Minimalismus - ist weniger wirklich mehr?

Artikel von Tommy Weber am 18. August 2017 um 12:16 Uhr im Forum Politik, Umwelt, Gesellschaft - Kategorie: Trend & Lifestyle

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Minimalismus - ist weniger wirklich mehr?

18. August 2017   Tommy Weber   Kategorie: Trend & Lifestyle
„Immer wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis“, oder in die heutige Zeit übertragen: Wer zu lange als Materialist gelebt hat, der wird zum Minimalist. Minimalismus oder Downsizing ist ein Trend, der entweder diejenigen anspricht, die sich für jede auch noch so sinnentleerte Idee begeistern können, Hauptsache sie ist im Trend, oder für diejenigen, die alles im Überfluss haben und dann aus welchen Gründen auch immer, eine fragwürdige Philosophie für sich entdeckt haben. Die Wohnung entrümpeln und dabei das Leben klarer sehen, das ist eine der Heilbotschaften der Minimalisten, aber muss man sich dafür wirklich von allem trennen, was lieb und teuer ist?

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Manchmal fällt Trennung leicht

Alle, die schon mal von einer größeren in eine kleinere Wohnung gezogen sind, wissen was Minimalismus ist. Da muss dann schon das eine oder andere Teil verschenkt, verkauft oder auf den Sperrmüll gestellt werden, denn in der neuen Wohnung fehlt einfach der Platz. In diesem Fall handelt es sich um einen erzwungenen oder unfreiwilligen und damit um keinen echten Minimalismus. Echte Minimalisten leben unter dem Motto „Simplify your life“ oder entschlacke dein Leben, sie sind die wahren Meister des Entrümpelns und je mehr dabei verschwindet, umso freier fühlen sie sich. Wichtig ist nur, dass die Trennung leicht fällt und die Erkenntnis, dass nicht der Besitz, sondern einzig die Erlebnisse zählen. Wer sein Haus gründlich aufräumt, der schafft auch in seinem Leben Ordnung. Wenn doch alles so einfach wäre, dann würde jeder, der Probleme hat, einmal im Monat den Sperrmüll bestellen.

So viele Ratgeber

Besitz belastet nur, so lautet das Credo der Minimalisten. Interessanterweise gilt das nicht mehr, wenn mit dem Thema Downsizing richtig viel Geld verdient wird. Das ist bei den Ober-Minimalisten der Fall, die Ratgeber zu diesem Thema schreiben und darin ausführlich berichten, wie reich ihr ach so minimales Leben doch ist. Da gibt es den 240-Seiten-Wälzer voll mit Tipps, wie man seine Einrichtung, die Kleidung und vor allem den Müll auf das Nötigste reduziert. Dazu kommen Anleitungen, wie man Hygieneartikel selber macht und spannende Interviews mit begeisterten Wohlstands-Asketen. Andere Minimalisten schreiben erfolgreich Bücher darüber, wie es ist, keine Möbel mehr zu haben und den ausrangierten Kühlschrank als Behältnis für einige wenige Dinge zu nutzen. Wie schläft es sich auf einer Isomatte und wie lebt man mit nur 50 Gegenständen? Wie sauber werden die 15 verbliebenen Kleidungsstücke, wenn man sie mit einem selbst gemachten Waschmittel auf Kastanienbasis wäscht? Wer das wissen will, der wird dazu den passenden Ratgeber finden und den Autor des Ratgebers reicher machen, aber nur minimal.

Vernünftig vielleicht, aber auch sympathisch?

Natürlich ist es vernünftig, so wenig wie möglich Müll zu produzieren, aber muss man ein Drama daraus machen, wenn man sich die Banane verkneift, nur weil sie nicht in die Ökobilanz passt und einen Aufkleber hat? Das Leben der Minimalisten ist vielleicht vernünftig, aber macht sie das auch sympathisch? Nicht unbedingt, denn wie bei vielen esoterisch angehauchten Trends, so bekommen diejenigen, die diesem Trend huldigen, etwas verkniffenes, verbissenes und dogmatisches. Sind Minimalisten wirklich zufrieden und glücklich? Eher nicht, denn auf Dauer immer vernünftig zu sein, macht keinen Spaß und das Leben nicht unbedingt lebenswert. Sich ständig von anderen abgrenzen zu müssen, ist irgendwann sehr anstrengend und seien wir mal ehrlich, wer möchte mit jemandem befreundet sein, der ständig mit erhobenem Zeigefinger durch die Gegend läuft und jeden spüren lässt, das nur er das richtige, vernünftigere Leben führt?

Hand aufs Herz

Es sind gerade die kleinen Dinge, die das Leben angenehm machen. Hand aufs Herz: Wer hat zu Hause nicht ein paar Dinge, die zwar keinen großen Nutzen, dafür aber einen ideellen Wert haben oder einfach nur hübsch sind? Da gibt es vielleicht das Sommerkleid, das eigentlich nicht mehr richtig passt, aber das vielleicht vom ersten eigenen Geld gekauft wurde oder das Bild vom Flohmarkt, das man immer wieder gerne anschaut. Jeder hat solche Dinge, die eine Geschichte erzählen und die etwas ganz Besonderes sind. Warum sollte man diese Dinge wegwerfen, nur weil irgendjemand erzählt, dass es das Leben klarer und leichter macht?

Minimalismus ist ein hartnäckiger Trend, der das Leben bereichern soll, aber gleichzeitig auch der verzweifelte Versuch, das Leben unter Kontrolle zu bekommen. Leider lassen sich das Weltgeschehen und auch die eigene Gefühlswelt nicht kontrollieren, ganz gleich, ob die Wohnung nun leer oder vollgeräumt ist.

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Bildquelle: © Depositphotos.com / arquiplay77
 

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