ich groß bin, werde ich besser schlagen können." Die junge Psychologin zeigt nicht, welcher der Jungen gemeint ist, rund 20 Kinder sind im Raum, drei davon Mädchen. Turbulent geht es zu, einigermassen fröhlich aber auch etwas derb, ein Spiel ist angesagt, von dem die Kinder nicht wissen, dass es eine Art Gruppentherapie ist.

    Überhaupt wissen die wenigsten, dass sie sich bei einer Organisation befinden, (die Stiftung „Neuanfang für die Kinder"), die Jugendgewalt verhindern will. Einige der Kinder sind von Gerichten hierhin geschickt worden, weil sie als gewalttätig aufgefallen sind, viele aber sind Geschwister, und Freunde von Geschwistern. Es hat sich herumgesprochen: An Sonntagen kann man hierhin kommen und spielen. In den Familien, aus denen diese Kinder kommen, gehören Spiele oder Spielsachen meistens nicht zur Erfahrungswelt der jungen Menschen. Die Stiftung bietet andere Wunder – Ausflüge, kleine Geschenke. Das Geld kommt von grossen türkischen Unternehmen.

    Niemand wird hier abgewiesen. „Die Ursache für die Gewaltbereitschaft liegt im sozialen Umfeld", sagt Fulya, „daher sind Geschwister und Freunde junger Gewalttäter auch in Gefahr, zu Gewalttätern zu werden. Das wollen wir verhindern." Erstmal muss es ruhig genug werden, damit sie die Regeln erklären kann. Sie bittet die Kinder, Zweierteams zu bilden. Papier und Stifte werden verteilt. Dann liest sie – unter lebhaft-spöttischen Zwischenrufen – eine kleine Geschichte vor. Die Kinder sollen sie zuendeschreiben, jedes Team für sich. Fulya hat die Vorlage selbst geschrieben, es geht darum, dass ein Kind im Garten ist, es hat sich fein gemacht, denn es ist sein Geburtstag und bald soll die Feier beginnen. Da fällt ein Schatten auf das Kind und ein Mann steht vor ihm. - Wie geht es weiter? „Er ohrfeigt das Kind", ruft einer, und alle lachen.„In den Familien dieser Kinder gibt es keine Geburtstagsfeiern", erklärt Fulya. Die Übung wird zeigen, wie es in den Familien aussieht.
    Nun machen sich die Teams an die Arbeit, es wird viel gespottet und gestört, aber am Ende haben alle etwas zu Papier gebracht. Nacheinander stellen sie sich vor die Gruppe und lesen vor. In jeder der Geschichten ist der Mann der Ex-Mann der Mutter, alle diese Kinder kommen aus Scheidungsfamilien. In einer Geschichte fragt der Junge den Vater „Wann werde ich dich wiedersehen?" Da kommt die Mutter und giftet den Ex an: „Was hast Du hier zu suchen?" Der Junge weint. „Ich vermisse meinen Vater", sagt er. Die Eltern sehen sich an. „Ich liebe dich immer noch", sagt der Mann. „Ich liebe dich auch", sagt die Mutter.

    Happy End. Der Verfasser dieser Zeilen sieht auf den ersten Blick so aus, als sei er der allerhoffnungsloseste Fall im Raum. Er mag 15 sein, kräftig, über und über tätowiert, einer der lautesten Störer. Seine Geschichte aber zeigt, dass er sich echtes Gefühl, Hoffnung und Sehnsucht bewahrt hat – die Kinder honorieren es, in dem sie seine Geschichte per Abstimmung zur besten erklären.
    "Am wichtigsten ist Zuhören"

    „Niemand kommt als Verbrecher zur Welt", sagt Fulya. „Die Kinder hier haben schlimme Ausgangslagen. Fast alle kommen aus Migrantenfamilien. Diese Familien, die aus dem Suedosten nach Istanbul kommen, zerbrechen oft rasch, es gibt kein Geld, die Kinder werden neben der Schule zum Arbeiten auf die Strasse geschickt oder ganz aus der Schule genommen."Auch Aydan Oezkan (51), eine Pädagogin und freiwillige Mitarbeiterin der Stiftung, sieht die innere Migration als Ursache der rapide wachsenden Jugendgewalt in der Türkei. Um dem vorzubeugen, gibt es bislang kaum die erforderlichen Voraussetzungen an Problembewusstsein und Infrastruktur. Die Stiftung ist nach eigenen Angaben die einzige in der Türkei, die sich mit Prävention und Rehabilitation beschäftigt. Seit 2006 gibt es bessere Gesetze, Minderjährige sollen nicht ins Gefängnis gesteckt werden, wenn sie keine schweren Delikte begangen haben.
    „Das Problem ist, dass die Behörden es noch nicht wirklich umsetzen", sagt Aydan Oezkan. „Das Interesse an unserer Arbeit ist gering. Wir stellen uns bei den Gerichten vor, bei den Schulen, aber es gibt wenig Nachfrage." Wen die Richter schicken, aus dem versuchen die beiden Frauen einen Menschen zu machen. „Wir wollen den Kindern Selbstvertrauen geben", sagt Fulya. „Am wichtigsten ist Zuhören". Und verstehen, wie die Kinder leben. Fulya besucht ihre Familien, hält Kontakt zu den Lehrern, kennt jeden der jungen Menschen wahrscheinlich besser als deren Freunde und Verwandte. „Wenn man weiß, wie sie leben, dann versteht man erst, wieviel sie geschafft haben, einfach indem sie noch nicht ganz zugrunde gegangen sind". Es ist aufreibende Arbeit, der Erfolg schwer zu messen. „Aber es gibt Fortschritt", meint Fulya, „wir haben Feedback von den Lehrern, und man kann bei einigen der Kinder spüren, wie sie sich fangen, wie auch die Noten sich verbessern."

    Ein junger Mann ist zur Gruppe gestoßen, unterhält sich mit den Kindern, hilft wo er kann. Recep Maoglu ist sein Name, 20 Jahre alt. Einst war er eines der Kinder, die hier ihre Gewaltbereitsschaft auskurierten. „Dieser Ort hat mein Leben verändert", sagt Recep. „Ohne die Freundschaft, die mir hier geschenkt wurde, wäre ich heute nicht der, der ich bin – ich würde nicht studieren (Physik), vielleicht hätte ich mein Abitur nicht geschafft." Er geriet in einen seelischen Abgrund, als das Haus der Familie abbrannte, einer seiner bestern Freunde ertrank und ein anderer an einem Herzinfarkt starb. „Ich möchte weitergeben, was mir hier geschenkt wurde", sagt er. „Ich gebe den Kindern Nachhilfeunterricht.. Ich bin da, um mit ihnen zu sprechen. Mein ganzes Leben lang möchte ich hier helfen."
    Jugendgewalt in der Türkei : "Wenn ich groß bin, kann ich besser schlagen" - Nachrichten Politik - DIE WELT
     

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  3. #2 1. Februar 2008
    AW: Jugendgewalt in der Türkei:Wenn ich groß bin, kann ich besser schlagen

    lol, is schon hart Migrantenfamilien, viele kommen aus dem südosten....
    Das ist so, als würden eine Bayrische oder Hessische Familie die nach Hamburg
    zieht, als Migrantenfamilie bezeichnen . =)

    Aber gut, das sich ne Orga bildet, die sich bemüht die Kiddies aufzufangen.

    grüz
    KK
     

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