Vor 40 Jahren: Schießen Sie nicht auf den Computer!

Dieses Thema im Forum "Netzwelt" wurde erstellt von zwa3hnn, 18. September 2005 .

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  1. #1 18. September 2005
    Heute wird in Deutschland gewählt. Wenn um 18:00 die Wahllokale schließen, werden sofort erste Umfragen der Meinungsforscher von Forsa und Allensbach vorgestellt, die letzten Orakel abgeliefert. Doch schon 9 Minuten später werden die ersten Hochrechnungen auf der Basis bereits ausgezählter Stimmbezirke veröffentlicht. Nach spätestens einer Stunde dürften sich die Hochrechnungen soweit gefestigt haben, dass sie nur unwesentlich vom amtlichen Endergebnis abweichen, das zwischen zwei und drei Uhr nachts erwartet wird: seit 1998 liefern Computerhochrechnungen innerhalb von zehn Minuten Hochrechnung mit einer Ungenauigkeit von 0,15 Prozent ab.

    Das war nicht immer so. Bis zum 19.9.1965 waren Wahlen eine schläfrigere Sache. Die Politiker gingen nach einer Wahlfeier ins Bett und erfuhren mit Glück am nächsten Morgen, wer gewonnen hatte. Langsam summierten sich im Lauf der Nacht genug Stimmen aus den Auszählungen der einzelnen Wahllokale. Das alles änderte sich morgen vor 40 Jahren schlagartig. Vor vierzig Jahren sendete das Erste Deutsche Fernsehen am 19.9.1965 die erste Computerhochrechnung um 21:43 Uhr. 17 Millionen Zuschauer saßen vor ihren Schwarzweiss-Fernsehern und hörten ungläubig, wie der Fernsehmann Rudolf Rohlinger verkündete, dass "mein Freund, der Computer" auf der Basis von 12 der 248 Stimmbezirke hochrechnete, dass die CDU/CSU auf 45,6%, die SPD auf 39,4% und die FDP auf 10,1% kommen wird. Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein, hatten zuvor um 20:00 Uhr doch die Meinungsforscher vom Institut Allensbach eine absolute Mehrheit für die CDU/CSU verkündet, während die Konkurrenz EMNID an ein Kopf-an-Kopf-Rennen von SPD und CDU/CSU vorhersagte. Eine Koalition von CDU/CSU und FDP sah niemand kommen, nur der Computer des Instituts für angewandte Sozialwissenschaften (INFAS) in Bad Godesberg.

    Der Sendeleiter Werner Höfer stellte sich schützend vor die Maschinerie und rief "Schießen sie nicht auf den Computer!", während SDP-Fraktionschef Fritz Erler heftig gegen die neumodische Zauberei wetterte: weil der Rechner so groß und unhandlich war, hatte das Deutsche Fernsehen sein mit Gästen gefülltes Wahlstudio über dem Rechenzentrum von INFAS errichtet. Der Computer behielt recht. Um 22:25, sagte er auf der Basis von 59 ausgezählten Stimmbezirken das Endergebnis voraus. Konrad Adenauer musste die FDP an der Regierung beteiligen, der große Umbruch der Bundesrepublik begann, die Aufbau-Idylle war vorbei, die Große Koalition kündigte sich an.

    Der Computer, der die Zuschauer so nachhaltig beeindruckte, dass der Wahlberichterstatter Rohlinger zeitlebens als "Mr. Computer" tituliert wurde, war eine mit 120.000 Lochkarten gefütterte IBM 1620, die über 100.000 Einzeldaten aus allen Wahlkreisen verfügte. In jedem Wahlkreis war ein INFAS-Mitarbeiter positioniert, der des Endergebis in der Minute durchtelefonierte, als es verkündet wurde. Dreieinhalb Stunden nach Schließung der Wahllokale stabilisierten sich um 21:34 die errechneten Werte und man entschloss sich, auf Sendung zu gehen. Für das 1959 gegründete INFAS war der Coup perfekt. Am Anfang war das mit sozialdemokratischer Unterstützung gegründete Institut so arm, dass es mit alten Hollerith-Tabulatoren rechnen musste. Erst 1963 konnte der erste Computer, die besagte IBM 1620 angeschafft werden., ein vergleichsweise günstiger Rechner für wissenschaftliche Zewcke, der in FORTRAN programmiert wurde. Der Rechner war gewissermaßen der Billig-PC unter den Großrechnern: "Reduce all Costs" war die Maxixme bei IBM, als man unter dem Codenamen CADET (Computer with ADvanced Economic Technology) das Sonderangebot für arme Universitäten konstruierte.

    Mit der Wahl von 1965 war die Zukunft gesichert: bis 1990 war die Wahlberichterstattung die Haupteinnahmequelle von INFAS. Über eine IBM System /360, dann eine IBM 370 bis hin zu den schnellen PC-Netzwerken konnte man sich die jeweils modernste Hardware leisten. Nicht immer gewann dabei INFAS. Im Oktober 1976 hatte die Konkurrenz, die Mannheimer Forschungsguppe Wahlen, die Nase vorn. Sie verwendete als Rechner eine PDP 11/40 von DEC, an die ein VT30-Farbterminal angeschlossen wurde: die bunten Balken- und Tortengraphiken der Veränderungen und Sitzmandate hielten Einzug ins Fernsehen, dass das Terminal abfilmte. Auch 1965 war eine Kamera dabei: Sie filmte einen Drucker, der stockend einen Bon mit den Endergebnissen ausdruckte.

    Brauchte die erste Hochrechnung noch 3,5 Stunden, konnte man 1972 bereits nach einer Stunde, 1982 nach 29 Minuten eine Rechnung präsentieren, die das Endergebnis vorwegnahm. Die für das ZDF tätigen Mannheimer Hochrechner erzielten 1976 übrigens eine Art Weltrekord. Sie hatten nach wenigen Minuten eine Hochrechnung parat, die der Rechner selbst mit +/- 1 Prozent Genauigkeit einschätzte und die, wie sich später zeigte, sehr richtig gelegen hatte. Beim Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU/CSU und SPD wagte man nicht, das Ergebnis zu veröffentlichen. Schon die erste Hochrechnung litt unter den Entscheidungen des Fernsehens. 1952 führte eine UNIVAC im Auftrag des Fernsehsenders CBS im Wahlkampf zwischen Eisenhower und Stevenson die ersten Berechnungen auf der Basis einprogrammierter Statistiken durch. Frühzeitig legte sich die UNIVAC auf einen Sieg von Eisenhower fest, der CBS politisch nicht genehm war. Der Fernsehsender erklärte öffentlich, dass der Computer mit dem Rechenproblem nicht fertig würde und hielt die Ergebnisse zurück. Nachdem dies bekannt wurde, stieg die UNIVAC zu einer nationalen Berühmtheit auf und wurde zum Synonym für Computer.

    Als die IBM 1620 im Jahre 1965 das Ergebnis hoch rechnete, gab es eine zweite sensationelle Premiere, die aus heutiger Sicht Beachtung verdient. In zwei Wahlkreisen (Schweinfurt und Obertaunus) musste damals 14 Tage später gewählt werden, weil zwei aufgestellte Kandidaten vor der Wahl gestorben waren. INFAS berechnete, nachdem alle übrigen Wahlkreise ausgezählt worden waren, wie die beiden ausstehenden Wahlkreise wohl gewählt hätten. Das "fiktive Zweitstimmenergebnis" entsprach genau dem tatsächlichen Wahlergebnis 14 Tage später. Streng logisch heißt das nicht, dass jedem einzelnen Nachwähler der Bundestrend egal war. Aber in ihrer Gesamtheit lag es ihnen fern, in Kenntnis des Trends sich noch einmal gegen ihn auflehnen und das Gesamtergebnis ändern zu wollen. Sie machten im Gegenteil genau das, was schon auszurechnen war. Diese Überlegung ist auch heute noch gültig, wenn der Bundeswahlleiter in der Nacht ein vorläufiges amtliches Endergebnis verkündet, obwohl im Wahlkreis Dresden I erst in 14 Tagen gewählt wird.


    quelle: heise online
     

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  3. #2 20. September 2005
    Tja wie die Computer doch unser alltägliches Leben verändert haben. Sowohl zum Guten als auch zum Schlechten.Zwar sind Computer genauer und so aber gehen dadurch leideer auch Arbeitsplätze flöten.
    Dafür kommt man jetzt schneller an informationen ran via Inet!!

    Greetz InEo
     
  4. #3 21. September 2005
    Naja, dafür wurden aber auch viele Arbeitsplätze in der Computer Brance geschaffen.
    Solche Aussagen muss man auch mal von der anderen Seite überdenken ^^

    Gruß
     

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