Software gegen Alkohol - Entzug per Computerspiel

Dieses Thema im Forum "Netzwelt" wurde erstellt von Melcos, 18. August 2006 .

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  1. #1 18. August 2006
    Software gegen Alkohol

    Miles Cox, Professor für Suchtpsychologie an der University of Wales, hat gemeinsam mit seinem Kollegen Javad Fadardi ein Computerprogramm entwickelt, das Alkoholsüchtigen helfen soll. Das Programm soll den Patienten daran gewöhnen, visuelle Reize, die normalerweise Suchtverhalten auslösten, zu ignorieren.

    In einer ersten Studie, die vom britischen Economic and Social Research Council bezahlt wurde, wurden ungefähr 100 exzessive Trinker untersucht, die im Durchschnitt 72 Einheiten Alkohol pro Woche zu sich nahmen. Nach dem Training ließen sich die Versuchspersonen weniger von Alkoholreizen ablenken, hatten größere Kontrolle über ihr Suchtverhalten und waren wesentlich bereiter, sich zu verändern. Außerdem tranken sie weniger im Durchschnitt zwölf Alkoholeinheiten pro Woche.

    Andere Suchtexperten zeigten sich jedoch skeptisch und wenden ein, dass Alkoholabhängige häufig ihre alten Trinkgewohnheiten wieder aufnähmen, nachdem es kurzzeitig zu Verbesserungen gekommen sei. Zudem seien die Reize, die bei Alkoholikern Trinkgelüste auslösten, extrem vielfältig und sehr persönlich. Mechanische Verfahren, um generelle Reize auszuschließen, seien wenig dazu geeignet, Verbesserungen hervorzurufen alle Auslöser seien keinesfalls abzudecken.

    quelle: heise.de

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    Entzug per Computerspiel

    Das Problem der Alkoholabhängigkeit besteht nicht allein im Griff nach der Flasche. Wer suchtartig trinkt, neigt auch dazu, sich von mit Alkohol verbundenen Reizen ablenken zu lassen. Solche Reize könnten schon Getränkedarstellungen in den Fenstern von Spirituosengeschäften sein oder das schlichte Wort "Bier" an einer Kneipe, sagt Miles Cox, Professor für Suchtpsychologie an der University of Wales.

    Leichte Trinker und Abstinenzler hätten kein Problem damit, an diesen Signalen vorbeizugehen, ohne sich etwas dabei zu denken. Doch ähnlich wie Süßigkeitenfreunde nicht einfach an einer Bäckerei vorbei laufen könnten, ließen sich diese Reize von Alkoholikern nur schwer ignorieren. "Sie denken sofort daran, wie gut nun ein Drink schmecken würde und wie gut sie sich danach fühlen", sagt Cox. All das führe dann nicht selten dazu, dass sich die Süchtigen ihren "Fix" besorgten.

    "Die Idee reicht bis in die Pawlowsche Zeiten zurück", meint Damaris Rohsenow, eine der Direktorinnen am Suchtzentrum der Brown Medical School. Trinker hätten gelernt, dass Alkohol sie mit dem schönen Gefühl des Rausches belohne. Mit der Zeit verbinde ihr Gehirn dann diese positiven Erinnerungen mit verschiedenen Reizen - Bildern, Gerüchen oder auch nur dem Gefühl eines feuchten Glases in ihrer Hand. Diese Reize führten dann schließlich dazu, dass Erinnerungen abgerufen werden, die Bedürfnisse speisten.

    Untersuchungen des Gehirns mit bildgebenden Verfahren untermauern diese Theorie, wie Raymond Anton vom Alcohol Research Center der Medical University of South Carolina sagt. Anton führte bereits Kernspintomografien bei Alkoholabhängigen durch. Zeigte man diesen Bilder alkoholischer Getränke, ergab sich eine höhere Aktivität in Gehirnregionen, die mit Erinnerungen und Belohnungsreflexen in Verbindung stehen. Diese Bereiche kontrollieren wahrscheinlich auch das Verlangen nach Alkohol und anderen süchtig machenden Substanzen. Menschen, die nur gelegentlich ein Glas trinken und solche, die gar keinen Alkohol zu sich nehmen, zeigten hingegen keine derartigen Gehirnreaktionen.

    So wie diese Hirnantwort erlernt wird, lässt sie sich auch wieder verlernen, dachte sich Miles Cox. Daraufhin entwickelte er zusammen mit seinem Kollegen Javad Fadardi ein Computerprogramm, das Alkoholsüchtigen helfen soll, mit dem Anblick eines Drinks umzugehen, der häufig der Hauptreiz ist, dem sie im täglichen Leben begegnen. Das Programm zeigt dem Patienten dazu eine Anzahl von Bildern. Das erste ist eine Alkoholflasche, die sich in einem dicken, farbigen Rahmen befindet. Der Patient muss diese Farbe dann so schnell wie möglich erkennen und nennen. Je schneller der Nutzer wird, desto schwerer wird der Test: Der Rahmen um die Flasche wird dünner. Zum Schluss erscheint dann eine Alkoholflasche neben einem Softdrink, die beide von farbigen Rahmen umgeben sind. Die Patienten müssen dann den Rahmen um den Softdrink erkennen. "Diese Ausgaben bringen dem Patienten bei, den Alkohol zu ignorieren - in immer schwierigeren Situation", meint Cox.

    Solche Tests wurden bereits seit längerem verwendet, um die Aufmerksamkeit von Alkoholsüchtigen zu untersuchen. Als Therapie hat man sie laut Cox aber noch nicht verwendet. Seine Gruppe adaptierte das Verfahren und ergänzte Elemente traditioneller Therapie. Vor den Tests setzt sich der Patient ein Ziel, wie schnell er reagieren will - und ein Therapeut stellt sicher, dass das Ziel erreichbar ist. Nach jeder Sitzung sehen die Patienten dann, wie gut sie waren. Positives Feedback steigert dabei sowohl die Motivation als auch die Stimmung.

    In einer ersten Studie, die vom britischen Economic and Social Research Council bezahlt wurde, wurden ungefähr 100 exzessive Trinker untersucht, die im Durchschnitt 72 Einheiten Alkohol pro Woche zu sich nahmen (eine Einheit entspricht ungefähr einem Glas Rotwein). Die Versuchspersonen befanden sich nicht in Behandlung, wollten sich auch nicht behandeln lassen und wussten nicht, dass sie ein neues Therapieverfahren ausprobierten. Weniger trinken wollten allerdings alle Teilnehmer. Cox Gruppe nahm dann Basisdaten wie den aktuellen Alkoholkonsum der Testpersonen, ihre Ablenkbarkeit durch Alkohol-Reize und ihr Gefühl dafür auf, ihren Alkoholkonsum kontrollieren zu können.

    Während einer Wartezeit von einem Monat vor der Behandlung zeigten die Testpersonen keine Veränderung, so dass klar war, dass ihr Wunsch, weniger zu trinken, keinen Einfluss auf ihre Beziehung zum Alkohol hatte. Anschließend durften die Alkoholabhängigen dann innerhalb von vier Wochen jeweils vier 40 Minuten lange Sitzungen des "Spiels" über sich ergehen lassen. Insgesamt erfolgten dabei 2000 Wiederholungen der beschriebenen Übungen.

    Nach dem Training ließen sich die Versuchspersonen weniger von Alkoholreizen ablenken - ihre Reaktionszeit im Test ging nach oben. Auf Fragebögen nannten sie außerdem weniger alkoholbedingte Probleme, hatten größere Kontrolle über ihr Suchtverhalten und waren wesentlich bereiter, sich zu verändern. Außerdem tranken sie weniger - im Durchschnitt 12 Alkoholeinheiten pro Woche. Alle Verbesserungen seien statistisch signifikant gewesen und hielten sich auch nach drei Monaten noch, wie Cox stolz sagt.

    Reid Hester, Forschungsdirektor bei Behavior Therapy Associates, hält die Studienergebnisse für viel versprechend, aber noch nicht wirklich ausreichend. Auffällig sei der sehr zurückhaltende Rückgang beim Alkoholkonsum. Er stellt außerdem den Aufbau der Studie in Frage: "Das Follow-up kam sehr früh." Normalerweise würden solche Überprüfungen nach einem Jahr durchgeführt, da Alkoholabhängige häufig ihre alten Trinkgewohnheiten wieder aufnähmen, nach dem es kurzzeitig zu Verbesserungen gekommen war.

    Auch Rohsenow hinterfragt die Cox-Studie. Die Reize, die bei Alkoholikern Trinkgelüste auslösten, seien vielfältig und sehr persönlich: "Bei einer Person ist es der Streit mit der Frau über die Stiefkinder, bei anderen das Herumsitzen alleine zu Hause, während sie Country-Musik hören." Dies seien die echten Situationen, die sie in ihrer Praxis erlebt habe. Mechanische Verfahren, um generelle Reize auszuschließen, seien wenig dazu geeignet, Verbesserungen hervorzurufen - alle Auslöser seien keinesfalls abzudecken.

    Die beste Methode sei daher, die persönlichen Auslöser herauszufinden, sie in Behandlungszentren mit echtem Alkohol nachzustellen und dann mit den Alkoholsüchtigen zu üben, damit umzugehen - immer und immer wieder. Dies sei ein Werkzeug, das sich auch bei schlimmsten Fällen als nutzbar herausgestellt habe.

    Cox selbst gibt zu, dass sein Computerprogramm nicht dazu geeignet sei, Menschen mit Alkoholproblemen sofort zu heilen. "Es ist ein Werkzeug, um Leuten zu helfen, ihr Trinkverhalten zu kontrollieren." Als Allheilmittel sei es aber nicht einzusetzen, eher als Komponente bestehender Behandlungsverfahren. Beispielsweise könne es bei ungeduldigen Patienten eingesetzt werden, meint Cox, die sich kurz nach der Entgiftung sehr stark nach Alkohol sehnten. Sein Programm helfe Patienten, die Kontrolle über sich zurück zu erlangen, um dann in die nächste Phase der Behandlung zu starten. Zudem sei es geeignet, zum Ende der Behandlung eingesetzt zu werden, um Rückfälle zu minimieren. Cox glaubt auch, dass man sein Programm auch für weniger starke Trinker einsetzen könnte, die es dann beispielsweise bei sich zu Hause verwenden könnten, um Rückfälle zu vermeiden.

    Cox testet mit seinem Team derzeit weiter, hat sich aber bereits die Rechte an dem Verfahren gesichert. Er spricht derzeit mit britischen Behandlungszentren, um die Technik eventuell in existierende Anti-Alkohol-Programme einzufügen.

    quelle: Technology Review
     

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