Transzendentale Eschatologie

Dieses Thema im Forum "Literatur & Kunst" wurde erstellt von creative16, 20. Juni 2011 .

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  1. #1 20. Juni 2011
    Dieser philosophische Blick auf den Tod, das Jenseits und all das, was damit zusammenhängt, ist in meinen Augen sehr gut geschrieben und es wert - bei einem vorhandenen Interesse für derartiges - gelesen zu werden. Ich habe die in meinen Augen jeweils wichtigsten Abschnitte der Kurztexte grün markiert.

    Ich hoffe, dass sich der ein oder andere Interessierte findet, der sich Stellen herausgreift, sie kommentiert oder kritisiert, beziehungsweise eigene Ansichten einbringt. Der Text mag hier vielleicht nicht viel Anklang finden, da dieses Forum leider lesefaul ist, aber vielleicht haben ja User, die für geistreiche Diskussionen immer zu haben sind, wie n0b0dy und neger187, die Zeit und den Enthusiasmus, sich diesem Werk zu widmen.
    Eine PDF-Datei zum Ausdrucken gibt es auf Anfrage per PN, das Lesen am Bildschirm ist ja gemeinhin anstrengend.

    Viel Spaß beim Lesen.

    Transzendentale Eschatologie
    Gedanke zum Thema Zukunft

    Vorwort
    Einleitung
    Spoiler
    "Ich verstehe unter einer transzendentalen Erörterung die Erklärung eines Begriffs, als eines Prinzips,
    woraus die Möglichkeit anderer synthetischer Erkenntnisse a priori eingesehen werden kann".
    Immanuel Kant

    Die Eschatologie - um nicht bloß eine Lehre von den letzten Dingen, sondern eine Wissenschaft vom Leben
    nach dem Tode zu sein - muss einer transzendentalen Revision unterzogen werden. Eine Eschatologie als
    Erfahrungswissenschaft ist nicht möglich
    , - gleichwohl wird ausnahmslos jedem menschlichen Wesen die
    transzendente Würde zuteil, die Erfahrung des Todes zu machen - man stelle sich die Schrecken eines
    ewigen irdischen Lebens, eines Lebens ohne den Tod, nur hinreichend vor - , doch zum nachfolgenden
    wissenschaftlichen Schritt, dem Vergleich und der Systematisierung der Erfahrungen kann man aufgrund
    der Eigentümlichkeit des Todes nicht gelangen
    . Ein Versuch, die Grenzen der systematisierbaren
    Todeserfahrungen zu umreißen, ist ungeachtet dessen zu leisten, doch letztlich muss das Unerfahrbare in
    den Mittelpunkt der Betrachtung rücken.

    Die Eschatologie kann keine empirische Wissenschaft sein und muss den Geisteswissenschaften wie
    Mathematik und Theologie im Gefängnis der Logik Gesellschaft leisten. Der rationalistische Pessimismus,
    der allen Sätzen der Mathematik nur analytische Erkenntnisse zugesteht, wird jeder Geisteswissenschaft den
    unvermeidlichen Tautologievorwurf zu stellen wissen, allein ist die Tautologie mitnichten eine Sackgasse
    der Logik. Der Satz "Ich bin ich" ist tautologisch, Subjekt und Prädikat verweisen bloß aufeinander, es kommt
    keine neue Erkenntnis hinzu. Abgesehen von der sprengenden Kraft des "bin", welches dem bloßen Begriff
    der Selbstidentität das Sein zuerkennt und den Begriff somit aus dem Denken in das Sein entlässt, spricht der
    Satz "Ich bin ich" immer "Ich bin nicht ich" mit, und weist auf das Negative seines Inhalts hin. Durch die
    schöpferisch-zerstörerische Kraft, die in der Tautologie als Seinsbehauptung einerseits und Negation
    andererseits enthalten ist, sind Geisteswissenschaften als Wissenschaften möglich
    . Durch die dem
    menschlichen Geist immanenten Phänomene, welche keiner empirischen Überprüfung unterliegen - Hirnströme
    etwa geben die Qualität der Gedanken nicht preis - , bekommt die Eschatologie ihren eigentümlichen Inhalt.
    §1
    Kommentar zum Thema Tod
    Spoiler
    Der Tod ist als ein irreversibles Ende der psychophysischen Existenz bekannt; eine künstliche
    Wiederbelebung des Körpers einer toten Person stellt die geistige Identität derselben nicht wieder her.
    Ebensowenig existiert physisch ein vom Körper losgelöster Geist. Der eigene Tod kann niemals zum
    Gegenstand systematisierbarer empirischer Erfahrung werden
    ; der fremde Tod gibt nur sein negatives
    Moment, die Beendigung der Existenz der den Tod erfolgreich absolvierender Person preis. Aus der
    empirischen Beobachtung eines sterbenden Menschen lassen sich keine Schlüsse auf ein Leben nach dem
    Tod ziehen.

    Der Tod ist dreigeteilt: erstens der empirisch erfahrbare Tod, das positive Sterben einer Person, zweitens
    der jenseitige, negative Tod, und drittens eine Grenze zwischen Beiden. Die genannte Grenze ist die
    Grenze empirischer Erfahrung; nur der positive, daseiende Tod
    , das erfahrbare Aufhören der physischen
    Existenz einer Person, kann mit den Mitteln der Naturwissenschaft erforscht werden. Der positive Tod kann
    durchaus eine Basis für Spekulationen darstellen, die im Folgenden dargelegt werden sollen.
    §2
    Gesetz zum Thema Wissenschaft
    Positive Eschatologie

    Spoiler
    Die positive Eschatologie untersucht die Spekulationen hinsichtlich der phänomenalen Zustände eines
    menschlichen Bewusstseins nach dem physischen Tode
    . Die hier auszuführenden Spekulationen schließen
    vom Bekannten auf das Unbekannte und haben empirische Grundlagen. Erfahrene Zustände werden auf
    ihre Möglichkeit des Vorkommens jenseits der Todesschranke untersucht
    .

    Das menschliche Gehirn zelebriert den erwarteten Tod auf seine eigentümliche Art, was angesichts der
    Positivität vorliegender Erfahrungen der empirischen Untersuchung nicht verschlossen bleibt. Eines der so
    gewonnenen Resultate ist das Phänomen des euphorischen Zustandes im Zusammenhang mit dem
    Schnelldurchlauf durch das abzuschließende Leben. Ein plötzlicher Tod kann nicht auf dieselbe Art untersucht
    werden; außerdem gibt es keinen reversiblen plötzlichen Tod, der Nahtoderfahrungen bereitstellen könnte.

    Ungeachtet dessen produziert das Gehirn eines plötzlich Sterbenden dennoch bestimmte phänomenale
    Zustände. Unterscheiden sich die Erfahrungen des Blitztodes von den Erfahrungen erwarteten Todes? - Eine
    empirisch unzulässige Frage, die einen nicht unbestimmten Vergleich des Bekannten mit dem Unbekannten
    zur Voraussetzung hat. Über die Qualität unbekannter Erfahrungen kann nichts gesagt werden, und so bleibt
    es der Spekulation überlassen, von der Qualität bekannter Erfahrungen darauf zu schließen.
    §3
    Kritik zum Thema Erwartung
    Spoiler
    Als ein plötzlicher Tod kann nur ein Tod gelten, der mit dem plötzlichen Hirntod im Zusammenhang steht. Ein
    plötzlicher Todesfall, der im Fall seines Missglückens zu einer Nahtoderfahrung führt, kann nicht als plötzlicher
    Tod bzw. Fast-Tod der Untersuchung zugeführt werden.
    Das Erwartungsmoment ist nicht historisch
    aufzufassen; eine Erwartung kann ebenso plötzlich eintreten, selbst wenn der Sterbende nur den Bruchteil
    einer Sekunde zum Aufbau der Todeserwartung gewährt bekommt.

    Ein plötzlicher Tod schließt keineswegs planmäßiges Sterben aus; ein Freitod kann ebenso plötzlich wie erwartet
    sein. Kurz vor dem Kopfschuss hat die ihr Leben abschließende Person bekannterweise keine
    Todeserfahrungen, - sie weiß noch nicht genau, ob sie denn tatsächlich zum gegenwärtigen Zeitpunkt abdrückt.
    Ein erwarteter Tod ist ein Tod, auf den sich das Bewusstsein einstellen kann, dessen Heraufkunft also
    bewusst erfahren und vom Gehirn dementsprechend vorbereitet werden kann. Ein plötzlicher Tod ist ein
    sofortiger Übergang von normaler Hirnaktivität zum Hirntod. Was in der betreffenden Zeit phänomenal erlebt
    wird, kann nur aus den als Nahtoderfahrungen bekannten Erfahrungen erwarteten Todes abgeleitet werden.
    §4
    Bericht zum Thema Abenteuer
    Spoiler
    Der Widerlichkeit halber dürfen keine Todesumstände verschwiegen werden, und so ist die Frage nach der
    Qualität der Todeserfahrungen vom auf dem Scheiterhaufen verbrennenen, im Fäkalien ertrinkenden oder von
    Ratten lebend gefressenen Hinrichtungsopfer unbedingt zu stellen. Kommt der erwartete Tod in einem
    Zustand der Angst, des Ekels, des Beengtseins, und wird er spekulativ fortgeschrieben, so brennt die Seele
    eines Verbrannten, altertümlichen Mythologien nicht unähnlich, in Ewigkeit fort. Der kalte nihilistische
    Materialismus wird auf einmal zum Gegenstand innigster Hoffnung, denn wenn der endgültige Hirntod die
    totale Auslöschung des Subjekts der Erfahrung zur Folge hat, erfreut sich der Hingerichtete nicht nur des
    Aufhörens seiner Pein, sondern gleichsam totalen Vergessens
    .

    Um Horrorvorstellungen kommt man keineswegs herum, weshalb die beispielhafte Einführung in die
    asymptotische Theorie des Sterbens Not tat. Die asymptotische Theorie des Sterbens geht von einer
    phänomenalen Zeitverbiegung aus
    , also davon, dass der Sterbende die Zeit nicht linear, sondern an der
    Todesschranke als einer Asymptote verbogen, erfährt. Im phänomenalen Erleben wird der endgültige Tod
    womöglich gar nicht erfahren
    , vielmehr perenniert der Zustand des Sterbenden für diesen in alle Ewigkeit, was
    den objektiv nach einer bestimmten Zeit eintretenden und messbaren Hirntod nicht tangiert.
    §5
    Erörterung zum Thema Zuversicht
    Spoiler
    Das Grauen macht den Wunsch zur Not. Hängt die phänomenale Qualität des erwarteten Todes von den
    Todesumständen ab, so wäre ein plötzlicher Tod, um der Höllenpein zu entrinnen, durchaus erstrebenswert
    . Der
    sein Leben Abschließende hätte eine Todesart zu wählen, die den sofortigen Hirntod zur Folge hätte, da ein
    Leben, welches den Tod wünscht, kein wünschenswertes Todeserleben bereit zu halten bereit wäre.

    Die Schlaftheorie des Todes bremst die Euphorie des eschatologischen Pessimisten angesichts der
    scheinbaren Schmerzlosigkeit des plötzlichen Todes
    . Kann der Todeswillige mit dem plötzlichen Tod dem
    Einfluss äußerer Quellen des Unbehagens auf den Todesprozess entrinnen, so handelt es sich beim Schlaf
    um einen inneren Zustand, der - zieht man die asymptotische Theorie des Sterbens mit in Betracht - durch
    einen zeitlichen Kurzschluss nicht übersprungen werden kann. Ob die asymptotische Todesschranke eine
    Minute oder eine Millisekunde vom Anfang des Todesprozesses entfernt ist, die Zeit bis zur Asymptote wird
    sich ins Unendliche ausdehnen. So wird der den Freitod Wählende sein Unbehagen mit ins ewige Grab
    nehmen; sich selbst kann keiner entkommen - auch im Tode nicht.

    Spekulationen religiöser Natur oder minderer Grundsätzlichkeit gehören nicht hierher; nur auf einer
    empirischen Basis stehende Spekulationen sind von Bedeutung für die positive Eschatologie. Die Konturen
    der erlaubten Spekulationsbahnen sind umrissen; es ist vom empirisch erfahrbaren Bekannten auszugehen
    und daraus
    - ohne Beimischung moralischer oder religiöser Inhalte - auf das Unbekannte zu schließen.
    Letztlich überschreiten diese Spekulationen die Todesschranke keineswegs, sie schieben diese nur ins
    Unendliche fort.
    §6
    Kritik zum Thema Erkenntnis
    Negative Eschatologie

    Spoiler
    Über das Jenseits einer unpassierbaren Grenze lässt sich nur sagen, dass es unmöglich ist, etwas darüber zu
    wissen.
    Es verhält sich hiermit jedoch so wie mit dem Ding an sich, das Kant vorschnell als unerkennbar
    bestimmte, wobei er gedankenverloren das Naheliegendste aus den Gedanken verlor, nämlich das Wissen
    um das Sein dieses Unerkennbaren. Was als seiend postuliert werden kann, ist nicht so unbekannt, wie es
    zunächst erscheint; nur etwas, dessen Sein ein Bekanntes ist, kann als Unbekanntes erkannt werden.

    Eine Grenze, deren Jenseits nicht als Jenseits bekannt ist, ist nicht als Grenze bewusst. Das Tier, das
    nicht um seine Sterblichkeit weiß, hat keine Vorstellung vom Jenseits. Der Mensch weiß mit seiner
    Sterblichkeit auch um das Jenseits des Todes. Die phänomenale Qualität des Jenseits ist das Hauptanliegen
    einer wissenschaftlichen Eschatologie. Empirisch ist ins Jenseits nicht vorzudringen, aber der
    transzendentale Weg bedarf keiner Erfahrung
    . Um diesen Weg zu ebnen, muss die reinigende Kraft der
    Negation den Irrtum und manch vermeintliches Wissen aus dem Weg räumen.
    §7
    Dokumentation zum Thema Suche
    Spoiler
    Die Glaubenstradition jeder Kultur bietet reichlich vermeintliches Wissen über das Jenseits der
    Todesschranke. Für Mythen über das Jenseits ist wissenschaftliche Irrelevanz charakteristisch - sie sind
    weder zu beweisen noch zu widerlegen
    . Daher ist es nicht von Belang, wie die Städte im Himmerlreich
    aussehen oder wie welche klimatischen Bedingungen in der Hölle vorherrschen. Die Religion produziert
    zufällige oder archetypische Antworten auf die Fragen nach der phänomenalen Qualität der jenseitigen
    Erfahrungen
    . Der Zufall hat soviel Recht, wie seine Wahrscheinlichkeit mathematisch zulässt; keines der
    Mythen über das Jenseits ist Unsinn, - in der Lotterie gibt es trotz des Ratens und Wettens auf
    Unwahrscheinliches hin und wieder Gewinner. Die Einzelheit des individuellen Lebens und Sterbens, das
    Fehlen zusätzlicher Versuche zwingt zum Wissen; wer nur einen Versuch hat, will die richtige Lösung wissen,
    nicht bloß erraten.

    Bestimmtes von Unbestimmtem zu wissen ist nicht möglich, wobei das Unbestimmte kein an sich, sondern
    ein für uns Nichttote Unbestimmtes ist. Wer bereits tot ist, steht etwas Bestimmtem gegenüber
    , ob dem
    Nichts, dem Himmelreich, der Hölle oder seiner Realität gewordenen Phantasiewelt.

    Die Eschatologie als Wissenschaft muss sich zu positiven Aussagen über das Jenseits negativ verhalten;
    vermeintliches Wissen ist der Feind aller Wissenschaft, das Unwissen hingegen ist ihr Freund
    , und es ist
    der fruchtbare Boden des Agnostizismus, auf dem eine wissenschaftliche Eschatologie zu entwickeln ist.
    §8
    Erörterung zum Thema Transzendenz
    Spoiler
    Es ist nicht dasselbe, etwas nicht zu wissen und zu wissen, dass etwas nicht auf eine bestimmte Art
    beschaffen ist
    . Aus dem Nichtwissen über das Jenseits des Todes lässt sich keine Widerlegung mythischer
    Vorstellungen des Totenreiches ableiten. Die Spekulationstiefe der negativen Eschatologie ist daher kaum
    geringer als die der positiven Eschatologie; das Anfangsmoment zum Festhalten fehlt hier [in der negativen Eschatologie - Anmerkung von mir] allerdings, und
    den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt, womit das Erkenntnisinteresse sich von den Möglichkeiten
    selbst auf den praktischen Umgang mit denselben verschieben muss
    .

    Himmel für die Guten ist genausogut möglich wie Hölle für alle; Hölle für die Blonden und Nirwana für die Weißen ist
    keineswegs unwahrscheinlicher als Wiedergeburt für die Inder und Reich des Hades für Nichtgriechen. Da wir
    nicht wissen können, ob Moral nach dem Tode noch gilt, muss sie in der praktischen Eschatologie mit
    Lebenskunst zusammenfallen.

    Die praktische Eschatologie beleuchtet den gedanklichen Umgang mit möglichen Welten jenseits der
    Todesschranke und rückt dabei die Frage nach der hedonischen Qualität derselben in den Mittelpunkt.
    §9
    Wahlrede zum Thema Zufall
    Praktische Eschatologie

    Spoiler
    Es gibt im Wesentlichen zwei hedonische Qualitäten: Lust und Unlust; umfassender, aber dadurch
    verschwommener: Glück und Unglück
    . Beide Begriffspaare werden benutzt, da das, was sie ausdrücken sollen,
    genau dazwischen liegt: Glück kann leicht als autistische Selbstzufriedenheit ungeachtet der widrigen
    Lebensbedingungen missverstanden werden, so dass sich jemand in der Hölle glücklich schätzen kann, wenn
    es nur fest genug daran denkt, sie eigentlich nicht verdient zu haben; Unglück trägt den Kometenschweif des
    bösen Schicksals mit sich herum
    . Lust und Unlust pfelegt man gewöhnlich auf die Befriedigung gröbster
    Bedürfnisse zu reduzieren; es geht aber um nichts Geringeres als die gesamte Fülle des glücklichen oder
    unglücklichen Seins.

    Klügere Jenseitsideologien sind abstrakt, sie verheißen den Gläubigen ihrer Religion keine Weintrauben, um
    welche Vögel im Jahreszyklus kreisen, wie die Erde um die Sonne, keine runde oder symbolbehaftete
    Anzahl nimmerschwangerer immerschöner Jungfrauen, sondern einfach nur Glück. Je weniger über
    Unbekanntes inhaltlich, dessen phänomenale Qualitäten betreffend, gesagt wird, umso mehr wird davon
    ausgesagt. Die Umschreibungen und Ausschmückungen sind zufällig, Glück als phänomenaler Zustand das
    Wesentliche. Die Frage des Verdienens muss, will man wissenschaftlich bleiben, beiseite geschoben
    werden, denn letztlich
    - vorausgesetzt, jeder bekommt, was er verdient, oder, genausogut, alle bekommen
    dasselbe - ist nur von Interesse, wie das Glück oder das Unglück als ewiger Zustand zu denken ist.
    §10
    Beschreibung zum Thema Langeweile
    Spoiler
    Bei der Vorstellung von Vollkommenheit ist der Gedanke der Perfektion nicht weit. Freilich wird der
    Bundesligaverein, der mit 102:0 Toren und 102 Punkten die Deutsche Fussballmeisterschaft erringt nicht
    der umjubelteste, sondern der langweiligste sein. Das Paradies der Perfektion ist zeitlich noch räumlich
    begrenzt, seine Bewohner haben unendlich viel Zeit, unendlich viele perfekte Welten zu entdecken - welche
    davon werden sie ihr Zuhause nennen? Es ist billig, zu behaupten, Perfektes müsse notwendig einander
    gleichen
    ; in einem Heiratspaket von 72 perfekten Jungfrauen sind 72 gleich perfekte, aber dennoch
    verschiedene Jungfrauen enthalten. Der Mann der Paradiesfrau ist in der Tat die eierlegende Wollmilchsau,
    zu der der neue Mann unserer Zeit werden soll. Ein Ehepaar im Paradies hat so viele Kinder, wie das Herz
    nur wünscht, einzig der Stolz auf die eigenen Kinder kann nur schwerlich einem Vergleich mit den Kindern
    anderer Eltern entspringen, da doch alle perfekt sind.

    Bosheiten wie Neid und Eifersucht entstehen in Welten mit Güterknappheit; in einer Welt, in der Schönheit
    sehr knapp, und dazu noch vergänglich ist, ist eigenes Glück nur als Unglück des Anderen zu denken
    , oder
    zumindest verhält sich Beides zueinander als notwendige Voraussetzung - wenn keiner verliert, kann keiner
    das Verlorene gewinnen
    ; heiratet ein Jüngling die Prinzessin, gehen Tausend Jünglinge leer aus. Im Paradies
    ist nichts knapp - es gibt Prinzessinnen wie Sand am Meer, Genussmittel wie Meer über dem Sande, allein
    taugt nichts davon mehr als Statussymbol. Vortrefflich - wenn ich wieder einmal einen sündhaft teuren
    schottischen Whisky trinke, und dies nur meines Genusses wegen tue, ohne Zeugen, die es zum Vorführen
    des Habitus erforderte, so stehe mit einem Bein im Paradies.
    §11
    Kritik zum Thema Neid
    Spoiler
    Es ist zynisch, zu behaupten, das Böse gehöre zum Leben wie der Pfeffer zum guten Mahl, freilich was
    ungepfeffert abscheulich schmeckt, ist ein scheußliches Gericht und wird durch Geschmacksverzerrung
    selbst nicht besser. Wer einen gepflegten Krieg erlebte, wessen Kind im Schoße eines Kindermörders qualvoll
    ums Leben kam, gewinnt eine gesündere Einstellung zu krankmachenden Gewürzen. Wer nichts - außer der
    Handlungen, in denen sich der Mensch vom Tier nicht unterscheidet - mit einer schönen Frau anfangen
    kann, weil ihn keiner ihretwegen beneidet, ist nicht glücklos, sondern vielmehr wertlos, oder
    , um die
    ungewöhnliche Formulierung ins gewohnte Licht zu rücken, diese Frau nicht Wert.

    Nicht darf dem Vergessen überlassen werden, dass der Neid und Missgunst pflegende Mensch quer durch
    alle vernünftigen Religionen wie in der Vernunftreligion auch nicht zum üblichen Kontingent der Himmelsfahrer
    gehört. Wiewohl dies kein wissenschaftliches Argument ist, weist es nochmals darauf hin, dass es krankhaft
    ist, sein Glück durch das Unglück Anderer und umgekehrt zu definieren; in der perfekten Welt des Paradieses
    werden alle von ihren Krankheiten geheilt sein
    , und somit auch vom Narzissmus, vom Neid, vom Hass, vom
    pathologischen Geltungsbedürfnis
    . Da klopft der Teufel mit der leeren Pfefferdose auf den Tisch und lacht:
    nicht nur das Leben im Paradies wird langweilig, auch die Lebenden dort werden Langweiler sein, und da
    hat der Teufel weiter nichts zu sagen, da er nur zu gut weiß, dass der Penisneidische nichts so sehr fürchtet,
    wie eine - wenn auch nur symbolische - Kastration.
    §12
    Erörterung zum Thema Langeweile
    Spoiler
    Wo der Teufel scheitert, reüssiert der Verstand. Der unheiligen Einfaltigkeit ist schnell erklärt, dass sie im
    Paradies von allen körperlichen und seelischen Gebrechen erlöst wird, und nicht mehr der Neid auf Andere,
    sondern eigener Genuss die Messlate für das Glück sein wird
    . Wenn das Glück des Einen die Gefühle des
    Anderen nicht verletzen kann, ist noch keineswegs Langeweile in Sicht, diese stellt sich aber unvermeidlich
    ein, wenn man es mit der Ewigkeit zu tun bekommt
    . In wen verliebt man sich im Paradies? Die Mädchen
    altern nicht, aber auch erfreulichere Veränderungen bleiben aus; das Mädchen, das dir heute lieb ist, wird in
    einer Million Jahren genau dasselbe sein, wenn du von deiner Reise zu Tausenden anderer paradiesischer
    Welten zurückkehrst. Der Moment, der Zauberer der Liebe, spielt in der Ewigkeit keine Rolle.

    Das Altern bleibt aus, aber die Zeit vergeht - wobei das Vergehen der Zeit kein Vergehen der Dinge in der
    Zeit nach sich zieht - , und Liebende werden einander überdrüssig. Eine Million Lebenspartner überdrüssig
    geworden, erschlischt das Herz; Milliarden interessanter Welten bereist, ergreift den Verstand eine Apathie,
    die sich Jahrmilliarden um Jahrmilliarden hinziehen wird. Nur wenn man sogleich vergisst, was man erlebt,
    kann die Ewigkeit erfüllte Zeit sein
    .

    Das Reich des Vergessens ist auf der irdischen Welt durchaus bekannt - es ist das Alter des Kindes vor
    der Ausbildung seines autobiographischen Gedächtnisses, seiner persönlichen Identität. Keiner kann sich
    freilich daran erinnern, wie glücklich er damals war, da es ihn, streng genommen, noch nicht gab, - ewiges
    Glück ist nur um den Preis der persönlichen Identität zu erkaufen; das Ich bleibt also vom Glücke
    ausgeschlossen, es stirbt und tröstet sich damit, dass das ihm zugehörige Es sich in aller Ewigkeit
    unendlichen Glücks erfreuen wird.
    §13
    Erörterung zum Thema Leid
    Spoiler
    Das Glücksversprechen wird im Paradies, wie gesehen, nicht eingelöst. Wie sieht es mit der Höllenpein aus?
    Anders gefragt, was ist eigentlich Schmerz? Ist Leid unendlich dehnbar oder an bestimmte Konditionen des
    menschlichen Daseins geknüpft? Eine direkte Übertragung der Seinsbedingungen vom Diesseits ins Jenseits
    ist angesichts der veränderten Konditionen nicht möglich - mit der Ewigkeit kommt die Unsterblichkeit hinzu
    .

    Das Unglück entfaltet seine leidvolle Wirkung angesichts der Sterblichkeit; am Sterben der Großeltern ist
    wesentlich, dass sie danach tot sein werden; ein durch einen Unfall oder ein Verbrechen verlorenes Kind
    wird nie wieder zurückkommen und durch kein anderes Kind zu ersetzen sein. All diese Tragödien werden,
    sobald sie sich in der Ewigkeit abspielen, zur Farce. Die Ewigkeit kennt keinen Verlustschmerz, da in ihr
    nichts verloren geht
    . Nur der blanke Schmerz bleibt also der Hölle, um ihre Bewohner leiden zu lassen. Nun
    findet der Schmerz nicht nur im Sinne der Hirnforschung im Kopf statt - es ist die bewusste Erwartung, die
    schmerzt. Wird intensiver Heilungsschmerz als nahezu angenehm erlebt, der Lustschmerz des
    Masochisten gar als Glück, so ist der Schmerz eines Todkranken oder Gefolterten eine unerträgliche Pein.
    Der Körper, das Objekt des Schmerzes, ist einmalig - ein abgetrennter Arm beispielsweise würde nicht
    nachwachsen, und es können dem Körper vielerlei andere irreversible Schäden zugefügt werden. Über allem
    Schmerz schwingt die Angst vor dem Tode mit, die eigentlich eine Angst vor dem Sterben ist
    , - wenn sich
    der Gepeinigte bereits im Sterben befindet, schiebt sich die Angst über das Sterben hinaus in den Tod
    selbst; ein lebenskluger Märtyrer weiß diesen Prozess aufzuhalten, verliert die Angst, und sein Schmerz lässt
    nach.

    Das Scheußlichste, was der menschlichen Kreatur passieren kann, sind unzählige Wiedergeburten im Sinne
    der altindischen Reinkarnationslehre, wobei dieses Spiel, wie ein uns schon bekanntes, ebenfalls ohne
    Vergessen nicht auskommt. Das Leid, von dem man nichts weiß, ist nicht das Eigene. Wenn die unzähligen
    früheren Leben nicht einmal in der Tiefe der geschundenen Psyche verborgen sind, dann sind sie nirgendwo,
    und somit nicht.
    §14
    Gesetz zum Thema Ironie
    Spoiler
    Das Bemühen der praktischen Eschatologie, die Ewigkeit als daseiend, also zeitlich zu fassen, erfreuete sich
    des Misslingens, und es ist keinesfalls ein zynischer Ausdruck - der Irrtum, als Irrtum erkannt, ist die
    notwenige Voraussetzung der Wahrheit
    , welche nur auf dem überwundenen Irrtum begründet werden kann,
    und nicht aus dem Nichts unmittelbar ins Bewusstsein springt.

    Die phänomenalen Qualitäten des Diesseits lassen sich auf das Jenseits nicht ohne ad absurdum gehende
    Veränderungen übertragen; die Annahme der Ewigkeit und Unendlichkeit des Jenseits, die vorerst
    vorausgesetzt wurde, resultiert zwangsläufig aus dem gedanklichen Fortgehen ins Unendliche, wobei Kants
    Antinomie sich ihrer Gültigkeit im Jenseits erfreut: stellt man sich das Leben nach dem Tode als endlich und
    begrenzt vor, so kommt nach dem Leben nach dem Tode wieder ein Leben nach dem Tode, und so fort ins
    Unendliche. Die Reinkarnationslehre schiebt die Todesschranke nur auf, wie es bereits in der positiven
    Eschatologie der Fall war
    .

    Das weitere Vorgehen wird kein Schließen vom Bekannten auf Unbekanntes sein, da die Spekulationen
    dieser Art nun im Wesentlichen erschöpft sind. Die Gesetze des Bekannten auf Unbekanntes anzuwenden,
    hat sich als eine methodische Irreführung erwiesen; als wesentlich offenbart sich nun das dem Bekannten
    und dem Unbekannten Gemeinsame - der menschliche Geist. Die Eschatologie kann nicht über das Ich
    hinausgehen
    - das negative Moment der transzendentalen Eschatologie, im Buddhismus als Nirwana
    vorgestellt, verdient eine gesonderte Anmerkung, die später erfolgen wird - , denn ohne ein gleichbleibendes
    Subjekt ist keine Erfahrung bestimmter phänomenaler Qualitäten möglich
    . Das Subjekt ist diesseits und jenseits
    der Todesschranke dasselbe, weshalb seine eigentümliche Beschaffenheit die Bedingungen für
    transzendentale, erfahrunsglos gültige Erkenntnisse über das Jenseits hergibt.
    §15
    Experimenteller Text zum Thema Geheimnis
    Der transzendentalen Eschatologie erster Teil

    Spoiler
    Die transzendentale, der Identität der Person zugrunde liegende Einheit des Selbstbewusstseins, die sich
    selbst Ich nennt, ist durch seine Freiheit und seine Geschichtlichkeit gekennzeichnet. Das Ich ist das
    Bleibende im Wechsel seiner Erfahrungen
    ; denkt man die Ewigkeit unzeitlich, so findet der Wechsel nicht
    statt, und das Bleibende darin kann sich selbst nicht als Ich erkennen. Das Ich ist frei, weil es durch nichts
    als sich selbst verursacht und irreduzibel ist
    . Die Selbstverursachung widerspricht nicht im Geringsten dem
    Gedanken der Schöpfung durch einen überweltlichen Schöpfer, allein der Akt der Schöpfung ist nicht als ein
    dem Geschöpf fremder Akt zu denken; das Erschaffenwerden ist gleichsam als die erste autonome
    Handlung zu verstehen. Für die gegenwärtige Betrachtung reicht allerdings der Gedanke aus, dass das Ich
    durch nichts Gegenständliches außerhalb seiner Selbst verursacht wird, und sich selbst im spontanen
    Willensakt erschafft. So ist der Sprung vom Es zum Ich im Kindesalter
    nicht als ein Umschlagen der
    Quantität erlernter Fähigkeiten in eine neue Qualität, das Selbstbewusstsein, zu verstehen, sondern als eine
    Urzeugung
    , wie etwa die spontane Entstehung des Bewusstseins aus unbewusstem Leben.
     

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  3. #2 20. Juni 2011
    AW: Transzendentale Eschatologie

    §16
    Predigt zum Thema Religion
    Spoiler
    Denkt man dem Ich seine Geschichte weg, so bleibt ein Abstraktum übrig, ein Ich im Nichts des
    Bewusstseins
    . Kein medizinisch bekannter Fall eines Gedächtnisverlustes ist hier relevant, denn wäre dieser
    nur vollständig, so wäre die daran erkrankte Person der Welt völlig entrückt und hätte kein Selbstbewusstsein
    mehr. Anders das buddhistische Nirwana, das genau hier seinen logischen Ort hat. Die Erlösung vom Leid
    des Daseins
    , welches mit dem Selbstbewusstsein identisch ist, wird als das Eingehen des Ich ins Nichts
    vorgestellt
    . Das Nichts ist kein leerer Raum ohne Uhren, sondern die Negation allen Seins. So kann das Ich
    im Nirwana keine Erinnerungen an früheres Seiendes behalten, die ihm gegenständlich wären und sein
    Selbstbewusstsein aufrechterhielten. Alles Gegenständliche ist im Nirwana verschwunden, kein Objekt ist
    mehr vorhanden, und so erlischt das Subjekt. Freilich ließe sich dieses viel einfacher ohne abenteuerliche
    Moralvorstellungen und irrwitzige Mythen denken - wenn wir naturwissenschaftlich korrekt annehmen, dass
    wenn das Gehirn als Träger des Geistes nicht mehr funktioniert, das Ich dem Nichts gegenübersteht und zu
    existieren aufhört.
    §17
    Aufruf zum Thema Reinkarnation
    Spoiler
    Um nach dem Tode weiterzuleben, muss das Ich seine persönliche Identität, zu der seine Geschichtlichkeit
    gehört, beibehalten
    , wobei die Geschichtlichkeit ein transzendentaler Begriff ist und nicht die Bedeutung
    einer bestimmten Geschichte hat. Die zufällige Biographie ist nur eine Möglichkeit, die der Geschichtlichkeit
    entspringt, nicht die Geschichtlichkeit selbst. Gleichwohl gehört zur Geschichtlichkeit auch bestimmte
    Geschichte, so wie zum Wissen um Raum und Zeit als transzendentale Begriffe reiner Anschauungen, in
    denen Erfahrungen stattfinden können, konkrete Erfahrungen in Raum und Zeit gehören.

    Das Ich muss nach dem Tod in der Lage sein, geschichtliche Erfahrungen zu machen, sprich seine
    Erfahrungen in einem kontinuierlichen Nacheinander zu ordnen wissen. Bleibt allerdings nur die Möglichkeit
    über, ohne dass eine konkrete Geschichte ins Jenseits hinübergerettet wird, so wird das Ich
    in einem abstrakt
    unbuddhistischen (die formale Identität bleibt dem Ich erhalten, allein konkret weiß das Ich nichts davon und
    ist deshalb ein anderes) wie völlig unchristlichen Sinne wiedergeboren, so dass es nämlich ein Anderes wird.
    §18
    Experimenteller Text zum Thema Esoterik
    Spoiler
    Wie muss nun die Welt jenseits der Todesschranke beschaffen sein, um das autobiographische Gedächtnis
    eines Toten aufzunehmen? Die physikalische Beschaffenheit jener Welt ist nicht von Belang, denn der Tod
    hat die Vernichtung der physikalischen Datenbank
    , in der das autobiographische Gedächtnis gespeichert ist,
    zur Folge. Die jenseitige Welt muss also wesentlich geistiger Natur sein, was deren materieller
    Ausschmückung keineswegs im Wege steht.

    Das Ich darf ferner nicht von der einen in die andere Welt bloß kopiert werden, im Sinne einer Fotokopie
    oder Teleportation, sondern muss selbst den Weltwechsel vollziehen. Eine Übersetzung von einer
    bestimmten Qualität in eine andere ist ebenso unzulässig, denn nicht ein gleiches, sondern dasselbe Ich muss
    die Todesschranke passieren. Somit steht fest, dass auch die diesseitige Welt im Wesentlichen geistig
    beschaffen sein muss, dem Ich gemäß, so dass das Gehirn, und nicht das Ich, als ein Epiphänomen zu gelten
    hätte.

    Das Ich
    , selbst jenseits von Raum und Zeit, kann ohne seine Geschichtlichkeit nicht sein, ebenso nicht
    ohne einen Gegenstand seines Willens außerhalb seiner Selbst
    . Nicht die physikalische Raumzeit, sondern
    Raum und Zeit als Bedingungen gegenständlicher Existenz, dürften sich auch im Jenseits ihres Fortbestehens
    erfreuen.
    §19
    Erörterung zum Thema Forschung
    Spoiler
    Ein Leben nach dem Tod, sollte es dieses geben, muss ichgemäß beschaffen sein. Beliebigkeit ist durch die
    eigentümliche Beschaffenheit der zum Leben notwendigen Einheit des Selbstbewusstseins ausgeschlossen,
    jedoch ist mitnichten bewiesen oder wiederlegt, ob es ein Leben nach dem Tode gibt. Es ist nun zu klären,
    ob die Behauptung eines Lebens nach dem Tode eine Existenzbehauptung ist
    , wie die Aussage, es
    existierten weiße Einhörner, oder aber ein spekulativer Schluss, der auf apodiktischen Urteilen zu ruhen
    vermag.

    Die Endlichkeit des Menschen hat ihren Ursprung in der Sterblichkeit des Körpers; der Geist altert nicht und
    hinterlässt beim Tode der Person keine Leiche. Es ist davon auszugehen, dass der Tod eine Trennung von
    Geist und Körper ist, denn dieser Umstand ist bekannt; eine Aussage über die Fortexistenz des Geistes nach
    dem Tod lässt sich nicht empirisch überprüfen. Das Ich ist ein Ding jenseits von Raum und Zeit; Raum und Zeit
    sind im Ich, und nicht das Ich darin
    . Bedenkt man die daraus entspringende Idealität von Raum und Zeit,
    deren expliziter Beweis mit Kants transzendentaler Ästhetik bereits vorliegt, so offenbart sich der Körper als
    eine Vorstellung des Geistes
    ; der Tod wird als das Ende der körperlichen Existenz, die eine natürliche Basis für
    das Bewusstsein bildet, unwesentlich, wogegen das transzendentale Fortbestehen des individuellen
    Geistes vor das Problem der Unkenntnis nichtkörperlicher Daseinsformen gestellt wird.
    §20
    Erörterung zum Thema Bewusstsein
    Der transzendentalen Eschatologie zweiter Teil

    Spoiler
    Unter der idealistischen Prämisse stößt der spekulative Schluss vom Fortbestehen der Seele nach dem Tod
    auf einen faktischen Widerspruch durch die gegenständliche Inkommensurabilität des Diesseits mit dem
    Jenseits
    . Es kann überhaupt nur eine Welt geben, und eine Verdopplung der Welt kann nur ein logisches
    Moment sein, welches sich in der Einheit beider Teilwelten als das, was als Welt begriffen wird, nämlich die
    Allheit des Seienden, auflöst, was bedeutet, dass der Tod nur Schein, und kein wahrhaftes Sein ist.

    Die Todesschranke erfüllt, wie anfangs bemerkt, die logische Bestimmung einer Schranke, deren Sein das
    Hinausgegangensein darüber ausspricht
    . Dennoch kann über den Tod nicht hinausgegangen werden, solange
    der Hinausgehende selbst seiend ist. Wer über das Sein - die Wahrheit des Scheins - hinausgeht, muss das
    Sein für den Moment des Hinausgehens verlassen
    ; für den Seienden ist der Schein Sein, und nicht ohne den
    Rücktritt vom Sein aufzulösen.
    §21
    Erörterung zum Thema Selbstbestimmung
    Spoiler
    Das Sein ist als Ding an sich, über welches nicht hinausgegangen werden kann, dem Ich gegenüber
    selbstständig und widerständig. Der Tod ist
    die höchste Spitze des endlichen Seins, er ist das Sein des
    Endlichen
    , wie das Sein des Endlichen ein Sein zum Tode ist.

    Das Ich verhält sich zum Tode nicht anders als zum Sein selbst, also beim Schein nehmend und negierend.
    Da der Tod die Vollendung des Seins des Endlichen ist, ist die Negation des Todes die vollendete
    Negation
    , hiermit das wahre Sein des Selbstbewusstseins. Dieser Gedanke wurde im Existentialimus
    ausgesprochen, welcher das Sein des Ich als Rebellion gegen den Tod auffasste. Diese ausdrücklich
    willentliche Einstellung zum Tode ist durch die Beschaffenheit des Ich selbst gewollt; der Wille, der sich
    gegen den Tod richtet, ist keine Willkür, sondern der wahre Wille des seiner Selbst bewussten Lebens.
    §22
    Kommentar zum Thema Idealismus
    Spoiler
    Die Perspektive ist nun eine andere geworden, als zu Beginn der Erörterung, der noch nicht transzendental
    war, sondern sich auf eine phänomenale Perspektive gründete. So wurde anfangs untersucht, wie der Tod
    und das Leben nach ihm zu denken sei, hier jedoch steht die Frage, was der Tod ist, im Mittelpunkt. Anders
    als gemeinhin angenommen, bietet der Idealismus keine Basis für überschwängliches Schweifen in
    transzendenten Beliebigkeiten
    , vielmehr erlaubt er kein Herumschweifen um die bestimmten Begriffe mehr,
    was an der strengeren Art, in der diese Erörterung seit dem Einbruch des Idealismus gehalten ist, deutlich
    wird. Der Nachteil der idealistischen Perspektive liegt in ihrer Inkommensurabilität mit der phänomenalen
    Betrachtungsweise
    ; wir wissen nun, was der Tod an sich ist, können aber dieses Wissen nicht in ein
    lebensweltlich verwertbares Wissen übersetzen. Die Transzendentalwissenschaft von einem Gegenstand
    kann keine Auskünfte darüber geben, wie dieser Gegenstand als bloßes Objekt erfahren wird; der Begriff einer
    Sache sagt nichts darüber aus
    , wie diese riecht, schmeckt oder sich anfühlt.
    §23
    Erörterung zum Thema Angst
    Spoiler
    Nachdem der Tod mit klaren Begriffen erklärt wurde, ist es an der Zeit, der Angst vor dem Tode, dieser
    primären Motivation nahezu sämtlicher Handlungen im moralisch-praktischen sowie im lebenskünstlerischen
    Bereich, ins Gesicht zu sehen. Der Tod ist so beschaffen, dass er formal Bekanntes und inhaltlich
    Unbekanntes ist
    ; der Mensch weiß, dass es den Tod gibt, weiß aber nicht, was der Tod ist. Der Mensch weiß
    den Tod auch als das Aufhören seines Selbstbewusstseins, weiß aber nicht, wie er sich das Aufhören seines
    Selbstbewusstseins vorzustellen hat. Der Tod ist das Unbekannte schlechthin, das bekannte, das offenbare
    Unbekannte, ein Unbekanntes, welches eine Grenze des möglichen Wissens darstellt, - über den Tod hinaus
    kann man nichts wissen
    .

    Die resignative Wirkung des grell leuchtenden Unbekannten strahlt auf das Leben; das Wissen vom
    Nichtwissen, am Tode erkannt, bildet die Grundlage der kritischen Reflexion auf das Leben selbst
    , bekannt
    als erkenntnistheoretischer Skeptizismus sowie als Kynismus in der Lebensphilosophie. Das
    Hauptverwüstungsgebiet dieses Leuchtens der Dunkelheit ist zweifelsohne der ethisch-moralische Bereich.
    Anstatt an der Grenze zum Unerkennbaren als einem Gipfel der Erkenntnis das Erreichen desselben zu
    feiern, läuft der Mensch, vom Unbekannten zurückgestoßen, von Angst getrieben, in den Schoß der
    Intersubjektivität zurück, und bringt die frohe Kunde von der erreichten Grenze des Wissens als schlechte
    Nachricht von der Sinnlosigkeit des Lebens dorthin
    . Im transzendentalen Nihilismus wird diese
    vorauseilende Selbstzerstörung explizit thematisiert.
    §24
    Beschreibung zum Thema Seele
    Spoiler
    Die Angst vor dem Aufhören seiner Selbst ist dem Ich eigentümlich, sie ist gar als die Negation des Nicht-Ich
    die phänomenale Äußerung dessen, was das Ich an sich ist. Das Ich ist, in Erlebnissprache übersetzt, die Angst
    vor dem Tode
    . Es ist billig und denkfaul, hier auf die idealistisch gewonnenen Erkenntnisse über die Natur
    des Todes zu verweisen und an die Vernunft zu appellieren, man möge doch die Angst vor dem Tode fahren
    lassen. Die verdrängte Angst kommt sofort als Furcht zurück, sobald das Vergessen selbst vergessen wird.

    Man kann die Angst vor dem Tode nur überwinden, indem man stirbt. Es ist auch belanglos, ob beim
    Passieren des Todesschranke das Ich oder die Welt für einen zeitlosen Moment zu sein aufhört; ohne Objekt
    ist kein Subjekt, und ohne Subjekt ist kein Objekt. Der Moment des Todes ist zeitlos, da die Zeit selbst ein
    innerer Sinn des Subjekts ist, - die Zeit ist im Ich
    . Es ist widersinnig, zu fragen, wo denn die Seele im
    Moment des Todes sein wird, denn auch der Raum ist ein innerer Sinn des Subjekts, wobei der Raum wie
    die Zeit selbstredend Sinne für Äußeres sind, so wie der Tatstsinn ja nicht sich selbst, sondern alles ihm gemäße
    Gegenständliche außerhalb seiner Selbst ertastet.

    Es ist amüsant, bereits in den Meditationen des Cartesius, dass das vermeintlich abstrakte Ich bei näherer
    Betrachtung mit einer Art Leiblichkeit umfangen wird, zu der bestimmte Sinne und Vermögen gehören, ohne
    welche das Ich als Solches nicht zu denken ist. Um Selbstbewusstsein zu sein, muss das Ich empfänglich,
    empfindlich, vorstellend und reflexiv sein
    ; das Ich muss eine Art transzendentaler Sinnlichkeit als
    Voraussetzung jeder gegenständlichen Erfahrung mit sich führen, - der körperlose Geist ist nicht blind, sondern
    sehend, und er ist kein leeres Abstraktum, sondern bestimmtes Seiendes, sein eigentümlicher Leib ist die
    Seele.
    §25
    Bericht zum Thema Seele
    Spoiler
    Die Seele ist als bestimmtes Seiendes Substanz, das Ich kein leeres Subjekt. Nichts anderes ist mit der
    Auferstehung der Leibes im Christentum impliziert, als das Weiterbestehen des bestimmten individuellen
    Selbstbewusstseins nach dem Tode. Die kontingente Art der Leiblichkeit, ihre Chemismen und Biologismen
    tun nichts zur Sache; zum Begriff der Leiblichkeit gehört nichts weiter, als transzendentale Sinnlichkeit, das
    Vermögen, kontingentes Seiendes außerhalb seiner Selbst als Gegenstand des Wahrnehmens - nicht des
    Denkens - gegeben zu bekommen. Zur Leiblichkeit gehört das den Gegenständen der Sinnlichkeit gemäße
    Beschaffensein des konkreten Selbst, des Körpers der Person. Nicht der physische Leib ist zur Auferstehung
    bestimmt, sondern der Leib als Leib, das Konkretum der Persönlichkeit.

    Persönlichkeit meint freilich nicht eine bestimmte Fülle intersubjektiver Eigenschaften einer Person, sondern
    deren höchste Konkretheit, die eng mit deren Leiblichkeit verbunden ist
    . Das selbstbestimmte Aussehen
    eines Menschen ist also nicht eine bloße Frage des Stils, sondern eine Frage von höchster Intimität, die das
    Verhältnis der Person zu sich selbst zum Inhalt hat. Hier ist nun die Grenze des Psychologischen erreicht,
    und an dieser Grenze muss die Vernunft stehen bleiben, - das Psychologische ist ein Spielplatz des noch
    nicht vernünftigen, bloß reflexiven Verstandes
    und soll, unfruchtbar für die Vernunft, diesem weiterhin überlassen
    werden. Vom Interesse ist stattdessen die Auferstehung des Leibes im christlichen Glauben und inwiefern
    das Christentum über den bloßen Glauben hinaus eine transzendentale Eschatologie vorbereitet.
    §26
    Ansprache zum Thema Christliche Themen
    Der transzendentalen Eschatologie dritter Teil

    Spoiler
    Nicht zum Spaße ward oben die Rede vom Weiterbestehen des bestimmten individuellen
    Selbstbewusstseins nach dem Tode. Diese Formulierung offenbart, was sie verschleiert, - dadurch, dass
    sie einen bestimmten Umstand zu verschleiern im Stande ist, soll sie zur Offenlegung desselbigen
    dienstbar sein. Das Weiterbestehen einer Person nach dem physischen Tode unterschlägt die durch den
    Tod entstehende Diskontinuität im Sein der Person und stellt eine verdeckte Kontinuitätsbehauptung auf. Der
    Tod wird somit nur als eine Tür in eine andere Welt vorgestellt, und soll als Tod nicht wirklich sein
    . Dieselbe
    Vorstellung liegt den Mythen über die Seelenwanderung zugrunde, aber auch Gespenster sind dieser
    Vorstellung der Unwirklichkeit des Todes geschuldet. Ein gläubiger Christ, der solche Spekulationen für wahr
    hält, leugnet hiermit das Christentum, denn er will auferstehen, ohne zu sterben. Dem Christentum ist der
    Tod wesentlich; das Christentum ist der Glaube an die Auferstehung der Toten, und nicht an einen
    geheimen Schlüssel, der Türen zu anderen Welten öffnet.
    §27
    Erörterung zum Thema Christliche Themen
    Spoiler
    Die Auferstehung der Toten ist dem Christentum freilich nicht als exklusives Glaubensgut gegeben worden,
    vielmehr gibt es unzählige Religionen, die von der Auferstehung der Toten künden. Die Lebensgeschichte
    Jesu ist nicht einzigartig
    , - viele Mythen handeln von einem gestorbenen und wiederauferstandenen Gott.
    Nun aber ist Jesus nicht nur wahrhaft gestorben und auferstanden, sondern wahrhaft Mensch und wahrhaft
    Gott
    . Beides steht im christlichen Glauben in einem unmittelbaren Zusammenhang; wäre Jesus nur als ein
    Gott behauptet worden, so wäre seine Auferstehung nichts Besonderes
    , sie erinnerte vielmehr an die
    Jahreszeiten in gemäßigten Klimazonen. Stellt man sich Jesus als einen gewöhnlichen Menschen vor, so wird
    seine Auferstehung bestenfalls zum Mysterium, logisch betrachtet aber, zum Unsinn, zu einer
    abenteuerlichen, den Naturgesetzen widersprechenden Tatsachenbehauptung.

    Die Kirche hätte nicht auf Petrus, sondern auf dem ungläubigen Thomas gebaut werden müssen; nicht der
    feige aber treue Fanatiker, sondern der Zweifler, der nicht bloß glauben, sondern wissen will, der nicht auf
    den Glanz, sondern auf die Wunden seines Gottes schaut, dient der göttlichen Offenbarung. Nicht der am
    Lautesten lobgepriesene Gott ist der wahre Gott, sondern der, der an sich zweifeln lässt, die Vernunft nicht
    verbannt
    . Freilich stellt sich die Frage, wozu dann glauben, wenn man endlich weiß, jedoch ist Gewusstes
    und Geglaubtes keinesfalls identisch; so wie jedes auf sich logische Schlüsse gründende Wissen die Gültigkeit
    der Logik transzendental voraussetzt, muss der als Gott gewusste Gott sich erst durch seinen Willen als
    Gott offenbaren
    . Das Offenbarte mag die Vernunft als wahr erkennen, die Offenbarung selbst ist ein Akt des
    Willens, also der Freiheit, und nicht der Notwendigkeit.
    §28
    Kommentar zum Thema Schöpfung
    Spoiler
    Es gibt also nichts, woraus die göttliche Offenbarung logisch folgen müsste. Der Gott der Christen ist nicht
    pantheistisch zu fassen, er ist nicht eins mit der Welt, sondern außerhalb der Welt. Die Ursache allen
    Seienden, der Schöpfer der Welt, ist nichtseiend, da er als seiend Geschöpf wäre; er ist selbst ungeschaffen
    und erschafft die Welt aus seinem freien Willen, aus dem Nichts. Der Deismus der Aufklärer ist durchaus
    kein höflicher Atheismus, wobei nicht der Anfang der Welt für den christlichen Glauben entscheidend ist, -
    eschatologisch kann er sogar vernachlässigt werden.

    Gott erschöpft sich nicht in der Erschaffung der Welt, sondern er setzt sich selbst als der Endzweck der
    Welt, er wird Mensch. Die Menschwerdung Gottes ist das wahre Geheimnis des Christentums, ein
    Geheimnis, in welchem die Einzigartigkeit dieses Glaubens verborgen ist. Da Gott Mensch wurde, muss der
    Mensch Gott werden
    , aber nicht im technokratischen Sinne, sondern so, dass er durch das Nichtsein
    schreiten muss
    . Gott stirbt, um Mensch zu werden, und der Mensch muss durch das Nichtsein
    hindurchgehen, um Gott zu werden. Gott ist das Absolute; phänomenal wird dieses als höchste Glückseligkeit
    erlebt, als das Ewige Leben.
    §29
    Beschreibung zum Thema Gott
    Spoiler
    Erst mit dem Kreuztod Jesu offenbart sich also der Sinn des Todes; über den Sinn des Lebens vermochten
    Denker aller Zeiten verschiedenste Gedanken anzustellen, der Tod aber brachte sie mit seiner Sinnlosigkeit
    zum Verzweifeln. Nun aber wird deutlich, dass der Mensch als Seiendes von Gott getrennt ist, und mit Gott
    nur eins werden kann, indem der das Nichtsein erfährt
    . Die Offenbarung vom Sinn des Todes und die
    Erlösung der Menschheit von der Todesangst war keine logische Notwendigkeit, sondern, wie die
    Erschaffung der Welt, ein freier Akt des göttlichen Willens. Gott verhält sich zum Menschen nicht unpersönlich,
    nicht als die Natur oder als das Gesetz, vielmehr als ein freies Subjekt, und die Gottebenbildlichkeit des
    Menschen besteht einzig in seiner Freiheit
    . Es ist sehr optimistisch, die menschliche Vernunft als der
    göttlichen gemäß zu begreifen, und die Logik als Denken wie Gott. Die Freiheit allerdings ist nur eine Einzige,
    und zwar die absolute Freiheit, welche darin besteht, autonome Ursache des eigenen Willens zu sein. Der
    gemeine Verstand wird eher die Logik zum Kriterium der Gottebenbildlichkeit erheben, was nicht ganz
    unberechtigt ist, da Gott doch der Logos ist, und am Anfang das Wort war, aber die Bedingtheit der Gültigkeit
    logischer Gesetze durch eine ihnen vorausgehende willentliche Setzung ihrer Gültigkeit wird allzu bereitwillig
    vergessen.
    §30
    Beschreibung zum Thema Freiheit/ Unfreiheit
    Spoiler
    Gott und Mensch verhalten sich zueinander als absolut Freie. Die Freiheit im Nichts ist aber eine Freiheit zu
    nichts, und so muss es ein Reich der Notwendigkeit geben, damit sich die Freiheit entfalten kann. Die
    Naturgesetze werden durch die Wunder Jesu also keinesfalls außer Kraft gesetzt, und Jesus ist
    ausgesprochen geizig an Wundern, was nur bedeuten kann, dass sie die Freiheit als das Wesentliche, und
    die Notwendigekeit als das Unwesentliche aufzeigen sollen. Es lag einzig in der Freiheit des Gottmenschen,
    die Menschen diese Wunder sehen zu lassen, - sie waren weder zur Menschwerdung Gottes noch zur
    Erlösung der Menschen vor dem Tode notwendig.

    Das Moralische ist für alle Religionen nicht aus dem Grunde wichtig, der sie zum Opium des Volkes oder
    zum Herrschaftsmittel bestimmt, sondern allein aus dem Grund, dass der Mensch sich im moralischen
    Handeln nicht nur zu anderen Menschen, sondern auch zu Gott verhält, indem er absolut frei handelt
    . Die
    Umstände der moralischen Handlung sind nicht das Bestimmende, sondern die Materie, in der sich die
    Freiheit zu entfalten hat; gäbe es keine Bedürfnisse, keine Gelüste, keine psychologischen Dispositionen und
    keine äußere Gewalt, so verkäme die Freiheit zur Beliebigkeit
    , und der Wille erschöpfte sich im bloßen Wollen,
    ohne sich äußern zu können.
     
  4. #3 20. Juni 2011
    AW: Transzendentale Eschatologie

    §31
    Erörterung zum Thema Moral
    Spoiler
    Der Mensch ist, was er tut, und tut, was er ist. Das Tautologische hierin ist nur die Form, in der das
    Verhältnis eines Subjekts zu sich selbst erscheint. Dieses Verhältnis ist nicht bloß tautologisch, sondern
    reflexiv; der Mensch ist nicht bloß, sondern er wird, er wird daran was er tut zu dem was er ist, tut aber auch
    dadurch, was er geworden ist, das, was er tut. Das Böse kommt freilich durch die Zwecke, die der Mensch
    sich setzt, in seine Handlungen
    . Setzt er sich endliche Zwecke, ist ihm alles außer seiner Selbst nur Mittel
    zum Zweck, was erst dann aber die Höhe und Würde des Bösen erreicht, wenn der Mensch sich die endlichen
    Zwecke absolut setzt, - eine aufschlussreiche Formulierung, die erkennen lässt, dass der Mensch, in dem er
    sich seine endlichen Zwecke absolut setzt, zugleich sich selbst in diesen Zwecken zum Absoluten bestimmt
    .

    Der Mensch, der seine endlichen Zwecke endlich setzt, ist der gewöhnliche Alltagsmensch, und steht in
    keinem moralischen Verhältnis zu niemandem. Niemand wird dadurch böse, dass er ein Glas Wein trinkt,
    wenn aber das Weintrinken ihm das Höchste ist, dann setzt er seine Freiheit in ein Objekt und erniedrigt sich
    dadurch zum Herrn der Fliegen. Gleichwohl zeugt die unbestechliche Selbsterniedrigung, die unerbittliche
    Verweigerung Gottes als Endzweck, das Beharren auf sich selbst, und die Demonstration dessen in der
    Setzung seiner Freiheit in alle vorstellbaren niedrigen Dinge, von einer Willensstärke, die dem gemeinen
    Alltagsmenschen beim besten Willen nicht zu unterstellen ist, - die Blindheit des Alltagsmenschen für das
    Absolute ist nicht seiner Bosheit, sondern vielmehr seiner Tierhaftigkeit geschuldet
    .
    §32
    Kommentar zum Thema Glück
    Spoiler
    Aus dem oben Gesagten wird nun deutlich, dass das Ewige Leben sowie die Verdammnis nicht erst all
    Vollzug göttlicher Rechtsprechung nach dem Tode beginnen, sondern selbstgewählt mitten im Leben
    anfangen
    . Es zeugt von einer erbärmlichen Phantasiebegabung, sich jene Menschen, denen das Ewige
    Leben zuteil wurde, als dauergrinsende Idioten vorzustellen, - es kann der grimmigste oder ärmste Mensch
    sein, der, obwohl er seelische und körperliche Not leidet, gleichwohl in seinem Herzen erlöst ist und sich des
    höchsten Glücks erfreut.

    Das wahre Leben fängt also nicht erst mit dem Tod an, sondern schon davor, - erst angesichts der
    Überwindung des Todes wird aber die Vollkommenheit erreicht; vor dem Tode ist der Mensch ein Sterblicher,
    nach dem Tode ein Unsterblicher
    , - ein Satz, der die froheste Botschaft und die höchste Spitze des Zynismus
    gleichermaßen enthält.
    §33
    Ansprache zum Thema Gott
    Spoiler
    Die Eschatologie ist nicht beliebigerweise eine theologische Disziplin, sie ist aber auch der Punkt, an dem
    sich die Theologie und die Anthropologie berühren. Die Wissenschaft vom Tode verbindet die Wissenschaft
    von Gott mit der Wissenschaft vom Menschen, weil ihre Gegenstände sich gleichermaßen zueinander
    verhalten. Erst angesichts des Todes steht der Mensch dem Absoluten, Gott gegenüber. Ein Leben ohne
    Tod wäre ein gottloses Leben
    .

    Als ein abstrakt Absolutes ist Gott dem Menschen genauso feindlich wie der Tod, darum war das historisch
    erste religiöse Verhältnis des Menschen die Gottesfurcht. Fürchte nur mich, war das göttliche Gesetz des
    abrahamitischen Bundes, und dieser Gott war ein gegenüber allen möglichen Quellen der Furcht eifersüchtiger
    Gott. Siehe, ich bin tot, sagt der Mensch gewordene Gott des neuen und ewigen Bundes, also sollst auch
    du dich vor dem Tod nicht fürchten. Das Christentum erweist sich als die den transzendentalen
    Voraussetzungen der menschlichen Seinskondition einzig gemäße Religion
    , die aber ihrem eigenen Anspruch
    nach nicht verwaltet, sondern gelebt werden will. Der Mensch gewordene Gott kündet nicht von einer
    weltlichen Macht der Kirche, sondern von der Zerstörung des Tempels. Gott stirbt den peinlichsten Tod, um
    den Menschen von seiner Pein zu erlösen; er zeigt sich als das ins Endliche eingebrochene Unendliche, er
    ist die absolute Gewissheit und kein Objekt vom Glücksspiel etwa eines Pascal. Die transzendentale
    Eschatologie verhält sich nun zur Religion wie die Naturwissenschaft zur Technologie. Die Wahrheit des
    Christentums ist transzendental möglich; ob sie für den einzelnen Menschen wirklich wird, entscheidet allein
    dessen freier Wille
    .

    Die Wahrheit des Christentums ist die Wahrheit vom Tod Gottes, die der Nihilismus allerdings nur als
    Halbwahrheit an sich nimmt, indem er den Tod nur halb nimmt, nämlich als bloße Rückführung des Seienden ins
    Nichts
    , nicht wissend, dass aus diesem scheinbaren Nichts, welches in Wahrheit Gott ist, das Seiende
    bereits entstanden ist und genauso wiederentstehen kann. Gott ist tot, und darum hat auch der Mensch den
    Tod nicht zu fürchten
    .
    §34
    Bericht zum Thema Nihilismus
    Transzendentaler Nihilismus

    Spoiler
    Religion ist das Verhältnis des Menschen zum Tode, die Verweigerung dieses Verhältnisses ist der
    Nihilismus
    . Der Nihilismus hält das Nichts des Todes fest, ohne das Leben zum Tode loszulassen. Infolge
    dessen bestimmt sich das nihilistische Verhältnis zum Tode als eine exponentiell wachsende Furcht, zur
    Sterblichkeit als quälende Ungeduld, zum Leben als Nostalgie. Der Nihilismus betrachtet das Leben von der
    Zukunft her, er sieht alles angesichts dessen zukünftigen Nichts
    . Der Satz, dass Gott tot ist, bedeutet im
    Nihilismus nicht, dass Gott den Tod besiegt hat, sondern dass der Tod Gott besiegt hat, also das Nichts
    den Willen, die Substanz das Subjekt. Folglich kennt der Nihilismus auch keine Freiheit, da doch alles vom
    Tod zum Tode bestimmt ist
    .
    §35
    Beschreibung zum Thema Nihilismus
    Spoiler
    Im Bewusstsein dessen, dass der Tod als absolutes Ende allen Seins in der Zukunft unvermeidlich
    eintreten wird, wird die Tatsache, dass er in der Gegenwart auf sich warten lässt, zum Todesurteil.
    Unbewusst handelt der Nihilist frei, indem er sein Schicksal in die Hand nimmt und agiert, wobei er sein
    Agieren als ein Reagieren erlebt. Bevor er vom Tode zerstört wird, zerstört er sich selbst, und diese
    vorauseilende Selbstzerstörung wird in einer nihilistischen Kultur zum pseudoreligiösen Ritual.

    Es ist nicht das Zufällige, dessen Zerstörung durch den Tod als ungeheuerlich erlebt wird, sondern das
    Innigste
    , - das, was geliebt wird, nicht das, was besessen wird. So erleben wir eine ungewöhnliche Zärtlichkeit
    gegenüber dem Eigentum, wohingegen der Leib, die Seele und die Würde des Menschen einer kulturell
    gewünschten Zerstörung anheim fallen. So stellt sich im Spielfilm "Dreizehn" aus dem Jahr 2003 die
    Emanzipation - die Befreiung von der Herrschaft des elterlichen Willens zum eigenen Willen - eines Kindes
    wahrheitsgemäß als eine selbstzerstörerische Bewegung dar. Kaum taucht der eigene freie Wille auf, schon
    wird das Leben mit ihm unerträglich, und der Wille wendet sich gegen das Leben
    . Es könnten freilich andere
    Formen der Befreiung des Willens gewählt werden, als die Form des Bösen, des Setzens endlicher Zwecke
    über die eigene Würde, zumal es keinesfalls das Gute ist, sondern ein zufälliger Wille, von dem die Befreiung
    sich zu vollziehen hat, allein wird der eigene freie Wille schlagartig zu diesem unerträglichen Guten, dieser
    Unendlichkeit, der die Negation schließlich gilt.
    §36
    Kritik zum Thema Kultur
    Spoiler
    Die transzendentale Voraussetzung für den Nihilismus liegt in der Verweigerung der Unendlichkeit dem
    eigenen Verstande, der Verabsolutierung des Verstandes und seiner Setzung anstelle der Vernunft
    , zu der
    man den Verstand nicht aufsteigen lässt. Eine bärendienstliche Vorarbeit hierzu leistet Kants
    Transzendentalphilosophie, die, um die Mannigfaltigkeit der Dinge - verdeckt mit dem Feigenblatt des Dings
    an sich - nicht dem auflösenden Widerspruch auszusetzen, den Tod aus der Natur in den menschlichen
    Geist verbannt.

    Um den totalitär gewordenen Nihilismus unserer Kultur zu überwinden, muss man seine transzendentalen
    Voraussetzungen verstehen. Nicht zufällig befördert diese Kultur Atheismus und Götzendienst und will den
    Geist des Christentums gleichsam ausrotten. Die christlichen Kirchen sind ein Teil dieser nihilistischen
    Kultur
    , und darum handelt es sich beim Kulturkrieg der öffentlichen Meinung gegen die Kirche um einen
    Scheinkrieg, denn sobald die Kirche sich bereit erklärt, alles eigentümlich Christliche fahren zu lassen, wird
    sie, oder vielmehr all das Redundante und Zufällige, das Unchristliche bis Antichristliche an ihr, wieder zu
    einer sinnstiftenden Institution dieser Gesellschaft werden
    .
    Beschluss der transzendentalen Eschatologie
    Ansprache zum Thema Nihilismus
    Spoiler
    Die Eschatologie erwies sich in ihrer transzendentalen Erörterung als keine einzelwissenschaftliche, sondern
    eine der Wissenschaft vom Absoluten zugehörige, also philosophische Disziplin. So wie die Funktionsweise
    der Atombombe ohne ein adäquates Studium der Physik nicht zu verstehen ist - gleichwohl ist das geschäftige
    Wie dem :crazy: leicht erklärt, für das kindliche Warum bedarf es der Kenntnis der Grundlagen - , ist die
    Eschatologie ohne ihre philosophischen Voraussetzungen nicht zu begreifen. Es ist eine Gnade Gottes,
    dass es keiner philosophischen Bildung bedarf, seiner Offenbarung teilhaftig zu werden; da eine Handlung
    aus freiem Willen nicht dem Gesetz der Notwendigkeit unterliegt, kann sie unmittelbar
    - ohne hinreichendes
    Studium dieser Gesetze - verstanden werden. Ebenso findet die Liebe nicht erst mit der langen und harten
    Fortentwicklung des endlichen Verstandes zur unendlichen Vernunft Eingang ins menschliche Leben,
    sondern ist in diesem unmittelbar vorhanden, und dem Nihilismus ist allein schon aus der Intuition, die
    besagt, dass er sich als die Negation der Liebe verhält, der Selbstliebe halber abzuschwören.

    Autor .
    Quelle .
    Der gesamte Text ist Eigentum des Autors.
     
  5. #4 21. Juni 2011
    AW: Transzendentale Eschatologie

    Schön mal einen etwas anspruchsvolleren Text hier zu finden.
    Wenn du mich schon explizit erwähnst, fühl ich mich natürlich herausgefordert. ;)

    Der Text ist irgendwie ambivalent. Interessant formuliert, aber mir fällt es schwer daraus eine Art Fazit mitzunehmen. Zunächst einfache erkenntnistheoretische Feststellungen: Der Tod als Grenze zum Unbekannten usw. Dann das Durchspielen verschiedener Jenseits-Vorstellungen und deren innerer Logik. Da würd ich durchaus noch mitgehen. Die Erfahrung von reinem und unendlichen Glück ist für uns kaum vorstellbar, da wir nur glücklich sein können, wenn wir das Glück auf konkrete Ereignisse/Leistungen o.ä. beziehen können. Allerdings muss dieser Vorbehalt natürlich nicht im Jenseits existieren.
    Bei der Debatte um cognitive-enhancement spielt das übrigens auch eine Rolle, die ich für deutlich relevanter halte. Theoretisch ließe sich der erwähnte "Vorbehalt" genauso wie das Glücksempfinden durch künstliche Herbeiführung entsprechender Hirnzustände herstellen. Die Natur ist kein Geschenk Gottes, sondern selbst voller Fehler. Abgesehen von einer gesunden Skepsis über unsere Fähigkeiten in dem Bereich seh ich keinen Grund diese Fehler nicht zu "korrigieren".

    Völliger Unsinn sind leider die Passagen mit der wohl an Kant orientierten Idee der freien autonomen Willensschöpfung in Bezug auf die Moral und das Reich der Zwecke. Was ich davon halte sollte im Thread zu Metzinger klar geworden sein. Auch die Moral ist keine andere Welt, sondern entspricht diversen materiellen neuronalen Korrelaten. Alles durch Studien & Krankheitsfälle bestätigt.
    Außerdem finde ich inkonsequent den Agnostizismus als Basis zu postulieren. Die Beweislast für Gott oder ein Leben nach dem Tod liegt schließlich vollständig auf Seiten der Theisten. Ich würde also eher eine Art agnostischen Atheismus vorschlagen, der sich kein endgültiges Urteil erlaubt, aber von Wahrscheinlichkeiten ausgeht.
    Mein Lieblingszitat zum Tod:
    "Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr." (Epikur)
     
  6. #5 21. Juni 2011
    AW: Transzendentale Eschatologie

    In dem Teilbereich stimme ich völlig mit dir überein, einzig über die künstliche Herbeiführung eines Todeszustandes, wenn ich das richtig verstanden habe, bin ich unschlüssig. Immerhin ist der Tod ja mit einem Hirntod verknüpft, das heißt, dass ein künstlicher Zustand einen vorübergehenden Hirntod simulieren müsste und ob das möglich ist, weiß ich nicht, beziehungsweise müsstest du mir erläutern, wenn du dies gemeint hast.

    Den Thread habe ich mit Interesse verfolgt und habe mir das von dir genannte Buch bereits bestellt. Auch deine Beiträge zum Thema "freier Wille" waren mir sympathisch, auch wenn ich nur wenig überflogen habe, aufgrund umfangreichen Zeitmangels. Aber das lässt sich ja nachholen.

    In Sachen Moral, beziehungsweise eher dessen "Unseite", lese ich momentan das Buch "Unmoral", dessen Ansatz ich schon sehr richtig finde und das mir bisher einleuchtend und frei von Geschwafel dargelegt wurde.

    Beweisen kann man in dieser Hinsicht sowieso nichts, da es alles eine Glaubensfrage ist. So sehe ich das persönlich, weshalb ich mich aus enthusiastisch geführten Religionsdiskussionen auch meist vornehm zurückhalte, da sie keinen Erkenntnisgewinn mit sich bringen.

    Zum Glück geht dieser Text auch von Wahrscheinlichkeiten aus und bietet keine absolute Kreation, die ähnlich einer religiösen Antwort auf derartige Fragestellungen aufgebaut ist.

    Nunja, das ist etwas, was viele nicht so sehen. Wie im Text ja bereits genannt und empirisch mit Sicherheit vielfach belegbar, ist der Mensch ein ängstliches Individuum.

    Hierzu habe ich einige Zeilen in einem anderen Thread geschrieben, in denen ich das Problem grob vereinfacht habe, es meine Ansichten zu der Angst als eine (der wichtigsten) Antriebsfedern des menschlichen Daseins aber nicht schmälert.


    Vielen Dank für (schnelle) Lesen! Damit bist du mir inhaltlich noch voraus, ich hoffe ich finde noch in dieser Woche die Zeit, diese Lektüre abzuschließen.
     
  7. #6 22. Juni 2011
    AW: Transzendentale Eschatologie

    Die tatsächlichen phänomenalen Erlebnisse beim Hirntod und evtl. danach kann man nur herstellen, wenn man den Hirntod selbst herbeiführt. Allerdings kann man bestimmte bekannte Momente davon herausgreifen. Viele Berichte über Nahtod-Erfahrungen erzählen von einer OOBE (out-of-body-experience). Diese konnte man mittlerweile schon im Labor bei Versuchspersonen per externer Hirnstimulation erzeugen. Dass hingegen sowas wie der ewige Glückszustand etwas mit dem Jenseits zu tun hat ist natürlich reine Spekulation. Starke Glückgefühle bei Nahtod-Erfahrungen könnte man auf eine Abwehrreaktion des Körpers gegen die extremen Schmerzen zurückführen. Metzinger stellt in seinem Buch die These auf, dass im Falle einer OOBE das Selbstmodell, welches das Gehirn vom eigenen Körper erzeugt und z.B. zur Koordination von Bewegungen nutzt, sich vom physikalischen Körper verselbstständigt und daher dieses oft als geistartig bzw. aus Flüssigkeit oder Gas bestehend beschrieben wird. Dieses Auseinanderfallen der eigentlichen Einheit könnte auch zur Vorstellung einer den Tod überdauernden "Seele" beigetragen haben.
    Was die Religionen angeht so wäre bei den asiatischen Religionen glaube ich deutlich mehr zu holen als beim Christen- bzw. Judentum. Darum versteh ich den Schwerpunkt auf das Christentum in dem Text nicht wirklich. Bei Buddhismus & co muss man nur aufpassen inwiefern die religiösen Inhalte nicht zur Legitimation dienen (können) die Handlungsfreiheit der Individuen unzulässig einzuschränken.
    Sieht interessant aus. Kannst ja berichten wenns dir wichtige Erkenntnisfortschritte gebracht hat. :)
    Ich warte gerade sehnsüchtig auf diesen Sammelband: "Die Moral in der Kritik"
    Bisher fand ich die interessensbasierte Ethikbegründung von Michael Schmidt-Salomon am überzeugendsten.[Link]
    In meinem persönlichen Leben beschäftigt mich zur Zeit die Frage wie wohl das beste Verhältnis von aufgeklärtem Hedonismus und ethischem Handeln ist. Man kann zwar argumentieren, dass ethisch handelnde Menschen zusätzlich sich selbst glücklich machen, aber das trifft glaub ich nur für ein bestimmtes Maß zu. Unsicher bin ich mir vorallem bzgl. dem Maß der gebotenen Selbstdisziplin.

    Angst kann sich auf so viele Dinge beziehen, dass man kaum allgemeine Lösungen formulieren kann. Die "Angst vor der Freiheit" (Erich Fromm) lässt sich sicher durch den Abschied von der Willensfreiheit mindern. Sowas wie die ökonomische Abstiegsangst beruht jedoch auf realen Gefahren und erfordert politische Lösungen. Man darf sich davon nur nicht zu sehr lähmen lassen. Gegen die Angst vor dem Tod find ich die Einstellung von Epikur sehr hilfreich. Man muss sich das wirklich bewusst machen, auch wenns nicht leicht ist. Es gibt es keinen Grund irgendeine Bestrafung ala Hölle nach dem Tod anzunehmen und auch muss man keine Angst haben die schönen Erfahrungen des Lebens nicht mehr machen zu können, weil man nach dem Tod weder Erinnerungen daran noch Verlustschmerzen spüren wird. Ohne Vertröstungen auf ewiges Glück im Jenseits lassen sich Ungerechtigkeiten im Diesseits schwerer aufrechterhalten und allgemein führt die Einsicht in ein endliches Leben dazu, dieses mehr wertzuschätzen.
     
  8. #7 22. Juni 2011
    AW: Transzendentale Eschatologie

    Ersteres ist schon länger bekannt, dass eine künstliche Simulation möglich ist, war mir bis jetzt unbekannt.

    Der Großteil des Textes ruht eben auf spekulativer Basis, was ja nicht verkehrt ist, denn wenn er ständig Absolutheiten postulierte, wäre es ein grausames Beispiel für ein Gedankenkonstrukt über das Jenseits und dessen Qualitäten.

    Das Gleiche wird meinem Empfinden nach auch in einer Passage des Textes angedeutet oder verstehe ich Metzinger darin falsch, dass er sagt, dass der Körper eine Art "Vorstellung" und "künstlicher Avatar" des Geistes sei.

    Das Nichts oder den Nihilismus, der eng mit dem Nirwana des Buddhismus verbunden ist, streift er nur leicht, ebenso wie den indischen Reinkarnationsapparat. In meinen Augen ist dies aufgrund der minderen Existenz dieser Theorien in der westlichen Hemissphäre, sowie auf Basis der als negative Momente deklarierten Jenseitsideologien. Die Beschreibung der fortwährenden Reinkarnation als "wahre Höllenqualen" liefert wohl den Grund, dort nicht weiter anzusetzen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass viel auf die Erfüllung der hedonischen Qualität des Glücks aufgebaut ist.

    Beim Nihilismus ist mir die Spekulationstiefe noch nicht so gewahr, da er doch schlussendlich nur das Ende jeglicher Existenz nach dem Tode annimmt. Aber vielleicht liege ich auch hier etwas falsch, beziehungsweise bin mir der verschiedenen Dimensionen dessen nicht bewusst (aufgrund mangelnder Beschäftigung mit dem Nihilismus), und du kannst mich da ein weiteres Mal aufklären.

    Zu diesem Teil werde ich vielleicht heute Abend Stellung nehmen können, da ich den Tag über durchgängig unterwegs sein werde und keine Zeit habe. ;-)


    Lösungen, die beanspruchen als absolutes System aufzutreten, stehe ich generell skeptisch gegenüber, dass man nicht alles allgemein halten kann, ist wohl nachvollziehbar oder sollte es zumindest sein. Lösungen können immer nur stückweit genutzt werden und in ihrer Vielfalt ein Puzzle ergeben, allerdings schließt dies nicht die Vielzahl anderer Puzzle aus, die sich aus ähnlichen und anderen Lösungen ergeben können. Ich habe die Angst auch nicht als Lösung der menschlichen Probleme allgemein hinstellen wollen, falls es den Eindruck erweckt haben sollte.

    Hier ist dann die Frage, inwieweit der Mensch innerlich einen Mittelweg zwischen biologischer Bevormundung und erwünschter Bevormundung von Außen - immer nur teilweise natürlich - erstreben kann, denn dass der Mensch sich selbst bewusst sein und sich selbst nach eigenem Willen steuern will, sollte der Gesinnung der Mehrheit der Menschen entsprechen. Aber dieser Teil findet auch ausführlich in deinem Thread zur Willensfreiheit statt.

    Eine Kombination aus den hedonischen Qualitäten und der Gleichung "Jenseits = Nichts", deren Anziehungskraft ich durchaus nachvollziehen kann.

    Hier muss man ansetzen, um das Miteinander der Menschen zu ändern, denn wenn allgemein bewusst ist, dass es kein Leben nach dem Tode gibt, dann sind unmoralische Akte noch mehr zu verurteilen, als ohnehin schon. Das hängt aber wieder davon ab, ob das eigene Weltbild idealistisch geprägt ist oder man der Meinung ist, dass schon jetzt jeder bekomme, was er verdiene und er selbst dies ändern solle und nicht jemand anders. Dass letztere Einstellung eigentlich auf Widerwärtigkeit und Unmenschlichkeit fußt, sollte ersichtlich sein.
     
  9. #8 26. Juni 2011
    AW: Transzendentale Eschatologie

    tjoar, Versuch: Wandelung eines Dialoges in einen Trialog.

    Nachdem ich den Text durchgelesen hatte hatte ich hauptsächlich eine Frage im Kopf: was will der dichter uns damit sagen? Ich sehe viele Punkte angeschnitten, viele denen ich widersprechen möchte, einigen zustimmen, aber ich weiß nicht recht ob ich es tun soll, weil ich selbst nich weiß ob der autor z.b. widersinnige textstellen selber verworfen hat. Will sagen: ich sehe seinen Punkt nicht. aber das nur nebenbei.

    Was ich interessant finde ist das, was er erst sehr spät (§19) beginnt zu tun und dies auch nicht ausführlich tut. Zu fragen, gibt es denn so etwas? Bzw. richtiger wäre die frage und das finde ich eigentlich interessant:
    Soll man denken, dass es ein Leben nach dem Tod gibt oder nicht? Erst wenn dies geklärt ist, und die Lösung gefunden ist, ja man soll, dann kann man sich über das weitere gedanken machen. Denn ansonsten stößt mir z.B. folgender Satz auf:
    Da würde ich sagen: nö. das ist nicheinmal unmöglich. die frage nach dem was ist jenseits ist falsch. Woher weiß ich denn, dass da was ist? offensichtlich wenn sagt man in Wahrheit, dass wenn man die Qualität nicht bestimmen kann weil niemand dort bewusst hin kann, dass dort aber etwas existiert! Das ist nicht unbedingt eine Qualität aber immerhin eine Aussage...unbegründet. nicht mal erwähnt, dass es spekulativ ist.

    Mal abgesehn, davon würde zumindest jedem kath. Theologen (wie das bei katho. ist weiß ich nicht) die Ohren schlackern, wenn man die Abhandlung über Gott liest.
    Außerhalb der WElt... das würd nicht mal nen negativ theologe sagen, eine gottlose welt anscheinend.

    Zu äußerung:
    möchte ich auch etwas sagen, aber nur weil sie mir ein so schönes Sprungbrett ist. Wieso haben Theologen eine Beweislast? Wie Creative richtig sagte ist das eine GLaubensfrage. Genaus ist es eine Glaubensfrage an Leben nach dem Tod zu glauben oder nicht.

    Was aber bei weitem keine Glaubensfrage ist, ist zu fragen ob es vernünftig ist an Gott zu glauben oder unvernünftig.

    Will sagen ist es vernünftig an eine Eschatologie zu glauben oder ist es unvernünftig. Sofern das ergebnis ist, dass es nicht unvernünftig ist, kann weiter ersonnen werden.

    Wobei ab dort für mich eigentlich das gleiche anfängt wie bei Creative mit dem HEraushalten.

    Im Text wird immer so schön gesagt, dass man keine Erfahrungen keine Emperie zum Tod haben kann, machen kann. WEr berichtet denn schonüber seinen Tod. VOn daher Spekulationen, aber jede Aussage wird doch dadurch verwässert, dass ich sie mit meinem GEist treffe, derjenige der schon seitdem ich denken kann vom diesseits geprägt ist. Wie soll ich mich denn aufeinmal umdrehen, wenn ich die schatten sehe? ich kann nicht anders. und wenn doch sehe ich nicht mehr als ein spiegelbild, nunja ich würde eher sagen ein Hologramm meiner Vorstellungen/Ängste/Erfahrungen.

    Der Anspruch den diese Überlegungen haben können, können aus meiner Sicht nur sein, dass ich sie nicht verneinen kann. WObei noch lange nicht gesagt, ist, dass irgendwer recht haben muss oder gar kann, wie mit diesem unglückseeligen Lottobsp. im Text. Wenn ich mein Geheimlotto von Tiernamen mache und ihr alle tippt 7 Zahlen, tja dann gewinnt nie einer was, auch nicht mit Glück...
     
  10. #9 26. Juni 2011
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 15. April 2017
    AW: Transzendentale Eschatologie

    Ein ausgezeichneter Text! Habe ihn mit großem Interesse gelesen und empfinde die Argumentation als durchweg schlüssig und nachvollziehbar und folgenswert, vorallem, weil sie sich nicht großartig von meiner bisherigen Einstellung zu dergleichen Dingen unterscheidet. Hier wird mein Eindruckswulst noch einmal kurz und prägnant in Worte gefasst.

    Man sollte dabei nicht vergessen, dass ethisches Handeln oft eine bestimmte Qualität von Glück erzeugt, sei es bei der ethisch behandelten oder bei der ethisch behandelnden Person.

    Das ist wieder eine Charakterfrage und führt in den Bereich der Psychologie. Was wäre, wenn ich plötzlich entdecke, dass mir das eigene Glücklichsein dermaßen beleibt, dass ich alles andere darüber vergesse und somit das zuvor ausgewogene, von dir angesprochene Verhältnis, zerstöre? Wenn dann noch überwiegend vorgeblich ethisches Handeln gleiche hedonische Qualitäten mit sich brächte, wäre der grundstein für ein unmoralisches Verhalten gelegt.

    Hier lässt sich der Bogen zu pseudo- oder öffentlich primär-sozialen Organisationen schlagen, die intern, beziehungsweise in mal nur bedingter, mal allumfassender heimlichkeitsarbeit völlig andere Interessen verfolgen (siehe hier).

    Selbstdisziplin ist in meinen Augen eine der wichtigsten modernen Tugenden, aus dem einfachen Grund, dass sie bei einem ethisch, moralisch und anders fundierten Selbst greifen muss, um dessen Fortbestand über durch Störfaktoren dieser Elemente dominierte Zeiten hinweg zu sichern. Ohne Selbstdisziplin ist auch kein positiv - im gemeinen Sinne gebraucht - belegter Idealismus möglich, da sich dieser - als einmalig deklariert - nicht ohne Stützen halten kann. Vorallem nicht in unserer heutigen Welt, die das Sammelsorium der Idealismen und Weltanschauungen schlechthin ist.




    Warum solltest du es nicht tun? Solange sie im Text nicht verworfen sind, sind sie kritikfähig - verworfene Punkte selbstverständlich auch, aber unter anderen Voraussetzungen - und man sollte dies auch nutzen.

    Wenn es eine Antwort auf das "soll" gibt, dann erhebt der Formulierende den Anspruch, etwas absolutes, unumstößliches zu zeichnen. Das ist eben nicht der Sinn solcher philosophischer Ausführungen, da sie bei einer Stilisierung ihrer selbst als absolut ins eigene Fleisch schnitten.

    Selbst das Nichts ist noch "etwas", weil man von seiner Existenz weiß. An deine Frage kann man die nach der bewertung von Nahtoderfahrungen anschließen. Sind es qualitativ nutzbare Erkenntnisse, die uns bei der Frage nach einem Leben nach dem Tod weiterhelfen? Sind es wirkliche Erlebnisse, die das jenseits tangieren, beziehungsweise einen Einblick in dieses boten? Oder sind es bloß Erlebnisse, die Besonderheiten eines normal nicht erlebten diesseitigen Bewusstseinszustandes zeigen?

    Da stimme ich dir, da Christen davon ausgehen, dass Gott allgegenwärtig ist. Für die Erklärung Gottes als Jenseitsfigur, ist dieser Schluss aber notwendig, auch wenn er in meinen Augen falsch ist - wobei ich auch etwas übersehen haben kann, was die Behauptung begründet.

    Beweislast hat gemeinhin immer derjenige, der behauptet. In diesem Kontext ist die Aussage getroffen worden.

    Mit Vernunft würde ich gar nicht argumentieren, da Glaube nicht vernünftig sein kann. Vernunft ist immer auf Wissen begründet. So sehe ich das. Außerdem kannst du in solchen Sphären keine Aussage über vernünftig und unvernünftig treffen, womit dein Fortgang wohl enden würde, es aber nicht sollte.

    Hier stellt sich wieder die Frage nach der Qualität von Nahtoderfahrungen.

    Diesen Teil kann ich nicht ganz nachvollziehen, was wohl auch an deiner mitunter etwas wirren Art der Fomulierung liegen mag. Es wäre nett, wenn du diesen Abschnitt noch einmal neu und für mich verständlicher schreiben könntest. :)

    Da widerspreche ich dir. Abhandlungen wie diese können keinen Anspruch auf eine Unmöglichkeit der Verneinung ihrer selbst haben, weil sie sich sonst selbst in ihrem Anspruch als möglichkeitsbasierte Sammlung von Ansichten verneinten. Dieser Text ist genauso wie wissenschaftliche Erkenntnisse falsifizierbar und unterliegt keinem Siegel der absoluten Wahrheitsbeanspruchung.
     
  11. #10 26. Juni 2011
    AW: Transzendentale Eschatologie

    Dass das soll nicht zutreffend ist sehe ich auch, aber nicht mit deiner Begründung. Ein moralisches Soll kann sehr wohl auch in der Philosophie einen Platz haben. Ebenso etwas was absolut nicht sein soll.

    Jedoch ist das Soll nicht zutreffend, weil ich eigentlich sagen wollte, dass nie die Frage gestellt wurde ob ich es wirklich denken "kann" (nicht soll). Ob es der Vernunft widerspricht oder nicht, einen solchen Glauben zu haben.

    Aber genau das meine ich! "Denke an nichts"..Schade geht nicht. Aber wenn ich vor einer Mauer stehe und sage, dass niemand hinter sie schauen kann, dann ist die Frage nach einer Qualität des dahinterliegenden sinnlos ,-nicht weil ich sie nicht beantworten kann, weil ich nicht hinter schauen kann - , sondern weil die Frage schon impliziert, dort würde sich etwas befinden, und sei es nur das "Nichts". Genauso lässt sich fragen, was außerhalb von Raum und Zeit ist. Der Mensch ist gewohnt immer zu fragen: was ist dahinter. Aber an solch einer Grenze, ist die Frage da zulässig? Und das führt mich auf das vorherige. Ist die Frage nach dem danach sinnvoll?

    Was musst du immer beweisen? Dass deine Aussagen stimmen oder dass sie nicht "nicht stimmen? VOr Gericht musst du zeigen dass du dort und dort gewesen bist. Aber für den Glauben sehe ich eine Abmilderung des Beweises. Du musst nur zeigen, dass es nicht unmöglich ist, dass du dort und dort gewesen bist. Vielleicht warst du da, aber vielleicht auch nicht.

    Will sagen, du musst als Christ nicht beweisen dass Gott existiert. Als Atheist musst du nicht zeigen dass er nicht existiert. Wenn du sagst, "der der behauptet hat Beweislast" dann ist das eine aus meiner Sicht unhaltbare Aussage. Atheisten behauptet es gibt Gott nicht. Gläubige behaupten es gibt ihn. Ein Angeklagter behauptet er sei unschuldig, Kläger behauptet der andere sei schuldig. Wer muss beweisen?


    Das sehe ich vollkommen anders. Wobei, deine Aussage dass Glaube nicht vernünftig sein kann, richtig ist. Aber wieso soll ich dann nicht dennoch vernunft als Maßstab nehmen? Ich sage, es soll nicht unvernünftig sein, zu glauben. Wenn du einen Glauben hast (oder eine Interpretation desselben, was ich voraussichtlich hier sagen will), der dir befielt soviele Menschen wie möglich umzubringen dann kann man doch durchaus sagen, dass ich das mit Mitteln der Vernunft als unvernünftig bewerten kann. Anders kann ich aber sagen, dass es nicht unvernünftig ist, kein Alkohol zu trinken. Ob das vernünftig ist, diskutiere ich hier nicht.

    Ich sage nur dass GLauben nicht der Vernunft widersprechen darf, er muss aber nicht durch sie unterstützt werden.

    Eben. Es gibt keinen "absoluten Wahrheitsanspruch" aber das bedeutet nicht, dass ich nicht behaupte dass es nicht falsch ist. Eben das macht doch einen wissenschaftlichen Text aus. Ich will dass er nicht verneinbar ist, weil seine Aussagen logisch und konsistent sind. aber damit sage ich nicht, dass er "wahr" ist.

    Ich sehe btw irgendwie bei mir selber bei E. immer in eine Gott diskussion zu kommen. Ich war ehrlich gesagt auch am Anfang des Textes verwundert, dass E. als nicht ein Teil der Theologie bezeichnet wurde. Ich dachte immer es sei ein Teilbereich?
     
  12. #11 26. Juni 2011
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 15. April 2017
    AW: Transzendentale Eschatologie

    Dem widerspreche ich auch gar nicht, nur reden wir hier nicht von moralischen Dingen, zumindest nicht primär, wenn ich deinen Gedankenansatz nehme.

    Nun stellst du dich selbst vor ein Dilemma. Es gibt drei Möglichkeiten.
    1.) Du glaubst, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.
    2.) Du glaubst, dass nach dem Tod nichts ist.
    3.) Du glaubst, dass nach dem Tod etwas ist, das aber weder nichts noch ein Leben ist.

    Jetzt musst du mir die Frage beantworten, wie man Drittens qualitativ fassen kann. Wenn man den Glauben an ein Leben nach dem Tod als unvernünftig bezeichnet, muss man gleichzeitig den Gegenpart nennen, nämlich was vernünftig ist. Ansonsten hast du nur eine Lösung verworfen, ohne eine weitere zu liefern und somit stehen wir ohne Erkenntnisgewinn da.

    Dein Beispiel ist auf das Diesseits bezogen und nicht vergleichbar mit dem Jenseits und dessen theoretischer Existenz sowie Beschaffenheit.


    Diese Frage wird in dem Link, den n0b0dy gepostet hat, angegangen:

    Sicher, für den Glauben ist dies das richtige Herangehen. Man kann nicht beweisen, dass etwas ist, also beschränkt man sich darauf, dass man nicht weiß, dass es nicht ist. Hier kann man die Wette des Pascal als Beispiel nehmen.

    Religionsintern musst du das sicher nicht. Auch die Einführung neuer Mitglieder in eine Glaubensgruppe geschieht nicht aufgrund von durchschlagender Beweiskraft, die denjenigen präsentiert wurde und sie davon überzeugte, diesen Weg einzuschlagen. Ich lasse die Einschätzung von Wundern und persönlichen Zeugnissen von Gottbegegnungen bewusst heraus, weil sie vollkommen spekulativ sind.

    Zu deiner Frage, wer beweisen muss, steht immer noch meine Antwort, dass es derjenige, der behauptet tun muss. Auf philosophischer wie theologischer Basis gestaltet sich das schwierig, weil Gottesbeweise unmöglich zu liefern sind, solange kein Gott selbst auf der Erde erscheint (und bleibt, um zukünftige Anzweifelungen hinfort zu wischen). Dort stimme ich dir zu. Deswegen sind theologisch-atheistische Diskussionen auch immer auf spekulativer Basis. hierzu empfehle ich dir noch einmal den Link von n0b0dy und greife mir einmal folgende Grafik zur Verdeutlichung des angesprochen Dilemmas der unbeweisbaren Behauptungen auf.
    Spoiler
    muench23.gif
    {img-src: //www.schmidt-salomon.de/muench23.gif}

    Weiter im Text:
    Angeklagter und Kläger sind in der Pflicht, be- oder entlastendes Material in möglichst umfangreicher Menge zu liefern. Seien es Zeugen, Dokumente, Tonbandaufnahmen oder weiteres. Wenn es keine Beweispflicht mehr gäbe, müsste sich der Mensch vollständig auf seinen analytischen Verstand verlassen, der doch meist zu wünschen übrig lässt. Stellst du es dir einfacher vor, als Richter nur auf Basis von Wortreden entscheiden zu müssen, ohne Beweise für die eine oder die andere Behauptung gesehen oder gehört zu haben? Ich mir nicht.
    Und deshalb gibt es eine Beweispflicht - vor Gericht wirklich verpflichtend, in ungebundenen Diskussion mit einem verständnisvollen Lächeln vorgebracht, denn Mythen dichten kann jeder Mensch.

    Weil die Vernunft nur noch bestimmte Qualitäten beurteilen kann, nicht jedoch die einzelnen Existenzfragen. So sehe ich das zumindest. Die Frage, ob der Glaube an ein Leben nach dem Tod vernünftig ist oder nicht, ist hinfällig, weil man das Ganze nicht von oben oder außen betrachten kann. Und nur dann kann man die Entscheidung treffen, ob etwas vernünftig oder unvernünftig ist. Daher halte ich es auch für schlichtweg dumm, Jenseitstheorien von vorneherein als Unvernünftig abzustempeln, weil sie im Endeffekt eine genauso gewichtete Behauptung sind, wie die, dass es kein Jenseits gibt oder dass dieses nicht auf eine bestimmte Art beschaffen ist.
    Hier sind vorallem die Theologen, Gläubigen und Atheisten angesprochen, die den jeweils anderen als Narren bezeichnen.

    Dann bewertest du mit den Maßstäben der Moral. Es ist unmoralisch, aufgrund eines Glaubens so viele Menschen wie möglich umzubringen. Es kann vernünftig sein, weil es dir Ruhe beschert, sowie Geld und Ruhm bei deinen Mitgläubigen. Bis sich dann auch die Mitgläubigen untereinander umbringen. Man sieht: Glaube, der auf unmoralischen Taten basiert, beginnt schnell sich selbst aufzufressen, weil der unmoralische Mensch immernoch moralisch behandelt sein will. Welcher Dieb lässt sich schon gern beklauen?

    Der erste Teil stimmt so, das sehe ich genauso. Zum zweiten Teil des Satzes: Die Vernunft unterstützt nicht aktiv, sie stützt nur. Das mag wie Wortklauberei klingen, ist in meinen Augen aber wichtig. Die Vernunft ist nicht die ständige Fußnote im Buch eines beliebigen Glaubens, sie muss nur die Prämisse auf der ersten Seite sein.

    Dann habe ich im Hinterkopf "es kann sein, muss aber nicht". Es kann immer noch wer kommen und meine Aussagen widerlegen. Natürlich nehme ich sie zunächst als Gesetz an - besonders im naturwissenschaftlichen Bereich. Durch stützende empirische Eindrücke kann ich irgendwann auch mit fast hundertprozentiger Bestimmtheit sagen "es ist so". Aber ein Quantum Unsicherheit bleibt immer - ob es sich nun äußert oder nicht, spielt keine Rolle.

    Das möchte ich vermeiden, zudem hast du im vergangenen Jahr bereits eine Diskussion dazu gestartet. ;-)
     

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